Was vom Tage bleibt
Sturm im Wasserglas

„Mein Kopf gehört mir“ - der Handelsblatt-Titel zum Urheberrecht hat viele aufgeschreckt. Sie konnten heute am Fall Sony studieren, was mit denen passiert, denen das Geschäftsmodell abhanden kommt. Der Tagesrückblick.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Kopfweh

heute morgen hat mich mein Smartphone geweckt. T-Online steht darauf - und dafür, dass das Ding rund um die Uhr im Netz ist, zahle ich Geld. Ich konnte mich waschen, nicht weil ich ein Grundrecht auf Wasser habe, sondern weil ich die Stadtwerkerechnung beglichen habe. Ich habe mich ins Auto gesetzt und über die Benzinkosten gestöhnt. Ich habe ein Brötchen gekauft und einen frisch gebrühten Kaffee aus der Kapsel getrunken, die auch immer teuerer werden, weil die Werbung mit George Clooney einfach so ein umwerfender Erfolg für Nestlé ist. Dann habe ich den Computer im Büro hochgefahren und mir zum ersten Mal an diesem Tag etwas Kostenloses gegönnt. Nämlich die Reaktionen auf unsere Geschichte „Mein Kopf gehört mir“. Falls Sie sich nicht erinnern: Das Handelsblatt hat unter diesem Titel dafür plädiert, dass geistiges Eigentum sein Geld wert bleiben soll. Lustig ist das, was uns da im Netz entgegenschallt. „Nächste Woche im Handelsblatt: 100 Pfarrer erzählen, warum Atheismus scheiße ist“, lautet der kostenlose Tipp für eine Geschichte, die wir als nächstes angehen könnten. Oder: „Das Handelsblatt bringt am Dienstag 100 Friseure, die erklären, warum elektronische Rasierer ihnen den Job kosten: Mein Schopf gehört mir.“ Auch @haggybear dichtet den Titel des Handelsblatt-Aufmachers um: Aus „Mein Kopf gehört mir“ machte er „Mein Topf gehört mir“. So sieht also ein Shitstorm aus, denke bei mir und weiß jetzt genau, was das bedeutet: Sturm im Wasserglas.

Piraten vorn

Diejenigen, die die Gratiskultur im Netz, mit der wir leben, aber von der wir nicht leben können, gerne hochhalten, sind auch die Mitmacher der Piraten-Partei. Sie haben heute erstmals die Grünen in einer bundesweiten Umfrage überholt und kommen auf 13 Prozent. Die Grünen gaben zwei Punkte ab auf elf Prozent. Die FDP scheint sich aus ihrem Tief herauszuarbeiten. Die Freidemokraten legten zwei Punkte zu und kamen erstmals seit Monaten auf fünf Prozent. Damit hätten sie die Chance, wieder in den Bundestag einzuziehen, wenn am Sonntag Wahl wäre. Die Union kam nach der Umfrage auf 36 Prozent (plus ein Punkt), die SPD auf 24 Prozent (minus ein Punkt). Die Linkspartei verlor einen Punkt und erhielt acht Prozent. Damit führte die schwarz-gelbe Koalition mit 41 Prozent deutlich vor den Wunschpartnern Rot-Grün mit 35 Prozent. Keines der beiden Lager schaffte also aus eigener Kraft eine Regierungsmehrheit. Aber mit diesen Lagern ist es eh vorbei und das bringt tatsächlich Leben in die Bude - zu unser aller Freude.

Sony hinten

Der seit Jahren in den roten Zahlen steckende japanische Technologiekonzern Sony hat vermutlich mehr als doppelt so hohe Verluste eingefahren wie zuletzt angekündigt. Das Unternehmen rechnet für das im März abgeschlossene Geschäftsjahr mit einem Minus von fast fünf Milliarden Euro. Noch im Februar war Sony von einem Verlust in Höhe von 2,6 Milliarden ausgegangen. Damit schreibt der Konzern, der einst jenen Walkman produzierte, um den ich meinen besten Freund glühend beneidete, das vierte Jahr in Folge rote Zahlen. Sony ist der Beweis, dass auch Konzerne einen Lebenszyklus haben. Und nur wenn Sie sich immer wieder neu erfinden, können sie dem entgehen. Apple hat es einmal geschafft und Siemens schon viele Male. Die Jungs von Facebook, die gerade eine Milliarde Doller für die Übernahme eines kleinen Internetunternehmens auf den Tisch legen, müssen erst noch zeigen, ob sie zu den Langlebigen gehören.

Fußball obenauf

Gott sei Dank gibt es noch das wahre Leben. Das findet morgen auf dem Fußballrasen statt. München gegen Dortmund - die Spitzenclubs treten gegeneinander an. Darauf wartet die Nation. Für die Intellektuellen unter uns sei der Ausspruch eines begnadeten Kickers hinzugefügt: „Fußball ist wie Schach - nur ohne Würfel.“

Einen Abend voller Vorfreude wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Sturm im Wasserglas"

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  • Urheberrechtlich geschütztes Material

    Wer sind Sie, wenn Sie online sind... Und was macht Ihr Gehirn solange. Sie setzen Ihren Kopf auf die "Schlachtbank", der nicht Ihnen gehört? Das beurteilen Schweizer und Österreicher mit Kontenance. Wer sich nicht schützt, hat litraturwissenschaftlich verloren. Das Unbestimmte ist nicht der Sturm im Wasserglas.

  • @rapid

    gerade gesehen, "fear & losing" war dann der nachgeschobene Fehler ... Fear & Loathing natürlich, ich liebe vor allem diesen unmissverständlichen ersten Satz des Buches ;-)

    Ansonsten: Schnipp-Schnapp, ich befürchte, man "zensiert" uns andernorts. Ich hoffe, Sie haben meine kleine Deadhead Episode noch mitbekommen, bevor die Schere zuschlug.

    fröhliche Grüße

  • @hardy

    Korrektur? Sie haben doch überhaupt nichts verkehrtes geschrieben. Im Gegenteil.
    "rumor", das Gerücht, Sie erinnern sich an die chassidischen Geschichten in der Osternacht?
    Natürlich erinnern Sie sich. Blöde Frage meinerseits. LOL

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