Was vom Tage bleibt
Unverarbeitete Jungfrau zu verkaufen

Auch eine Alibaba-Aktie gekauft? Dann schauen Sie mal, was Ihnen da angedreht wurde. Warum sich ein Franzose in Deutschland zu Hause fühlt und wie banal Visionen sein können, lesen Sie im Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Modischer Neuankömmling

Herzlichen Glückwunsch! Wenn Sie zu den Aktionären der ersten Stunde zählen, die Alibaba-Aktien ergattert haben, dann können Sie sich heute beim Blick auf die Deutsche Alibaba-Seite zum Beispiel über diese Angebote freuen: Eine „unverarbeitete Jungfrau brasilianisches Menschenhaar“ bietet der Online-Händler genauso an wie ein „2014 Neuankömmling modische türkisch Sex“. Ersteres ist eine Perücke, letzteres ein enggeschnittenes Kleid. Beim „Weiß/schwarz pvc Leichensack für Toten mit Griffen“ verbirgt sich tatsächlich hinter der Beschreibung das, was draufsteht. Liebe Aktionäre, Ihr seid nach dem größten Börsengang der Welt nun also Eigentümer eines Unternehmens, von dem man eines zumindest nicht behaupten kann: Es habe seine Entwicklungsmöglichkeiten bereits voll ausgeschöpft.

Der Unverstandene

Wer in die Fremde fährt und dort besser verstanden wird als zu Hause, lebt im falschen Land. So muss sich heute der französische Premierminister Manuel Valls bei seinem Berlin-Besuch gefühlt haben. „Frankreich wird seiner Verantwortung gerecht werden“, versicherte Valls der Bundeskanzlerin. Und: „Wir werden die Reformen umsetzen“ , am Sparkurs halte seine Regierung fest. Es sei „absolut notwendig“, die Haushaltsanstrengungen beizubehalten. Merkel nickte, Frankreich schüttelte den Kopf.

IS ante portas

Stellen Sie sich vor, in Deutschland wäre innerhalb einer Woche ein Flüchtlingsstrom angekommen, der eine Stadt wie Kassel locker füllen würde. Innerhalb eines Monats hätte die Menschenmenge die Zahl der Einwohner einer Stadt wie Frankfurt erreicht. Hierzulande wäre der Teufel los. Genauso geht es gerade der Türkei. Vor der Offensive der Terrormiliz Islamischer Staat im Norden Syriens sind am Wochenende mehr als 100.000 Menschen in die benachbarte Türkei geflohen. Der Schrecken klopft an die Tür Europas.

Bedingt einsatzbereit

Die Einsatzbereitschaft der deutschen Marine ist wegen Rissen im Heck ihrer Hubschrauber eingeschränkt. Die Transall kommt nicht hoch und der Eurofighter steht öfter in der Werkstatt als auf dem Rollfeld. Die Zuverlässigkeit des Materials erinnert eher an italienische Autos aus den siebziger Jahren als an einen VW-Käfer. Die sahen alle gut aus, nur im Winter, auf der Langstrecke, im Stadtverkehr und meistens auch bei Regen waren sie schnell verschlissen.

Kaesers praktische Visionen

„Ich persönlich stehe Ihnen dafür gerade, dass die nachfolgende Generation ein besseres Unternehmen weiterführen kann. Das ist meine Vision. Das ist meine Verantwortung. Das ist mein Versprechen“. Mit diesen Worten hatte Siemens-Chef Kaeser eben noch seine „Vision 2020“ vorgestellt. Jetzt kauft er einen Kompressoren-Hersteller in den USA, der vom Fracking-Boom profitiert. Wenn Visionen praktisch werden, haben sie manchmal etwas geradezu banales.

Einen visionären Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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