Was vom Tage bleibt
Vom Umgang mit der Wahrheit

Tsipras nimmt sich seinen unbequemen Notenbanker nicht zu Herzen, sondern zur Brust. Die Mietpreisbremse funktioniert nicht. In Bremen gibt der Wahlsieger auf. Was heute geschah, lesen Sie hier.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Griechische Wahrheiten

Während in Brüssel die Finanzminister den circa 189 Rettungsversuch für Griechenland versuchen, rumst es in Athen, weil die Notenbank dort die Wahrheit nicht länger verschweigen will. Die Zentralbanker haben absichtlich oder aus Versehen eine Mail abgeschickt. Unter dem Titel „Bilanz der 100 Tage“ (der neuen Regierung) listen sie darin eine Reihe von Fakten auf, die für Regierungschef Tsipras wenig schmeichelhaft sind – wie den massiven Schwund der Einlagen im Bankensystem, den Absturz der Aktienkurse und Immobilienpreise und die wachsenden Zahlungsrückstände des Staates. Der Premier könnte sich diese Punkte zu Herzen nehmen. Oder, zweite Möglichkeit, er nimmt sich die Notenbanker zu Brust. Derzeit sieht es so aus, als fahre er die zweite Strategie. Der griechische Notenbankchef jedenfalls könnte bald Zeit haben, Chef des griechischen Olivenbauernverbands zu werden.

Die Mietpreisbremse bremst nicht

In Berlin ist heute ein interessantes Urteil gefallen: Ein Gericht kippte den offiziellen Mietspiegel, weil er nicht mit wissenschaftlichen Methoden arbeitet. Im konkreten Fall darf der Vermieter nun eine saftige Mieterhöhung durchsetzen. Dass eines der Lieblingsprojekte der Regierung, nämlich die Mietpreisbremse, damit in Frage steht, wird den Berlinern in den nächsten Tagen aufgehen. Mietpreisbremse, Tarifeinheit, Maut – es gibt viele Vorhaben dieser Regierung, die so mangelhaft umgesetzt werden, dass sie vor Gericht nicht bestandssicher sind. Wäre die Regierung ein Handwerksbetrieb, sie würde von Regressforderungen überhäuft werden.

Rolle rückwärts

Nigel Farage heißt jener Mann, der vor der Unterhauswahl in England erklärte, er werde seinen Chefposten bei der rechten UK Independence Party verlassen, sollte er den Sitz im Unterhaus nicht bekommen. So geschah es dann am Freitag: Er erreichte im Wahlkreis Thanet South keine Mehrheit – und erklärte seinen Rücktritt. Das will seine Partei nun jedoch nicht akzeptieren, also zieht Farage seinen Rücktritt wieder zurück. Farage selbst postet auf Facebook, die Wahlkampagne sei doch eigentlich ein großer Erfolg gewesen. Angesichts des anstehenden Referendums zum möglichen britischen Ausstieg aus der EU brauche die Ukip ihr bestmögliches Team. Der Mann ist Berufspolitiker. Niederlagen verdaut er so gründlich, dass er sie als Siege wieder ausscheidet.

Das Böhrnsen-Virus

Jens Böhrnsen ist da anders. Der Bürgermeister von Bremen sah sich gestern noch als Sieger, der Federn lassen musste. Heute hat der SPD-Mann hingeworfen und will nicht mehr weitermachen. Niemals zuvor haben sich bei einer Wahl weniger Menschen beteiligt als diesmal in Bremen. Sie leiden unter dem Böhrnsen-Virus. Politiker wie Böhrnsen stecken Nicht-Wähler an. Sie verbreiten Harmonie und wenn es mal nicht so richtig läuft, treten sie zurück. Da würde ich auch nicht wählen.

Schonzeit für Quereinsteiger

Lencke Steiner heißt die quietschmuntere FDP-Kandidatin in Bremen. Sie ist keine Berufspolitikerin, eher Berufsunternehmerin. An sich wollen wir diese Quereinsteiger. Wenn Sie dann eingestiegen sind, geht es allerdings oft schief. Die ehemalige Journalistin Susanne Gaschke aus Kiel oder der Steuerexperte Paul Kirchhoff wissen davon ein Lied zu singen. Quereinsteiger brauchen eine Schonzeit, bevor sie politisch auf Touren kommen. Das Blöde ist: Danach sind sie oft nicht mehr von Berufspolitikern zu unterscheiden.

Einen schonenden Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Vom Umgang mit der Wahrheit"

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  • Presse und Wahrheit ?? Wenn ein Pressevertreter über Wahrheit schreibt ....???

    So war es früher und ist es heute noch !!!
    1880 war John Swinton Ehrengast bei einem Bankett, das ihm die Führer der Zeitungszunft ausrichteten. Jemand sprach ehrende Worte über die unabhängige Presse.Swinton antwortete (Übersetzung)

    „So etwas gibt es bis zum heutigen Tage nicht in der Weltgeschichte, auch nicht in Amerika: eine unabhängige Presse. Sie wissen das, und ich weiß das. Es gibt hier nicht einen unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben. Und wenn er es täte, wüsste er vorher bereits, dass sie niemals im Druck erschiene. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, dass ich meine ehrliche Meinung aus dem Blatt, mit dem ich verbunden bin, heraushalte. Andere von Ihnen erhalten ähnliche Bezahlung für ähnliche Dinge, und wenn Sie so verrückt wären, Ihre ehrliche Meinung zu schreiben, würden Sie umgehend auf der Straße landen, um sich einen neuen Job zu suchen. Wenn ich mir erlaubte, meine ehrliche Meinung in einer der Papierausgaben erscheinen zu lassen, dann würde ich binnen 24 Stunden meine Beschäftigung verlieren. Das Geschäft der Journalisten ist, die Wahrheit zu zerstören, schlankweg zu lügen, die Wahrheit zu pervertieren, sie zu morden, zu Füßen des Mammons zu legen und sein Land und die menschliche Rasse zu verkaufen zum Zweck des täglichen Broterwerbs. Sie wissen das, und ich weiß das, also was soll das verrückte Lobreden auf eine freie Presse? Wir sind Werkzeuge und Vasallen von reichen Männern hinter der Szene. Wir sind Marionetten. Sie ziehen die Strippen, und wir tanzen an den Strippen. Unsere Talente, unsere Möglichkeiten und unsere Leben stehen allesamt im Eigentum anderer Männer. Wir sind intellektuelle Prostituierte.“ [5]
    (John Swinton geb. 1829, gestorben 1901, Journalist bei der New York Times)

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