Was vom Tage bleibt
Wahllust

Ganz subjektiv aufgeschrieben: Was Sie von den Parteien erwarten dürfen, wenn Sie am Sonntag Ihr Kreuz machen. Zwischen "Weiter so" und "alternativlos" ist alles dabei. Ein Überblick.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Weiter so

Gehen wir sie mal durch, die Parteien und ihre Kandidaten. Ganz subjektiv: Merkels CDU setzt auf ein "Weiter so". Ganz schlecht gefahren sind wir mit der Kanzlerin nicht, ihre Mischung aus Beharrlichkeit und Sachverständnis hat uns wirtschaftlich zum erfolgreichsten Land Europas gemacht. Es hat dazu beigetragen, die europäische Union zu erhalten und die finanziellen Belastungen aus diesem Bündnis bisher erträglich zu halten. Wäre da nicht diese Ahnung, dass nicht Merkels Politik, sondern Schröders Reformen die Quelle des heutigen Wohlstands sind - die Amtsinhaberin hätte einen Bonus verdient.

Mehr Staat

Die SPD von Steinbrück und Gabriel will einiges anders machen. Ihr Programm heißt: mehr Staat. Der Staat setzt einen flächendeckenden Mindestlohn fest. Er mischt sich in den Wohnungsmarkt ein und begrenzt die Mieten. Er regelt unsere Krankenversicherung und sagt uns, wann wir aufhören sollen zu arbeiten. Alle Ideen, die Geld kosten, sollen durch höhere Steuern gedeckt werden, die den Gutverdienenden abverlangt werden. All das ist das Gegenteil von den Schröderschen Reformen, die Steinbrück einst vehement unterstützte. Steinbrück wäre ein gewendeter Kanzler, wenn er sie sich wirklich zu eigen macht. Macht er es nicht, ist er für die SPD der Falsche.

Abgegriffen

Auch die Grünen verteilen um, noch ein bisschen rabiater als die SPD, und es geht noch mehr in Bildung, Erziehung und öffentlichen Verkehr. Sie brauchen also noch mehr Geld. Deswegen müssen sie sich mit dem Argument auseinandersetzen, dass Deutschland schon jetzt so hohe Steuereinnahmen wie niemals zuvor erzielt. Dass der Staat offenbar kein Einnahmen- sondern ein Ausgabenproblem hat. Ihr Kernthema, die Umweltpolitik, ist den Grünen genauso abhanden gekommen, wie ihre Spontanität und das Erfrischende, das ihr Personal einst ausstrahlte. Sie kommen mir vor, wie ein oft gelesenes Buch: Inhalt bekannt, etwas abgegriffen, es wäre schön, wenn der Autor mal eine Fortsetzung liefern würde.

Strohhalm gesucht

Die FDP ist bei den vergangenen Wahlen als Tiger gestartet und nach ein paar Wochen als Bettvorleger gelandet. Überzeugende Liberale sehen anders aus. Sie sehen aus wie Lord Dahrendorf und nicht wie Rainer Brüderle. Sie sehen aus wie Hans-Dietrich Genscher und nicht wie Guido Westerwelle. Oder sie treten auf wie Graf Lambsdorff und nicht wie Philipp Rösler. Wo keine Schwergewichte sind, gibt es auch keine schwerwiegenden Positionen. Immerhin: Soli weg, Betreuungsgeld abschaffen - ein paar Strohhalme zum Festhalten haben die, die die Liberalen nicht nur aus Mitleid oder Mehrheitsbeschaffer der Union wählen wollen.

Die Gespaltene

Ist mit der Linken ein Bundeswehreinsatz im Ausland zu machen oder nicht? Haben Banken ein Geschäftsmodell, wenn die Linke mitregiert oder bleiben nur noch Sparkassen übrig? Ist sie die große Geldausgeber-Partei und besorgt sich die Grundlage für ihre Wohltaten bei den Gutverdienenden oder schafft sie es, ein System mit Leistungsanreizen zu erhalten? Keiner weiß es, Gregor Gysi sagt etwas anderes als Sahra Wagenknecht.

Die Alternativlosen

Ein Thema, ein Mann, ein Problem: Die AfD befürwortet Ausstiegsmöglichkeiten aus dem Euro. Mit einem anderen Thema identifiziert sie niemand. Ihr Personal besteht aus Professor Lucke, Professor Lucke und nochmal Professor Lucke. Wer weder das Thema noch den Kandidaten mag, braucht sich nicht weiter mit dieser Alternative zu beschäftigen.

Nichts dabei für Sie? Machen Sie es einfach wie bei der Wohnungssuche oder dem Gebrauchtwagenkauf: Wenn das Bad mal kein Tageslicht hat, oder die Lackfarbe nicht passt, kann es immerhin sein, dass eine Sonnenterasse oder ein flotter Motor locken. Machen Sie Kompromisse und gehen Sie wählen.

Ein spannendes Wochenende wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Wahllust"

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  • Zitat:
    Ihr (AfD) Personal besteht aus Professor Lucke, Professor Lucke und nochmal Professor Lucke.
    Zitatende

    Und das Personal der CDU besteht nur aus der Physikerin Dr. Merkel, Dr. Merkel, ..., und nochmals Dr. Merkel!

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • https://www.youtube.com/watch?v=eewLb9UVyXo
    NICHT GEBOREN UM ZU GEHORCHEN

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