Was vom Tage bleibt
Warum dieser Streik gekauft ist

Die Lokführer, die jetzt wieder streiken, lassen sich gut dafür bezahlen. Deutsche-Bank-Vorstand gerät unter „friendly fire“. Die Kohleabgabe schrumpft. Was Sie heute wissen sollten, steht hier.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Streik Nummer neun

Natürlich die Bahn mal wieder. Was einen irre macht, sind diese Phrasen: Ein Ende des Streiks nennt die Gewerkschaft nicht, legt aber Wert auf die Feststellung, dass der Streik nicht unbefristet sei. Für mich ist er also erstmal ohne Ende. Und dann dieses Schuld in die Schuhe schieben. Wie Sandkastenkinder streiten sich die Tarifparteien, an wem die Verhandlungen nun wieder gescheitert sind. Ich meine: Angesichts des neunten Streiks müssen beide Seiten öffentlich verhandeln. Wir Journalisten würden uns glatt zutrauen zu bewerten, wer sich konstruktiv verhält und wer nicht. Richtig Lust scheinen die Streikenden auch nicht mehr zu haben: Die GDL musste Ihr Streikgeld in zwei Schritten von zunächst 50 Euro Ende 2104 auf jetzt 100 Euro pro Tag anheben.

Generalabrechnung

Ungemütliche Hauptversammlungen ist die Deutsche Bank gewöhnt. Fast jedes Jahr nutzen die Aktionäre das Treffen für eine Generalabrechnung mit Deutschlands größtem Geldhaus, das in zahlreiche Skandale verstrickt ist und die Eigner immer wieder um frisches Geld anpumpt, aber beim Wunsch nach höheren Dividenden auf bessere Zeiten vertröstet. Am Donnerstag könnte es in der Frankfurter Festhalle aber besonders turbulent werden: Mehrere Großinvestoren kündigen an, dem Vorstand die Gefolgschaft zu verweigern und gegen dessen Entlastung zu stimmen. Das wäre ein Aufstand gegen die Doppelspitze Anshu Jain und Jürgen Fitschen, die vor drei Jahren mit großen Versprechungen angetreten sind – aber bislang nur einen Bruchteil davon geliefert haben. Retten könnte hier nur einer: Paul Achleitner, Aufsichtsratschef und Sitzungsleiter. Doch was kommt von ihm? Auf die Frage der „Wirtschaftswoche“, ob das Spitzenpersonal unersetzbar wäre, sagt er: „Wer ist das schon?“ Im Krieg heißt so etwas „friendly fire“. Tödlich kann es trotzdem sein.

Es wird warm

Proteste von Unternehmen, Gewerkschaften und Wirtschaftspolitikern der Koalition gegen die geplante Klimaabgabe für Kohlekraftwerke zeigen Wirkung. Statt der bisher vorgesehenen 22 Millionen Tonnen sollen auf diesem Wege nur noch 16 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart werden, heißt es in einem Papier des Wirtschaftsministeriums, das unsere Redaktion heute studieren konnte. Die Strafzahlungen sollten auf den CO2-Ausstoß von Kohlemeilern erhoben werden, wenn sie über einer bestimmten Freigrenze Klima schädliches Gas produzieren. Besonders betroffen von der Abgabe sind Vattenfall und RWE, deren Aktien ihre Verluste nach dem Bericht über Entlastungen eingrenzten. Betroffen vom Nicht-Einsparen ist das Klima, dessen Temperatur sich nach der Vorentscheidung heute steigerte.

Fünf vor zwölf – niemals!

Haben Sie eine Uhr um und schauen gleichzeitig Nachrichten? Dann müsste Ihnen etwas aufgefallen sein: In den Nachrichten, die wir lesen, hören oder sehen ist es ständig „fünf vor zwölf“. Es ist fünf vor zwölf beim Klimagipfel. Es ist fünf vor zwölf in der Flüchtlingspolitik. In Griechenland ist es sowieso fünf vor zwölf. Und für Merkel schlägt es in der BND-NSA-Affäre auch gerade fünf vor zwölf. Dabei lässt uns unsere Uhr doch sehr viel mehr Möglichkeiten zu als immer dieses fünf vor zwölf, das jeden an den Western-Showdown um 12 Uhr mittags erinnert, den die meisten Protagonisten nicht überlebt haben. Beim Klima-Gipfel ist es in Wahrheit deutlich nach zwölf. Das Klima wird wärmer. Stoppen lässt sich das nicht mehr, es ist also mindestens Viertel nach drei. In der Flüchtlingspolitik ist die Zeit ebenfalls um, etwas zu retten, bevor es Tote gab. Mit jedem Flüchtlingsboot, das ausläuft, tickt die Uhr aber von neuem. Für Griechenland passt das ganze Bild nicht, und zwar nicht weil die Griechen vielleicht einen Hang zur Unpünktlichkeit haben. Nein, es liegt vielmehr daran, dass das Land pleite gehen kann, ohne dass es Tote geben wird. Wenn kein Geld mehr da ist, wird Griechenland entweder welches drucken oder es bekommt doch noch Kredit von außen. Das Land und die Griechen werden es aber auf jeden Fall überleben. Und, letztes Beispiel: In der BND-NSA-Affäre ist es auch nicht fünf vor zwölf, sondern allenfalls acht Uhr morgens. Wir fangen gerade erst an, uns ernsthaft mit Datensicherheit zu beschäftigen. Es ist das Thema des 21. Jahrhunderts. Wir werden es sicher nicht in fünf Minuten in den Griff kriegen, aber wir können uns die Zeit, die es braucht, auch nehmen. Was ich sagen will: Mir geht dieses dauernde „Fünf-vor-Zwölf-Geschrei“ auf die Nerven. Es verharmlost die Dinge, die wirklich wichtig sind und es dramatisiert die Themen, die in Wahrheit ihre Zeit brauchen. Das Geschrei nivelliert alles – und zwar im höchstem Erregungszustand.

Fünf vor zwölf heute Abend – da könnten Sie dann beispielsweise wirklich ins Bett gehen, Ihr

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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