Was vom Tage bleibt
Warum „Stabilitätsunion“ mein Unwort des Jahres ist

Wer gibt Europas Politikern die Souveränität, die Probleme der Euro-Zone entschieden anzugehen? Der neue Metro-Chef könnte ein Vorbild sein: Er hat konsequent mit der Altlast des Vorgängers aufgeräumt. Der Tagesrückblick
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Wunderschönen guten Abend,

der Schock wirkte nur erstaunlich kurz nach.

Der Rettungsfonds übersteht die Vertrauensfrage

Gestern Abend hat die Ratingagentur Standard & Poor's nachgelegt. Nachdem sie bereits am vergangenen Freitag neun Euro-Ländern die Top-Note bei der Bonität entzogen hatte, hat sie nun auch noch den europäischen Rettungsfonds EFSF herabgestuft. Eigentlich eine ganz logische Entscheidung: Garantieren doch genau diese hochverschuldeten Euro-Länder, den die Ratingagentur das Misstrauen ausgesprochen hat für diesen Fonds. Trotz war natürlich die Aufregung bei vielen europäischen Politikern wieder groß. Von einer "ganz bewusst gegen Europa gezielten Aktion" schwadronierte der bayerische Finanzminister Markus Söder, Bundesaußenminister Guido Westerwelle schlug allen Ernstes die Gründung einer alternativen Ratingagentur nach dem Vorbild der Stiftung Warentest vor. Als wenn diese mit den zerstrittenen, planlosen und sparunwilligen europäischen Politkern, die das Wort "Stabilität" nur im Munde führen und nicht leben, gnädiger umgehen würde. Die Investoren sehen die Sache offenbar gelassener. Sie nehmen das Urteil der Bonitätswächter zur Kenntnis - und kaufen trotzdem die Anleihen. Bei einer Auktion von Geldmarktpapieren flossen dem EFSF heute wie angestrebt 1,5 Milliarden Euro zu, die Zinsen bewegten sich auf einem niedrigen Niveau. Auch der Euro hat heute wieder leicht zugelegt. Das ist die Souveränität, die der Politik abgeht.

EU schlägt Orban auf die Finger

Zumindest in einem Punkt hat die Europäische Union nun konsequent gehandelt: Sie zeigt Härte gegenüber dem ungarischen Regierungschef Victor Orban und seiner radikale Verfassungsreform. Nach wochenlangem hin und her eröffnete die Kommission heute ein Verfahren gegen Budapest. Gleich in drei Punkten sieht sie die europäischen Regeln verletzt: Bei der Kontrolle über die Zentralbank, beim Eingriff in die Justiz und bei der Beschneidung des Datenschutzes. Das war mehr als überfällig. Mal sehen, ob der harte Orban jetzt einknickt.

Kaufhof kommt doch nicht in den Schlussverkauf

Eine souveräne Entscheidung hat auch der neue Metro-Chef Olaf Koch kurz nach seinem Amtsantritt getroffen. Er stoppte vorerst den geplanten Verkauf der Warenhauskette Kaufhof. Zwar wurde der Rückzieher offiziell damit begründet, dass der Kapitalmarkt keine geeigneten Rahmenbedingungen für einen Verkauf biete. Wahrscheinlicher aber ist, dass die beiden potenziellen Bieter einfach nicht bereit waren, die Phantasiepreise zu bezahlen, die sich Metro für die Tochter erhofft hatte. Kochs Entscheidung ist ein Schlag ins Gesicht für seinen Vorgänger Eckhard Cordes, der den Verkauf mit voller Kraft vorangetrieben hatte. Nun muss der neue Chef noch zeigen, dass er auch bei der Neupositionierung von Kaufhof ein besseres Gespür hat als Cordes.

EADS kämpft mit den falschen Problemen

Beim europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS ist der Machtkampf um die Nachfolge von Unternehmenschef Louis Gallois voll entbrannt. Eigentlich soll der deutsche Chef der Tochter Airbus, Tom Enders, an die Spitze wechseln, doch die französische Seite blockiert - weil sie die Machtbalance gefährdet sieht. Als wenn das Unternehmen keine wichtigeren Probleme zu lösen hätte. Heute hat Gallois den Ausblick auf das Jahr 2012 vorgestellt und dabei die zentrale Schwäche des Unternehmens angesprochen: Die chronisch dünne Marge. Mit nationalen Eifersüchteleien bekommt man die aber nicht in den Griff.

Was fehlt? "Döner-Morde" ist wie erwartet zum Unwort des Jahres gewählt worden. Da hätte es sicher bessere Kandidaten gegeben. Mein Favorit wäre in diesem Jahr "Stabilitätsunion" gewesen. Dieser, auch von Kanzlerin Angela Merkel gern verwendete Begriff schaffte es wie kaum ein zweiter, die desolate europäische Fiskalpolitik zu verschleiern und zu beschönigen.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Feierabend,

Florian Kolf

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Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Warum „Stabilitätsunion“ mein Unwort des Jahres ist"

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  • Och wir können für heute noch einen nachlegen, frisch aus dem Brutkasten. Nachdem „Wulffen“ schon etwas älter ist können wir auch mal von den Italienern lernen: „Mach mir den Schettino“ oder auch schettinieren. Es bezeichnet das Lenken großer Schiffe und die Kunst bei einer Havarie einer der ersten zu sein die von Bord sind.

    Als große Hoffnungsungsträgerin begrüßen wir Angela Merkel in diesem Kreis, sie könnte das weibliche Gegenstück dazu werden, die „Schettina“ … (°!°)

    http://qpress.de/2012/01/17/macht-merkel-den-schettino-setzen-wir-die-eurotanic-auf-grund/

  • Wahrscheinlich hat die EZB die EFSF-Anleihen gekauft (oder heimlich über private Schwagerbanken). Die EUdSSR ist ein Schiffsbrüchiger, der die Wahl zwischen Salzwasser und eigenem Urin hat. Beides wird nicht funktionieren.

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