Was vom Tage bleibt
Was für eine heiße Nacht

Die Briten stimmen über ihre Zukunft in Europa ab. Der Finanzminister spendiert ein paar Tassen Kaffee und ein russischer Raumtransporter torkelt gen Erde. Darüber und was sonst noch geschieht, lesen Sie hier.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Willkommen in Europa

Eigentlich sind britische Regierungswechsel schnell und brutal. Als Tony Blair 1997 nach einer euphorischen Wahlnacht durch ein Spalier von jubelnden Parteifreunden in die Downing Street Nummer 10 einzog, stand hinten der Möbelwagen und packte den Hausrat von Wahlverlierer John Major ein. Diesmal wird alles anders. Das Land stellt sich auf tage-, vielleicht wochenlanges Tauziehen ein, schreibt unser Korrespondent Matthias Thibaut aus London. Er bleibt für Sie heute Nacht auf und wird das Geschehen verfolgen. Nach jetzigem Stand der Dinge wird es nicht nur keine Partei geben, die allein regieren kann. Auch die meisten Dreierkonstellationen könnten das Mehrheitsziel verfehlen. Alles deutet darauf hin, dass ohne die Quertreiber der schottischen Separatistenpartei SNP nichts läuft. Aber mit ihnen erst recht nicht. Auch wenn viele Briten es nicht gerne hören: Willkommen in Europa. Warum soll es den Insulanern besser ergehen als hiesigen Politikern?

Morgen bleibt der Ofen kalt

Ab morgen bleibt der Ofen kalt. Weil bei der Bahn nichts geht, weil jedes Verhandlungsangebot am Widerstand der Lokführer-Gewerkschaft scheitert, erreichen Eisenerz und Kokskohle nicht mehr die Hochöfen. Bei Thyssen-Krupp gerät der Materialtransport zwischen den Werken ins Stocken. Ganz laut Alarm ruft aber niemand. Entweder möchte keiner den Lokführern den Triumph gönnen, oder der Streik hat nicht die Wirkung, die er haben soll. Die zweite Variante gefällt mir besser.

Augenwischerei

Der Finanzminister will die sogenannte kalte Progression entschärfen. Sie erwischt uns immer dann, wenn die Steuern stärker steigen als unser reales Einkommen und ist verdammt ungerecht. Doch das, was Wolfgang Schäuble jetzt anbietet, um mehr Gerechtigkeit zu schaffen, ist Augenwischerei. 1,5 Milliarden Euro kostet Bund, Länder und Gemeinden seine geplante Steuererleichterung. Für jeden Bürger dürften vier Tassen Kaffee pro Monat mehr drin sein. In Wahrheit geht der Finanzminister der CDU damit nicht auf uns, sondern auf den Regierungspartner SPD zu. Die Koalition hat ein gemeinsames Projekt und möchte zeigen, dass sie funktioniert. Die Regierung kann sich selbst Applaus zollen. Von uns kommt er sicher nicht.

Heckler & die Spione

In der Affäre um das nicht immer treffsichere Gewehr G36 hat Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen ein Zusammenspiel zwischen dem Hersteller Heckler & Koch und einem hochrangigen Beamten mit Spionageambitionen eingeräumt. Das Ziel: Journalisten auf die falsche Fährte zu setzen. Dazu ist es nicht gekommen. Allerdings fechtet das Handelsblatt derzeit vor dem Bundegerichtshof einen Streit mit Heckler & Koch aus, weil auch wir einst behaupteten, das Gewehr treffe nicht so richtig. Langsam sind wir richtig gespannt, wie die Sache ausgeht.

Kaesers Verwandlung

Joe Kaeser will bei Siemens weitere 4500 Mitarbeiter nach Hause schicken, damit die Marge stimmt. Im abgelaufenen Quartal erzielte Siemens einen Gewinn von 3,9 Milliarden Euro, das ist mehr als dreimal so viel wie im Vorjahr, aber im Konkurrenzvergleich immer noch nicht Spitze. Kaeser ist als Erneuerer angetreten. Derzeit verwandelt es sich in den Sanierer.

Vorsicht Kekse

Eben noch hatte die russische Missionskontrolle den Raumtransporter „Progress M-27M“ auf seinem Weg zur Internationalen Raumstation verfolgt, dann herrschte plötzlich Stille. Am 28. April kurz nach dem Start in der russischen Taiga riss der Funkkontakt ab und nun taumeln 2,3 Tonnen Lebensmittel, Kekse und Wasser durchs All. Auf der Raumstation kommen sie ohne aus. Dort ist der Kühlschrank noch voll. Aber uns fällt die Ladung heute Nacht oder morgen auf den Kopf. Irgendwo. Wenn es also bei Ihnen Lebensmittel regnet, greifen Sie zu. Vielleicht ist russischer Kaviar darunter.

Eine interessante Nacht wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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