Was vom Tage bleibt
Was Herr Draghi nicht sagt

Die Griechenland-Retter verzweifeln. Ägyptens Präsident leidet unter einem Fluch. Blatter versinkt im Sumpf. Die Deutsche Börse bekommt ein Problem. Was heute geschah, lesen Sie hier.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Die Kunst des Weglassens

Mario Draghi kann wortkarg sein. Das ist bei ihm kein Zeichen, dass er etwas nicht weiß, sondern meistens, dass er etwas nicht sagen will. Wie gehe es weiter mit Griechenland, wurde er heute gefragt. „Ich kann dazu nichts sagen, weil ich hier in Frankfurt sitze“, antwortete Draghi. Und: „Der EZB-Rat will, dass Griechenland im Euro bleibt.“ Was er nicht sagen wollte, ist: Seine Geldpolitik ist seit Jahren darauf ausgerichtet, Griechenland in der Eurozone zu halten. Deswegen sind die Zinsen so niedrig und deswegen gibt die EZB Tag für Tag neue Notkredite frei. Was er auch sagen könnte: Den Griechen hat das bisher eigentlich nicht geholfen. Sie stehen heute nicht besser da als zu Draghis Amtsantritt.

Der Fluch des Pharao

Am Ende der Pressekonferenz, als Ägyptens Präsident al-Sisi schon gehen wollte, gab es doch noch Ärger: Eine in Deutschland lebende arabische Journalistin hatte nicht die Gelegenheit bekommen, ihre Frage zu stellen. Also rief sie ihre Sicht der Dinge in den Raum: „Er ist ein Mörder“, lautet die. Die Journalistin wurde daraufhin von Sicherheitskräften abgedrängt. Die Mehrzahl der anderen ägyptischen Journalisten skandierten: „Es lebe Ägypten“. Al-Sisi leidet unter einer Art Fluch des Pharao: Er kann reisen, wohin er will – der Konflikt aus dem eigenen Land ist stets schon da, bevor er ankommt.

Wieso es eng für Herrn Blatter wurde

Loretta Lynch ist die ehrenwerte Justizministerin der USA, die einer möglicherweise nicht so ehrenwerten Gesellschaft wie der der Fifa gerade ziemlich auf den Pelz rückt. Die Kollegen der FAZ konnten gestern, noch vor dem Blatter-Rücktritt, mit ihr reden. Ihre Aussagen sind ernüchternd. Kostprobe: „Jedes Mal, wenn die Fifa nach internen Untersuchungen korrupte Funktionäre abgesetzt hat, wurden sie durch andere ersetzt, die genau in derselben Art und Weise weitermachten. Sie sahen ihre neue Position vor allem als Gelegenheit, Bestechungsgelder anzunehmen.“ Oder auf die Frage, dass auch Bestechungsgelder für die Blatter-Wahl geflossen seien: „Ja, das steht in der Anklage.“ Langsam ahnen wir, wie eng sich die Schlinge, an der die Ermittler knüpfen, auch um Sepp Blatters Hals gezogen hat.

Vergiftetes Geschenk

Es soll bei einem Treffen leitender Banker des Schweizer Geldhauses UBS in Tokio passiert sein. Ein äußerst heikles Thema kam auf den Tisch: die versuchte Manipulation des Referenzzinssatzes Libor. Auch der damalige Co-Chef der UBS-Investmentbanksparte Carsten Kengeter war dabei. So hat es jedenfalls heute beim Gerichtsprozess in London Tom Hayes geschildert, der als eine der zentralen Figur im Libor-Skandal gilt. Hayes hat damit das nächste deutsche Unternehmen in die Affäre reingezogen: Kengeter ist seit ein paar Tagen Chef der Deutschen Börse. Möglicherweise hat er ein vergiftetes Willkommensgeschenk im Gepäck.

Einen ausgeruhten Feiertag wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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