Was vom Tage bleibt
Was wir über Bundespräsidenten wissen müssen

Ein Buchtitel genügt, um Hartz-IV-Versteher gegen Wulff auf die Palme zu bringen. Merkel sitzt in der Falle. Richter erlauben, NPD-Mitglieder Spinner zu nennen. Der Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Das Kartell der Vorverurteiler
Kennen Sie Ulrich Schneider? Er ist Hauptgeschäftsführer des paritätischen Wohlfahrtsverbands und kann lesen. Jedenfalls Titel lesen. „Ganz oben – ganz unten“ ist der Titel des Buches, das Christian Wulff über sich verfasst hat und heute vorstellte. Schneider hat es gelesen, jedenfalls den Titel, und erklärt, das Buch verletze die Gefühle von Hartz-IV-Empfängern. Denn mit einer Bundespräsidenten-Rente von rund 200.000 Euro sei ja nun niemand ganz unten. In der Wulff-Affäre wurde viel vorverurteilt. Schneider reiht sich in die Liste der Vorverurteiler nahtlos ein. In der Wulff-Affäre wurde auch viel Überflüssiges geschrieben. Möglicherweise ist seit heute noch mehr auf dem Markt. Ich mache deswegen besser hier Schluss.

Juncker hilf!
Es ist schon dumm gelaufen: Die Kanzlerin sieht zu, wie sich zwei Kandidaten für die EU-Kommissionsspitze positionieren, dann gewinnt der eine und Merkel sieht wieder zu, wie der Gewinner offiziell demontiert wird. David Cameron will Jean-Claude Juncker nicht. Eher würde er mitsamt seinen Landsleuten die EU verlassen. „Alternativlos“ ist das Wort, das Merkel sonst in solchen Situationen einfällt. Man könnte auch sagen: Sie hockt in der Falle. Hinaus kommt sie nur mit Hilfe derjenigen, die sie reingeschubst haben. Juncker oder Cameron müssen ihr die Hand reichen.

Schnörkelloses Urteil
Der Bundespräsident darf NPD-Anhänger weiter ungestraft „Spinner“ nennen. Das Verfassungsgericht hat ihm seine Wortwahl freigestellt, obwohl sich die NPD zutiefst gekränkt sieht und Klage erhoben hatte. Es ist immer gut, wenn Richter die Wahrheit ermitteln. In diesem Fall haben sie ihren Job schnörkellos erledigt.

Der Draghi-Dax
Der Dax stabilisiert sich oberhalb von 10.000 Punkten. Früher wäre das ein Zeichen dafür gewesen, dass Anleger den Unternehmen ihr Vertrauen schenken. Heute ist es ein Indiz dafür, dass sie nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld. Draghi ist der beste Turbo, den der Dax jemals hatte.

Der Sturm
Düsseldorf, wo diese Zeilen entstehen, hat in den vergangenen Stunden zwei Stürme ausgestanden, die einem tatsächlich das Hören und Sehen vergehen ließen. Die Stadt sieht aus, wie nach einem Partisanen-Angriff: Zerquetschte Autos, abgerissene Oberleitungen, Menschen, die lieber in ihren Häusern bleiben. Unser Hausbesitzer inspizierte heute mit unerschütterlicher Miene die Schäden: „Wer viel besitzt, muss auch viel aushalten können“, lautete sein Kommentar. So gesehen wird Düsseldorf eine ganze Menge aushalten müssen.

Einen lauen Abend wünscht Ihnen
Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Was wir über Bundespräsidenten wissen müssen"

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  • "Schneider hat es gelesen, jedenfalls den Titel, und erklärt, das Buch verletze die Gefühle von Hartz-IV-Empfängern. "

    Entgegen Ihrer Meinung teile ich die Ansicht von Herrn Schneider. Ein Jahresgehalt von 200.000 € ist nicht Basis für das Mitleid der Bürger als einer "von ganz unten" einfordern zu dürfen.

    Ich halte die Vorgehensweise "um die Person Wulff" seitens der Kanzlerin und ihrer "Arme" auch nicht für zivilisiert. Aber auch Herr Wulff hat Probleme darin zu erkennen, was wirklich "oben" und "unten" beschreibt. Der Realitätsbezug geht völlig an ihm vorbei und verletzt in der Tat die Gemüter derer, die wirklich "unten" sind. Gewiss beschwert sich Herr Wulff in berechtigter Weise. Aber was wäre mit ihm außerhalb seines früheren Einflussbereichs Niedersachsen passiert? Soll er sich doch einmal den Fall Mollath in Bayern vor Augen führen. Hat er sich in dem Fall engagiert, als ein anderer Bürger von der "Justiz" getreten wurde? Bewusst gelesen habe ich von ihm nichts.

    Auch ein Bundespräsident oder ein ehemaliger Bundespräsident hat anzuerkennen, dass alle vor dem Gesetz gleich sind. Der Gleichheitsgrundsatz geht weit über die Differenzierung "ganz unten" und "ganz oben" hinaus. Das verschiedene Politiker die "Unabhängigkeit der Justiz" höher ansetzen als die gesetzlichen Vorschriften, das ist eine Eigenheit, die in vielen Staaten anzutreffen ist, die Gerechtigkeit mit Legalität verwechseln.

    Aus diesem Grund hoher Respekt gegenüber Herrn Schneider, der denen da "unten" eine Stimme gab und sich nicht melden dürfen.

  • Wulff ist ein verklemmter u. schnorrender Nichtsnutz. Er lernt nichts dazu.
    Dass so ein Vogel noch frei rumläuft ... wundert mich.

  • Christian Wulff und Ulrich Schneider sind einander wert.
    Wulff erhält ohne wesentliche eigene Verdienste im Amt
    einen den normalen Menschenverstand übersteigenden "Ehren-?-
    Sold. Herr Ulrich Schneider ist ein Mensch, der sich mit "professionellem sozialem Jammern " Reputation verschaffen möchte und wahrscheinlich davon auskömmlich leben kann.

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