Was vom Tage bleibt
Waterloo, Stalingrad, Kobane?

Eine Grenzstadt in Syrien wird zum Fanal für das Abendland. Der IWF verteilt Hiobsbotschaften. Ein Deutscher traut seinen Ohren nicht. Und: der Missbrauchsfall Helmut Kohl – all das liefert dieser Tagesbericht.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Waterloo

In der syrischen Grenzstadt Kobane kämpfen IS-Milizen gegen unterlegene Kurden. Vor einer Woche kannte niemand Kobane, aber heute ist es so, als sei es das Waterloo für das Abendland, und das Stalingrad für seine Bewohner: Amerika hat die Stadt aufgegeben, die Türkei schaut der Zerstörung zu, wir greifen nicht ein, aber das Leid auf den Straßen ist unermesslich. In Waterloo ging ein Weltreich zu Grunde. Kobane fordert die Weltgemeinschaft heraus, alles zu tun, damit sich kein neues Waterloo ereignet.

Kobane liegt in Deutschland?

Kobane ist in Deutschland. Es steht auf den Fäusten, die Kurden und Salafisten in Hamburg gegeneinander ballen. Der Krieg, 3000 Kilometer von uns entfernt, ist in Hamburg-St. Georg angekommen. Dort nennt er sich Straßenschlacht.

Der IWF und sein Problem

Der Internationale Währungsfonds (IWF) stellt fest, dass in der Eurozone 70 Prozent der Banken zu schwach sind, um genügend Kredite zu vergeben. Das ist ein Problem. Und zwar eines des IWF. Er überschüttet uns mit Hiobsbotschaften, aber liefert keine Lösungen.

Schluss mit der Eigeninsolvenz

Mifa steht für mitteldeutsche Fahrradfabrik. Vergangene Woche noch hatte sich das 800 Mitarbeiter starke Traditionsunternehmen, dessen Großaktionär Carsten Maschmeyer ist, und in dessen Aufsichtsrat Maschmeyer-Freund Utz Claassen das Sagen hat, in Eigeninsolvenz sanieren wollen. Heute machten die Amtsrichter einen Strich durch dieses Vorhaben. Das Management wird es nicht packen, ein Insolvenzverwalter muss her, verlangen sie. Mifa steht auch für: Missmanagement frisst Arbeitsplätze.

Hells Preis

„Im ersten Moment habe ich gedacht, das ist vielleicht ein Scherz“, sagte Stefan Hell. Doch es war keiner. Der deutsche Chemiker hat den Nobelpreis bekommen. „Ich habe eine Weile gebraucht, das zu realisieren“, berichtet der 51-Jährige, der für ein besonderes Mikroskop ausgezeichnet wird, das er erfunden hat. Es gewährt Einblicke in lebende Körperzellen. Der Mensch wird immer transparenter. Amazon weiß, was ich morgen kaufe, das Finanzamt kennt die Größe meines Arbeitszimmers, und die Krankenkasse weiß nun dank Herrn Hell, was meine Zellen so treiben.

Lebendiges Denkmal

Ich bin mit Helmut Kohl groß geworden. Er im Kanzleramt, ich sonstwo. Ich habe über diesen Mann gelacht, ich habe ihn bewundert, ich habe mich über ihn schwarz geärgert. Genauso will ich ihn im Gedächtnis behalten. Kann ich aber nicht, weil der Mann, der nicht einmal mehr seine Gesten geschweige denn seine Worte beeinflussen kann, von seiner Frau als rollendes Denkmal des Verfalls durch die Gegend und eben über die Frankfurter Buchmesse geschoben wurde. Manche Denkmäler nehmen im Laufe ihres steinernen Daseins menschliche Züge an. Bei Kohl ist es umgekehrt: Er versteinert bei lebendigem Leib. Ich möchte, dass wir ihm seine Würde lassen.

Einen ruhigen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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