Was vom Tage bleibt: Weiße Salbe für die Euro-Krise

Was vom Tage bleibt
Weiße Salbe für die Euro-Krise

EZB-Chef Mario Draghi versprüht Optimismus, Berlusconi sammelt fleißig Haftstrafen, Obermann will zurück zu den Wurzeln und Reitzle legt die Latte höher. Der Tagesrückblick
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Wunderschönen guten Abend,

Auf Gedeih und Verderb

EZB-Präsident Mario Draghi gibt sich alle Mühe, weiße Salbe auf die Euro-Krise zu schmieren. Die Konjunktur im Euro-Raum habe das schlimmste hinter sich und die Aussichten hellten sich wieder auf, die Italienwahl habe an den Märkten keine nachhaltigen Spuren hinterlassen, weitere Euro-Staaten würden von den Turbulenzen nicht in Mitleidenschaft gezogen. Alles wird gut? Wohl kaum. Wo bleibt bei ihm mal ein selbstkritisches Reflektieren, welche Nebenwirkungen die hemmungslose Politik des billigen Geldes haben könnte? Das gefährliche Durchwursteln der Politik hängt immer mehr Menschen ab und hat bisher kaum eins der Probleme gelöst. Indem Draghi diese Politik unterstützt, hat er sich auf Gedeih und Verderb daran gekettet - mit ungewissem Ausgang.

Unverfroren und hemmungslos

Der eine sammelt Briefmarken, der andere Verurteilungen. Skandalpolitiker Silvio "Bunga-Bunga"-Berlusconi ist jetzt erneut zu einem Jahr Knast verdonnert worden, diesmal wegen der Veröffentlichung eines illegalen Telefonmitschnitts. Zu vier Jahren Haft ist er ja bereits in einem anderen Verfahren in erster Instanz verurteilt - und einige Verfahren stehen noch aus. In der Regel geht es dabei um die unappetitliche Verknüpfung von politischer Macht mit persönlichen und wirtschaftlichen Interessen. Dass er das so unverfroren und hemmungslos macht, ist viel schlimmer als alle seine populistischen Sprüche. Zeigen seine Wahlerfolge, dass das vielen Wählern egal ist? Das wäre ein trauriges Fazit.

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Kein schlechter Tausch

Dass es nicht selbstverständlich ist, sich um jeden Preis an die Macht zu klammern, zeigt das Beispiel René Obermann. Er war ganz oben angekommen, Herr über 230.000 Mitarbeiter und einen Umsatz von 58 Milliarden Euro. Doch er war offenbar der Intrigen, Machtspielchen und Schwerfälligkeiten im Konzern so überdrüssig, dass er nun zu einem kleinen Kabelnetzbetreiber in den Niederlanden wechselt. Dort kann Obermann, der als Kleinunternehmer in seinem Wohnzimmer in Münster seine Karriere gestartet hat, nun wieder schnell und flexibel die Weichen fürs operative Geschäft stellen. Wahrscheinlich gar nicht der schlechteste Tausch.

Effizient statt eitel

Seinen Abschied bereitet auch Linde-Chef Wolfgang Reitzle vor. Sein letztes Jahr an der Spitze wird aber alles andere als Altersteilzeit. Nachdem er im vergangenen Jahr schon ein Rekordergebnis vorgelegt hat, hat er die Messlatte nun noch einmal höher gelegt. Insgesamt hat er eine überraschende Karriere hingelegt. Galt Reitzle zu seiner Zeit bei BMW noch als Mann für schnelle Autos und Lifestyle, hat er bei Linde unauffällig und erfolgreich das Unternehmen umgebaut, modernisiert und für die Zukunft fit gemacht. Effizient statt eitel. Das hätten ihm viele nicht zugetraut. Sein Nachfolger dürfte es nicht leicht haben, aus seinen Fußstapfen zu treten. Wahrscheinlich tut sich der Aufsichtsrat deshalb so schwer, einen neuen Linde-Chef zu finden.

Was fehlt? Anfang der Woche hatte ich ja über die preisgekrönte Handy-App berichtet, die Schwarzfahrer vor Kontrolleuren warnt und um weitere Ideen für schräge Apps gebeten. Ein Leser wünschte sich eine App, die verrät, wo es immer noch die von der EU verbotenen Glühbirnen gibt. Ein anderer regte eine an, die Preise einscannt und dann gleich den Anteil der Inflation ausweist. Schön wäre auch eine App, die bei Wahlkampflügen von Politikern warnt. Aber die müsste dann ja fast permanent klingeln.

Ich wünsche Ihnen einen handyfreien und damit entspannten Feierabend.

Florian Kolf

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Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Weiße Salbe für die Euro-Krise"

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  • "Euro-Desasters"
    ___________________

    Erstmal Hausaufgaben machen bevor man als FatFinger die Wurst gibt - am besten.

  • @Brasil
    Schließe mich dem an.
    Angesichts des Euro-Desasters können einem Bunga-Bunga und illegale Telefonmitschnitte wirklich egal sein.
    Ich persönlich hätte auch nichts gegen einen Verbrecher in der deutschen Politik einzuwenden, der nur erkennen würde, daß der Euro ein schwerer Fehler war. Das alleine wäre schon ein Grund, ihn zu wählen.

  • hard work - hard play
    "Wir werden den Change in die DNA der Menschen implementieren".
    ________________________

    Da kümmert sich die DNA schon selbst drum, wer oder was da implementiert mit welchem Erfolg.

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