Was vom Tage bleibt
Wem Anleger alles ihr Vertrauen schenken

Kann Wladimir Putin die Börse verzaubern? Ist Europa über Nacht reicher geworden? Und was ist in bayerischen Gerichtssälen los? Drei Fragen und zwei Antworten auf diesen Tag lesen Sie hier.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Putin befeuert die Börse

Egal ob Sie ihm glauben, ob ich ihm glaube – die Börse glaubt ihm: Wladimir Putin hat heute jene Halbinsel besucht, die er im Frühjahr annektieren ließ. Auf der Krim hielt er eine Rede und präsentierte sich als ein friedfertiger Mensch. Er werde alles in seiner Macht stehende tun, damit der Konflikt in der Ukraine so bald wie möglich beendet wird, sagte er, sprach von „blutigem Chaos“ und „mörderischem Bruderkrieg“. Der dadurch ausgelöste Handelskrieg mit den USA und Europa bedeute nicht, dass die Regierung in Moskau die Verbindungen zu den Partnern kappen wolle. Anleger deuteten das als Entspannungssignal und gingen Einkaufen. Die seit Wochen gebeutelte Börse sprang nach der Rede jedenfalls ins Plus. Wissen die mehr als wir?

Juhu - wir rechnen uns reich

Deutschland ist über Nacht um viele Milliarden reicher geworden. Allerdings ist dieses Wunder einmalig. Der Grund für die ad-hoc-Einkommensvermehrung ist eine Umstellung der Statistik. Seit heute wenden die Rechenkünstler der Statistikbehörde die Regeln des „Europäischen Systems der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung“ an. Unterm Strich werden dadurch mehr Leistungen im Bruttoinlandsprodukt erfasst. Zum Beispiel Prostitution, Drogenhandel und Zigarettenschmuggel. „Grundsätzlich soll das Bruttoinlandsprodukt die gesamte Wirtschaftsleistung erfassen, unabhängig von einer moralischen Wertung“, sagt Norbert Räth, Leiter der Gruppe Inlandsprodukt beim Statistischen Bundesamt. Der Mann klingt nicht unglücklich dabei, schließlich ist sein Job über Nacht interessanter geworden. Wie stark solche Rechenmethoden das Bruttoinlandprodukt beeinflussen können, zeigt ein altes Beispiel aus Italien. Als dort 1987 erstmals die Schattenwirtschaft in die Berechnung miteinbezogen wurde, stieg das BIP über Nacht auf einen Schlag um 18 Prozent. Bei uns geht es knappe drei Prozent nach oben. Mehr schaffen wir einfach nicht.

Aufstand der Autoren

Nele Neuhaus war eigentlich immer ein großer Fan von Amazon. Als die Bestsellerautorin einst anfing Bücher zu schreiben, fand sie zunächst keinen Verlag. Die Lösung: Amazon. Dort konnte sie ihr Buch veröffentlichen und bekam auch ihr Geld. Doch sie hat ihre Meinung über Amazon inzwischen radikal geändert, denn der US-Konzern setzt Autoren immer stärker unter Druck – auch Neuhaus' Verlag. Deswegen hat die Autorin sowie hundert andere deutschsprachige Autoren auch einen offenen Brief an Amazon unterschrieben. Sie wollen nicht länger akzeptieren, dass ihre Bücher „als Geiseln“ genommen werden. Der Fall Neuhaus zeigt: Amazon ist ein guter Geburtshelfer, als Partner fürs Leben aber ein bisschen dominant.

Wer ist hier verrückt?

Es ist kein guter Tag für das bayerische Rechtssystem: Das Landgericht Regensburg musste heute einen jahrelangen Justizirrtum korrigieren und Gustl Mollath freisprechen. Es gebe keine Hinweise auf eine Geisteserkrankung, stellte die Richterin fest. Genau deswegen hatte Mollath aber sieben Jahre in der geschlossenen Psychiatrie verbracht. Die Frage ist jetzt: Wenn Mollath vernünftig ist, über welchen Geisteszustand verfügen dann diejenigen, die ihn solange eingesperrt haben?

Nur Grauen im Kopf

Journalisten dürfen Fragen stellen. Und Journalisten sind der Wirklichkeit verpflichtet. Meine Kollegin Maike Freund hat es sich angetan, jene Bilder, die die islamistische Terrorgruppe IS ins Netz stellt, anzuschauen. Die Bilder sind Teil des Schlachtens im Irak, sie sind ein taktisches Mittel zur Kriegsführung und sie zeigen eine blutige Realität. Wie sollen wir mit ihnen umgehen? „Ich habe kein Fazit“, schreibt Freund. „Nur Grauen im Kopf. Und das Wissen, dass ich diese Bilder nicht mehr loswerde.“

Wenn Sie diesen Abend friedlich verbringen wollen, sparen Sie sich diese Bilder. Sie werden dadurch allerdings nicht verschwinden. Ein nachdenklicher Gruß

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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