Was vom Tage bleibt
Wer der Krise trotzt - und wer nicht

Die französische Regierung zeigt Mut, die deutsche Wirtschaft zeigt Schwäche, BMW zeigt Weitsicht und der olympische Gedanke zeigt, dass er noch lebt. Der Tagesrückblick
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Wunderschönen guten Abend,

Französischer Alleingang

Es ist ein Experiment, das von vielen europäischen Regierungen aufmerksam beobachtet werden dürfte: In Frankreich gibt es seit heute eine Finanztransaktionssteuer. Nachdem bisher alle Versuche gescheitert waren, diese Abgabe europaweit einzuführen, machte schon das böse Wort vom Mikado die Runde: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Denn, so die Befürchtung, wenn ein Land die Steuer im Alleingang einführt, verlagern die Investoren einfach ihre Geschäfte ins Nachbarland. Doch vielleicht hat Frankreich durch seinen Alleingang nun den gordischen Knoten durchschlagen und andere folgen. Schließlich hat die Idee durchaus Charme, die Investoren an der Bewältigung der Schuldenkrise zu beteiligen. Und ein Steuersatz von 0,2 Prozent tut dem Einzelnen nicht weh.

Deutsche Schwäche

Auch die deutsche Wirtschaft ist mittlerweile gegen die Schwäche in der Euro-Zone nicht mehr immun. In Deutschland liefen die Geschäfte im Juli so schlecht wie zuletzt vor drei Jahren, zeigt eine Umfrage unter den Einkaufsmanagern von mehreren hundert Firmen. Der Einkaufsmanagerindex sank von 45,0 auf 43,3 Punkte und entfernte sich damit immer weiter von der 50-Zähler-Marke, ab der er Wachstum signalisiert. Die Unsicherheit in Europa fordert ihren Preis.

BMW sichert sich die Zukunft

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob sich auch BMW von der Flaute in Europa anstecken lässt. Im zweiten Quartal sackte das Ergebnis vor Steuern um ein Viertel auf 1,977 Milliarden Euro ab. Doch der Eindruck täuscht. Denn mitverantwortlich für den Gewinnrückgang sind Millioneninvestitionen in neue Modelle und neue Technologien. Und genau damit sichert sich der Premiumhersteller die Wettbewerbsfähigkeit in der Zukunft. Ist schon gut wenn man einen starken und weitsichtigen Großaktionär wie die Quandt-Familie im Rücken hat und nicht eine unberechenbare Mutter wie General Motors.

Nokia verspielt seine Zukunft

Wie schnell ein Marktführer zum Spielball der Konkurrenten und der Märkte werden kann, wenn er seine Zukunft nicht sichert und die Produktinnovation vernachlässigt, zeigte heute das Beispiel Nokia. Nach Gerüchten, der angeschlagene Handyhersteller werde vom chinesischen Konzern Lenovo übernommen, stieg der Aktiekurs um 17 Prozent - nur um kurz darauf wieder dramatisch abzustürzen, als Lenovo das ganze als "Witz" bezeichnete. Nokia ist wohl nicht mehr zu retten und taugt nur noch als abschreckendes Beispiel.

Was fehlt? Der olympische Gedanke lebt - trotz aller Kommerzialisierung der Spiele. Acht Badminton-Spielerinnen sind disqualifiziert worden, weil sie versucht haben, absichtlich zu verlieren um starken Gegnern aus dem Weg zu gehen. Diese Besinnung auf den sportlichen Gedanken klingt fast ein bisschen anachronistisch - aber schön.

Florian Kolf

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Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Wer der Krise trotzt - und wer nicht"

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  • Man kann einem Sturm trotzen oder einer Krankheit, bei überschuldeten Staatshaushalten funktioniert das nicht.

    Die empirische Wissenschaft ist ja nicht blöd. Bisher nämlich kannte die Kreditwirtschaft nur die Ausdehnung; alle politischen Versprechen wurden gebrochen.

    Wir leben auf Pump und Brüssel subventioniert sich zu Tode. Den Schuldenberg einzuschmelzen, ist unmöglich, der Schock würde die Preise in den Himmel schnellen lassen, und wir sind alle Habenichtse. Deshalb sollen wir Leasen, Raten zahlen, Konten überziehen, Kredite aufnehmen, Wechsel unterschreiben und - Bürgschaften bejubeln.

    Kanzler Schröder war zwar nicht der Anfang, hatte aber mit seinen Maßnahmen die Kaufkraft endgültig entzogen und den Binnemarkt trocken gelegt. Depression. Müntefering flüsterte nämlich in Kanzlers Ohr: zur Not lassen wir Geldscheine aus dem Flugzeug regnen! (Erinnert sich wer?)

    Das flüssige Geld ist weg. Euro gefloppt. Exitus.


  • @winfriedsobottja

    Volle Zustimmung, da sollten sich mal unsere Politiker eine Scheibe von abschneiden, aber diese Politikergilde muss leider noch geboren werden.

  • Die französische Regierung zeigt keinen Mut, sondern Vernunft. Ich will und kann nicht sagen, dass sie alles optimal/ideal mache - aber was sie tut, sind grundsätzlich richtige Schritte, sie hat es nicht nötig, ihr wirtschaftspolitisches Handeln mit Lügenmärchen zu "erklären", sie kann dem französischen Volk gerade in die Augen schauen.

    Vive la France!

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

    http://www.freitag.de/autoren/dipl.-kfm.-winfried-sobottka/die-wahren-hintergruende-der-euro-krise

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