Was vom Tage bleibt
Wie wir uns in die Tasche lügen

Waffen liefern oder nicht? Es gibt einen Weg, hierzu eine Haltung zu finden, mit der Sie auch diesen Abend überstehen können. Was Sie sonst noch diskutieren könnten, lesen Sie hier.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Krankenhäuser statt Kriegsgerät

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat vorhin nach eine Treffen mit Betriebsräten aus der Rüstungsbranche gesagt, er werde sich von seinem restriktiven Kurs bei Waffenexporten nicht abbringen lassen. Schön, nur: In Wahrheit lügen wir uns etwas in die Tasche. Während Gabriel mit den Betriebsräten redet, grübelt die Bundesregierung laut darüber nach, ob sie ganz unrestriktiv Waffen an die Kurden liefern soll, damit sie die IS-Kämpfer besser beschießen können. Das passt nicht zusammen. Was wir brauchen, ist eine Haltung, die wir auch dann vertreten können, wenn es zum Ernstfall kommt. Meine Haltung lautet so: Ich würde mich unwohl fühlen in einem Land, das nicht in der Lage ist, sich zu verteidigen. Das billige ich auch anderen Ländern zu. Deswegen gibt es eine Rüstungsindustrie und deswegen darf sie auch Waffen exportieren. Voraussetzung ist, dass sie nur dorthin exportiert, wo demokratische Entscheidungsprozesse eingehalten werden, um über den Einsatz dieser Waffen zu entscheiden. Das ist weder im Irak noch bei den Kurden der Fall. Dorthin darf Deutschland deswegen allenfalls Krankenhäuser, aber kein Kriegsgerät liefern. Ergebnis dieser Haltung ist: Wir stehen ohne Wenn und Aber zu unseren Rüstungsfirmen. Aber wir kontrollieren scharf und nachhaltig, wohin sie liefern. Geht doch, oder?

Die wahren Kriegsgewinner

Wir reden über Kämpfe in der Ukraine, Gaza und Irak, weil dort Menschen sterben. Bei einem Cyberkrieg kommt erst einmal niemand um. Dafür könnten Millionen von Menschen bei einem Cyberangriff ohne Strom dasitzen. Die Türen im Kaufhaus gingen nicht mehr auf, die Kühlschränke tauten ab, die Telefone stünden still, das Benzin an der Zapfsäule würde nicht mehr fließen. Der Cyberkrieg wäre schnell vorbei und würde mit der bedingungslosen Kapitulation des Angegriffenen enden. Schon zum Preis eines Eurofighters kann sich jedes drittklassige Regime ein Hackerteam leisten, das genau so einen Angriff vorträgt und damit mehr anrichtet als ein Heer von Infanteristen oder eine Flotte von Flugzeugen. Innenminister Thomas de Maizière ruft deswegen das Ziel aus, Deutschlands IT-Systeme zu den sichersten der Welt machen. Ob der Minister weiß, dass fast alle relevanten IT-Unternehmen ihren Sitz in den USA haben? Den Cyberkrieg hat Amerika für sich entschieden, bevor wir gemerkt haben, dass er ausgebrochen ist.

Vorfreude

Natürlich kann es sprechen. Und es kann sehen und uns führen. Und wahrscheinlich kann es noch viel mehr, das neue iPhone. Vielleicht präsentiert Apple es schon im September. Auf jeden Fall streut Apple bis dahin heftig Gerüchte, die neugierig machen. Vor allem Anleger: Ihre Neugier beschert der Aktie seit Jahresbeginn ein Plus von fast 24 Prozent. Apples Strategie ist damit aufgegangen, bevor auch nur eine Ecke des Produkts zu sehen ist. Mich erinnert das an Kindergeburtstag. Die Vorfreude war fast schöner als das Geschenk selbst.

Ebola im Kopf

Heute Mittag in Berlin: Feuerwehrleute und Polizisten tragen Mundschutz. Hunderte Menschen sitzen in einem Berliner Job-Center fest. Ein Mann schlägt von innen gegen die Scheibe der Drehtür. „Lasst mich raus“, schreit er. Doch das Job-Center im Bezirk Pankow ist abgeriegelt – wegen eines Ebola-Verdachts. Eine 30-jährige Besucherin, die acht Tage zuvor in Nigeria gewesen sei, hatte Symptome gezeigt. Deswegen wurden die Türen geschlossen, keiner durfte hinaus. Inzwischen ist der Verdacht fast ausgeräumt, aus Ebola ist ein Darmvirus geworden. Für ein paar Stunden allerdings herrschte in der Medienrepublik Alarm. Eigentlich mag ich die Kollegen, aber wenn ich manches von Ihnen lese, muss ich sagen, dass es neben der eigentlichen Seuche auch das bisher wenig erforschte Pseudo-Ebola gibt. Es benebelt vor allem den klaren Verstand.

Einen nebelfreien Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Wie wir uns in die Tasche lügen"

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  • Aber Herr Stock es ist besser wir geben in 100000 Jahren den Delphinen eine Chance.
    Der Mensch wird diesen Wahnsinn nicht unterlassen und sie müssen halt damit Leben eine Kanzlerin zu haben die den höchsten israelischen Staatsorden hat nebst der Staatsbürgerschaft. Da müssen sie sich nicht wundern, dass es selbst bei Ihnen heisst wessen Brot ich ess dessen Lied ich sing. Und deshalb immer hübsch fein das Gaza Thema bzgl. der Kommentarfunktionen sperren. Sie reden von Netiquette ich aber rede hier vom schlechten Stil ohne ihnen persönlich zu nahe treten zu wollen.

    NAMASTE

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