Was vom Tage bleibt
Züricher Verunsicherung

Nach dem Rücktritt von Ackermann übt sich die Zürich-Versicherung in einer Routine, die ihr keiner mehr abnimmt. In der Syrien-Frage wird England ein bisschen deutscher. Auf dem Telekom-Markt hat das Endspiel begonnen. Und am Sonntag geht es auf zum Duell. Die Tageskommentare.
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Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Ackermanns Entsetzen

In einem Abschiedsbrief vor seinem Freitod hat Pierre Wauthier, bis Montag Finanzchef der Zürich-Versicherung, Vorwürfe gegen Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann erhoben. Ackermann war oberster Aufseher bei dem Versicherer und gab gestern wegen eben dieser Vorwürfe seinen Posten auf. Der Brief wurde bei einer internen Sitzung vorgelesen, Ackermann war nach eigenen Worten „tief erschüttert“. Der Rest der Geschichte besteht aus offenen Fragen. Hat Ackermann Wauthier unter Druck gesetzt? Hat Ackermann etwas entdeckt, was Wauthier verbergen wollte? Tatsache ist: Der Versicherer gehört nicht zu den erfolgreichsten in seiner Branche. Jetzt steckt er tief in einem Fall, der alles andere als Routine ist. Er reagiert aber, als sei allenfalls ein kleines Malheur passiert. Mitarbeiter, Kunden und Aktionäre können daraus nur einen Schluss ziehen: Der Versicherer ist zum Verunsicherer geworden.

Camerons Niederlage

Krisen wirken oft wie ein Brennglas: Entwicklungen, die sich ohne Krise langsam und deswegen unbemerkt vollzogen haben, werden unter der Krisenlupe plötzlich sichtbar und überraschen uns. Die Syrien-Krise und das, was sich seither im Vereinigten Königreich abspielt, ist dafür ein Paradebeispiel. Es zeigt: Wir müssen die Rolle Englands neu bewerten. Camerons Pläne zum Militäreinsatz in Syrien sind im Londoner Unterhaus durchgefallen. Die Abstimmungsniederlage markiert einen historischen Bruch: Jene „special relationship“, die London und Washington traditionell verbindet, zerbricht. Verfassungsrechtlich ist die Exekutivmacht des Premiers eingeschränkt und seine Kriegsentscheidungs-Fähigkeit ausgehebelt. Einen Durchmarsch wie bei Thatcher im Falklandkrieg oder bei Blair in der Frage des Irakkrieges wird es nicht mehr geben: Die britische Weltmachtrolle, die vor allem auf einer globalen Außenpolitik und der Fähigkeit sie auch mit militärischen Mitteln durchsetzen zu können, beruhte, hat einen Knacks bekommen. Ich meine: Großbritannien ist ein Stückchen deutscher geworden.

Endspiel auf dem Telekom-Markt

Der US-Telekommunikationsmarkt steht Kopf: Nach dem möglichen Ausstieg von Vodafone aus der Zusammenarbeit mit Verizon, bekundet jetzt AT&T Interesse an Vodafone. Die Kauf- und Verkaufsabsichten bewegen sich nicht auf Grabbeltisch-Niveau, sondern es geht um dreistellige Milliardensummen. Dass sich soviel Geld bewegt, zeigt zweierlei: Zum einen verdienen die großen Spieler in dieser Branche so viel, dass zumindest in ihrer Phantasie den Übernahmepreisen kaum Grenzen gesetzt sind. Und zum anderen befinden wir uns im Endspiel: Am Ende dieser Neuordnung stehen eine Handvoll globaler Konzerne. Dass die Deutsche Telekom dazugehört, ist eher unwahrscheinlich.

Keine Steaks aus Weißrussland

Der Kalisalz-Streit zwischen den Bruderstaaten Russland und Weißrussland greift auf Schweine über. In einer scharfen Reaktion forderte der Kreml die autoritäre Führung in Minsk auf, den inhaftierten russischen Salz-Manager Wladislaw Baumgertner freizulassen. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen verbietet Moskau bis auf weiteres den Import von Schweinen, ihren Schnitzeln und ihren Steaks aus dem Nachbarland. Die Justiz in Minsk dagegen wirft Baumgertner vor, mit dem Ausstieg aus einem Gemeinschaftsunternehmen Weißrussland geschadet zu haben. Das ganze ist deswegen spannend, weil sie bei Kali & Salz in Deutschland Baumgertner am liebsten auch eingesperrt hätten. Zumindest ein bisschen. Denn seine Ankündigung zum Ausstieg hat die Kalipreise so purzeln lassen, dass der deutsche Dax-Konzern deswegen jetzt ein schmerzhaftes Sparprogramm auflegen muss.

Vor dem Fernseh-Duett

Das Wochenende soll noch einmal warm werden, auch wenn der Herbst beginnt. Am Sonntagabend wird es sogar heiß: Dann begeben sich die Kanzlerin und ihr Herausforderer zum Duell ins Fernsehstudio. Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Duett und einem Duell? Beim letzteren bleibt nur einer übrig. Wahrscheinlich bleibt es im Fernsehen deswegen doch bloß beim Duett – hoffentlich in deutlich unterschiedlicher Tonlage.

Ein sommerliches Wochenende wünscht Ihnen

Oliver Stock

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Was vom Tage bleibt: Züricher Verunsicherung"

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  • Bosch, unser kleiner Weltüberblicker und sein kleinbürgerlicher deutscher Hass auf die Schweiz:
    Bosch klingt beleidigt: seine Straßen sind im Eimer, seine Bahn ist auch im Eimer, seine Leute laufen zusehends zahnlos durch die Gegend: das muß Bosch deprimieren.
    Während Bosch seine Landsleute behandelt wie in der modernen Hybridschweinzucht muß jemand wie Bosch halt auf zivilisierte Länder in Europa, wie die Schweiz eines ist, halt seinen Rochus ablassen.
    Statt dass Bosch sich um sein eigenes Land kümmert, wettert Bosch halt gegen die Schweiz, weil die ihm zeigt, wie man Strukturwandel auch zivilisiert angehen kann.

  • man wartet eigentlich nur noch auf Prospekte zu geologischen Kontintnalverschiebungen:
    So groß die ganze Welt und so klein der Mensch darin.
    Ein Furz (!).
    Und die Oberwelt gefällt sich darin den Oberfurz zu geben:
    Old farts old tarts.

    Vor soviel Bescheidenheit, ja die Welt ist iwie wirklich groß geraten, kann man doch nur furzen.

  • Herr O. Stock,

    Ihre Auswahl der Tagesthemen kommt mir etwas verstockt daher...

    Die Erde ist weitaus vielschichtiger, als Sie sich es in D-Dorf vorstellen könnten!

    China ist groß...

    Russland ist groß, und der Zar ist weit...

    Die USA sind groß...

    Afrika ist sehr groß...

    Lateinamerika ist sehr groß...

    D-Dorf ist dagegen ein Furz!

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