Plagiats-Affäre
Schavan ist nicht Guttenberg

Die Bildungsministerin kämpft um ihren Titel, ihren Ruf und ihr Amt. Am Ende einer dramatischen Woche hat sie wieder gute Chancen, den Skandal zu überstehen. Fünf Gründe sprechen jedenfalls dafür.
  • 49

Annette Schavan war vor einer Woche politisch schon am Ende. Die spektakuläre Nachricht über ein vermeintliches Gutachten, das ihr eine „leitende Täuschungsabsicht” bei der Doktorarbeit vorwarf, schien in ihrer Wirkung final. Als Bundesbildungsministerin ist eine akademische Betrügerin schließlich vollkommen unhaltbar. Der Fall Guttenberg drohte sich zu wiederholen, ja schlimmer noch, denn mit Schavan traf es die oberste Bildungsinstanz der Republik, und die Fallhöhe konnte größer nicht sein: Ihr Dissertationsthema war ausgerechnet das Gewissen, und just sie hatte im Fall zu Guttenberg öffentliches Fremdschämen kundgetan. Die Opposition zählte schon die Stunden bis zum scheinbar unvermeidlichen Rücktritt.

Doch nach einer dramatischen Woche sieht es nicht mehr nach Rücktritt aus. Schavan hat inzwischen gute Chancen, die Sache politisch zu überstehen. Und zwar aus fünf Gründen.

1. In der Sache ist der Plagiatsvorwurf kaum zu halten. Nicht einmal entfernt kann der Vorgang mit der Abschreibepraxis in den Textcollagen von zu Guttenberg verglichen werden. Bei Schavans Fehlern geht es im wesentlichen um Paraphrasen von Textquellen, die genannt werden, aber nicht genau genug zugeordnet sind. Eine Lässlichkeit sei das, aber kein Betrug. So zumindest urteilen viele Wissenschaftsexperten den Vorgang. Selbst die hochkritische Wikiplag-Gruppe von Plagiatsjägern sah den Fall nicht als Fall an.

2. Annette Schavan bekommt Rückendeckung aus dem Wissenschaftsbetrieb. Ihr Doktorvater springt ihr ebenso bei wie führende Akademiker aus wichtigen Universitäten und Forschungseinrichtungen. Selbst Mitglieder aus dem Kreis der wissenschaftlichen Plagiatsjäger wie der Bremer Jura-Professor und Enthüller der Guttenberg-Plagiate, Andreas Fischer-Lescano, nehmen Schavan in Schutz.

3. Die Universität Düsseldorf macht bei der Begutachtung des Vorgangs derart amateurhafte Fehler, dass die Ministerin zuweilen wie das Opfer einer Intrige dasteht. Das hilft ihr nicht nur in der öffentlichen Beurteilung des Skandals. Auch dürfte der Universität inzwischen eine seriöse Verurteilung von Schavan wegen der unseriösen Begleitumstände der Prüfung unmöglich geworden sein.

4. Annette Schavan hat – anders als zu Guttenberg – wenig Feinde in Politik wie Medien. Sie gilt als eine bescheidene und konziliante Fachpolitikerin, die sich vehement für Bildung und Forschung einsetzt, ansonsten aber Konflikte und parteipolitische Auseinandersetzungen meidet. Eher eine Intellektuelle als eine Ideologin. Das Image hilft ihr nun in der Krise, weil viele Politiker wie Journalisten Beißhemmungen haben, und kaum einer die Vernichtung ihrer Integrität wünscht.

5. Der fünfte Grund gegen einen Schavan-Rücktritt heißt Angela Merkel. Die Kanzlerin schätzt ihre Bildungsministerin nicht nur, sie ist ihr herzlich zugetan. Darum wird Angela Merkel ihrer Vertrauten helfen. Nicht so sehr, weil die im Amt und für die Architektur der merkelschen Macht unverzichtbar wäre. Sondern weil die Kanzlerin ihrer Freundin die Ehre retten will.

Kommentare zu "Schavan ist nicht Guttenberg"

Alle Kommentare
  • Dieses Plädoyer ist ein Persilschein für alle Plagiatoren.

  • Wer Schavans Arbeit selbst anschaut, sieht sofort, dass der Plagiatsvorwurf begründet ist. Im Grunde ist die Sache noch schlimmer als bei zu Guttenberg, weil die Plagiatorin die Satzstellung in den geklauten Passagen so geschickt verändert, dass eine Software kaum anschlagen würde.

    Wenn Schavan politisch überlebt, dann nur, weil sie gut mit der Kanzlerin kann und deshalb unterstützende Kommentare wie diesen erhält. Eine Schande!

  • Herr Weimer, bitte informieren Sie sich, was ein Plagiat und was eine Kopie ist. Ein Plagiat ist auch, wenn ich einen Gedanken einfach übernehme und nicht angebe, woher er kommt. Meines Wissens wurde das Plagiat nicht vollständig erkannt. Daher kam es zu dem Eindruck, dass die Webgemeinde die Arbeit als Plagiatsfrei beurteilt hat. Erst http://schavanplag.wordpress.com/ brachte einiges ans Licht, was nicht bekannt war. Erst recht die angeblichen Primärquellen, welche aber einfache Plagiate aus Sekundärquellen waren. Und das ist eben Betrug. Für den Laien: Wenn ich z.B. eine Arbeit über die Bibel schreibe. Die Bibel ist eine Primärquelle. Eine schon darüber geschriebene ähnliche Abhandlung ist eine Sekundärquelle. Die Dame hat nun einen Gedankengang aus der Sekundärquelle abgeschrieben, aber nur die Primärquelle genannt. Also, wie es ihr eigener Gedankengang war, den sie selbst anhand des reinen Bibeltextes geleistet hat. Das ist aber die Unwahrheit und das ist Betrug. Und genau das hat der Gutachter festgestellt, welches von einem Unbekannten an die Öffentlichkeit gelangt ist: "leitende Täuschungsabsicht". Sie macht das häufig und offensichtlich mit System. Bitte, Herr Weimer, liefern Sie bitte selbst kein Plagiat und informieren Sie sich einfach mal auf der o.g. Website. Es ist für jeden einsehbar.

  • Ach so, weil Sie behaupten, dass Wissenschaftler sich auf die Seite der Bundesministerin stellen: http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/schavan-gutachter-stefan-rohrbacher-unauffaellig-und-akribisch-a-861544.html Was sagen Sie zum Gutachten? "Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren." Sind die Wissenschaftler, welche sich auf die Seite von Schavan schlagen auf der Gehaltsliste des Bundesministeriums und hoffen auf ein berufliches Weiterkommen?

  • Der Regierung bricht Verträge und lügt, der Journalist lügt, der Leser erbricht wenn er so einen schleimigen und verlogene Artikel liest.
    Wieso schreiben Sie so etwas wieder besseren Wissens.
    Meinen Sie die Leser sind blöd.
    Etwa, weil wir schon lange solche Artikel lesen müssen.

  • Erklären Sie mir das, Herr Weimer: http://schavanplag.wordpress.com/2012/04/24/seite-82/ ; http://schavanplag.wordpress.com/2012/04/18/seite-75-2/ ;
    http://schavanplag.wordpress.com/2012/04/25/seite-92/ ;
    http://schavanplag.wordpress.com/2012/04/28/seite-322/ ;

    http://schavanplag.wordpress.com/category/eindeutiges-plagiat/

    (unten auf der Seite "Anmerkung" beachten.)

  • Nach meiner Meinung sind wahrscheinlich 80 % der Doktorarbeiten "Plagiate", wenn man sie nur pingelig genau untersucht. Von den "wissenschaftlichen" Diplomarbeiten ganz zu schweigen. Wen interessiert das schon.Hier wird doch nur politische Stimmung gemacht. Null Wertschöpfung. Herr Rohrbacher könnte doch auch einmal Vorschläge zur Eurokrise machen. Könnte er.....?

  • Ich kann Schuischel nur zustimmen. Auf Schavanplag sind Schavans Ausführung und die tatsächliche Quellenlage nebeneinander aufgelistet. Schavan hat durchgehend "Tautologien" verfaßt, einfach nur die Wortstellung aus den Sätzen der Sekundärliteratur umformuliert. Dabei kommt weder eine eigene Leistung heraus, noch macht sie es kenntlich. Das ist schon dreist und in dieser Art der Zusammenfassung, weil sie sich wiederholt, steckt Methode. Wer das nicht sieht, der muß blind sein! Die Arbeit ist wissenschaftlich zu allen Zeiten wertlos gewesen! Sowas geht nicht und egal wieviel Schutz und Rückendeckung sie bekommt! Das zweite ist der Inhalt dieser Arbeit. Das Gewissen ist religiös besetzt und das wird mit Quellen aus aktueller höchster theologischer Vertretung (Ratzinger z.B) belegt. Sogar absolutistisch und sie behandelt mittelalterliche Denker der Moraltheologie wie Th. v. Aquin genauso wie Freud und Fromm aus der Psychologie. Die Arbeit geht diachronisch bestimmte Positionen durch, aber nicht alle. Die recht zum Schluss hin vorgestellte christliche Deutung des Gewissens ist im Sinne aktueller Kirchenpolitik, trägt dem Absolutismus eines Ratzingers Rechnung. Das kontrastiert mit anderen naturalistischen Positionen der Wissenschaft und da von ihr argumentativ gar nicht untermauert, hält es den Anforderungen an eine wissenschaftliche Internationale Diskussion mit anderen Forschungspositionen einfach nicht mehr stand. Hier geht es um einen versteckten Fuß in der Tür der Kirchen. Sie haben "Einfluss" und Macht bei der inhaltlichen wissenschaftlichen Behandlung naturalistischer Themen und ziehen sich nicht zurück. Lammert mußte doch vor kurzen erst das Vater-unser übersetzen und aus dem 'dein Reich komme, dein Wille geschehe, einen Bedingungssatz machen. Das ist nicht unproblematisch und zeigt, wie sich einseitiges religiöses Denken in der Politik breitmacht. Wir sollten endlich wach werden und der Religion einen Nebenplatz im öffentlichen Leben zuweisen!

  • Ist direkt abzuschreiben ohne Quellenangabe schlimmer als "Verunähnlichung" von Sekundärliteratur ohne Quellenangabe, um den "Anschein von Eigenständigkeit" zu erwecken?

    Wissenschaftler, die bisher von der Bildungsministerin gefördert wurden, sind nicht unabhängig, Rückendeckung von dieser Seite höchst fragwürdig.

    Die Vorwürfe gegenüber der Universität Düsseldorf sind haltlos. Der Whistleblower ist unbekannt. Für die wissenschaftliche Qualität des Gutachtens spielt die vorzeitige Veröffentlichung keine Rolle. Das Gutachten wird als hochwertig bezeichnet.

  • " Der fünfte Grund gegen einen Schavan-Rücktritt heißt Angela Merkel. Die Kanzlerin schätzt ihre Bildungsministerin nicht nur, sie ist ihr herzlich zugetan. Darum wird Angela Merkel ihrer Vertrauten helfen. Nicht so sehr, weil die im Amt und für die Architektur der merkelschen Macht unverzichtbar wäre. Sondern weil die Kanzlerin ihrer Freundin die Ehre retten will."

    Das ist doch wohl der schlechteste aller Gründe. Frau Merkel schert sich einen Dreck um die Ehre von irgend wem. Sie kann nur ein Jahr vor der Wahl einen solchen Schlag nicht verkraften.

Serviceangebote