Weimers Woche

_

Plagiats-Affäre: Schavan ist nicht Guttenberg

Die Bildungsministerin kämpft um ihren Titel, ihren Ruf und ihr Amt. Am Ende einer dramatischen Woche hat sie wieder gute Chancen, den Skandal zu überstehen. Fünf Gründe sprechen jedenfalls dafür.

Wolfram Weimer: Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.
Wolfram Weimer: Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Annette Schavan war vor einer Woche politisch schon am Ende. Die spektakuläre Nachricht über ein vermeintliches Gutachten, das ihr eine „leitende Täuschungsabsicht” bei der Doktorarbeit vorwarf, schien in ihrer Wirkung final. Als Bundesbildungsministerin ist eine akademische Betrügerin schließlich vollkommen unhaltbar. Der Fall Guttenberg drohte sich zu wiederholen, ja schlimmer noch, denn mit Schavan traf es die oberste Bildungsinstanz der Republik, und die Fallhöhe konnte größer nicht sein: Ihr Dissertationsthema war ausgerechnet das Gewissen, und just sie hatte im Fall zu Guttenberg öffentliches Fremdschämen kundgetan. Die Opposition zählte schon die Stunden bis zum scheinbar unvermeidlichen Rücktritt.

Anzeige

Dr. Annette Schavan Die Stunde der Plagiatsjäger

Hat sie oder hat sie nicht? Bildungsministerin Annette Schavan soll laut eines unveröffentlichten Gutachtens der Uni Düsseldorf in ihrer Dissertation betrogen haben. Handelsblatt Online hat sich einige Stellen angeschaut

Doch nach einer dramatischen Woche sieht es nicht mehr nach Rücktritt aus. Schavan hat inzwischen gute Chancen, die Sache politisch zu überstehen. Und zwar aus fünf Gründen.

1. In der Sache ist der Plagiatsvorwurf kaum zu halten. Nicht einmal entfernt kann der Vorgang mit der Abschreibepraxis in den Textcollagen von zu Guttenberg verglichen werden. Bei Schavans Fehlern geht es im wesentlichen um Paraphrasen von Textquellen, die genannt werden, aber nicht genau genug zugeordnet sind. Eine Lässlichkeit sei das, aber kein Betrug. So zumindest urteilen viele Wissenschaftsexperten den Vorgang. Selbst die hochkritische Wikiplag-Gruppe von Plagiatsjägern sah den Fall nicht als Fall an.

Schummel-Dissertationen Das sind die Abschreiber

  • Schummel-Dissertationen: Das sind die Abschreiber
  • Schummel-Dissertationen: Das sind die Abschreiber
  • Schummel-Dissertationen: Das sind die Abschreiber
  • Schummel-Dissertationen: Das sind die Abschreiber

2. Annette Schavan bekommt Rückendeckung aus dem Wissenschaftsbetrieb. Ihr Doktorvater springt ihr ebenso bei wie führende Akademiker aus wichtigen Universitäten und Forschungseinrichtungen. Selbst Mitglieder aus dem Kreis der wissenschaftlichen Plagiatsjäger wie der Bremer Jura-Professor und Enthüller der Guttenberg-Plagiate, Andreas Fischer-Lescano, nehmen Schavan in Schutz.

3. Die Universität Düsseldorf macht bei der Begutachtung des Vorgangs derart amateurhafte Fehler, dass die Ministerin zuweilen wie das Opfer einer Intrige dasteht. Das hilft ihr nicht nur in der öffentlichen Beurteilung des Skandals. Auch dürfte der Universität inzwischen eine seriöse Verurteilung von Schavan wegen der unseriösen Begleitumstände der Prüfung unmöglich geworden sein.

Plagiatssoftware Google entlarvt zuverlässiger

Wie zuverlässig lässt sich der Diebstahl von geistigem Eigentum mit spezieller Software nachweisen? Eine Expertin zieht eine ernüchternde Bilanz.

4. Annette Schavan hat – anders als zu Guttenberg – wenig Feinde in Politik wie Medien. Sie gilt als eine bescheidene und konziliante Fachpolitikerin, die sich vehement für Bildung und Forschung einsetzt, ansonsten aber Konflikte und parteipolitische Auseinandersetzungen meidet. Eher eine Intellektuelle als eine Ideologin. Das Image hilft ihr nun in der Krise, weil viele Politiker wie Journalisten Beißhemmungen haben, und kaum einer die Vernichtung ihrer Integrität wünscht.

5. Der fünfte Grund gegen einen Schavan-Rücktritt heißt Angela Merkel. Die Kanzlerin schätzt ihre Bildungsministerin nicht nur, sie ist ihr herzlich zugetan. Darum wird Angela Merkel ihrer Vertrauten helfen. Nicht so sehr, weil die im Amt und für die Architektur der merkelschen Macht unverzichtbar wäre. Sondern weil die Kanzlerin ihrer Freundin die Ehre retten will.

  • 19.10.2012, 09:35 UhrAntje

    Dieses Plädoyer ist ein Persilschein für alle Plagiatoren.

  • 19.10.2012, 09:42 UhrHerbert.Spencer

    Wer Schavans Arbeit selbst anschaut, sieht sofort, dass der Plagiatsvorwurf begründet ist. Im Grunde ist die Sache noch schlimmer als bei zu Guttenberg, weil die Plagiatorin die Satzstellung in den geklauten Passagen so geschickt verändert, dass eine Software kaum anschlagen würde.

    Wenn Schavan politisch überlebt, dann nur, weil sie gut mit der Kanzlerin kann und deshalb unterstützende Kommentare wie diesen erhält. Eine Schande!

  • 19.10.2012, 09:46 UhrSchuischel

    Herr Weimer, bitte informieren Sie sich, was ein Plagiat und was eine Kopie ist. Ein Plagiat ist auch, wenn ich einen Gedanken einfach übernehme und nicht angebe, woher er kommt. Meines Wissens wurde das Plagiat nicht vollständig erkannt. Daher kam es zu dem Eindruck, dass die Webgemeinde die Arbeit als Plagiatsfrei beurteilt hat. Erst http://schavanplag.wordpress.com/ brachte einiges ans Licht, was nicht bekannt war. Erst recht die angeblichen Primärquellen, welche aber einfache Plagiate aus Sekundärquellen waren. Und das ist eben Betrug. Für den Laien: Wenn ich z.B. eine Arbeit über die Bibel schreibe. Die Bibel ist eine Primärquelle. Eine schon darüber geschriebene ähnliche Abhandlung ist eine Sekundärquelle. Die Dame hat nun einen Gedankengang aus der Sekundärquelle abgeschrieben, aber nur die Primärquelle genannt. Also, wie es ihr eigener Gedankengang war, den sie selbst anhand des reinen Bibeltextes geleistet hat. Das ist aber die Unwahrheit und das ist Betrug. Und genau das hat der Gutachter festgestellt, welches von einem Unbekannten an die Öffentlichkeit gelangt ist: "leitende Täuschungsabsicht". Sie macht das häufig und offensichtlich mit System. Bitte, Herr Weimer, liefern Sie bitte selbst kein Plagiat und informieren Sie sich einfach mal auf der o.g. Website. Es ist für jeden einsehbar.

  • Kommentare
Wallstreet Journal Deutschland: Am Rumpf der Titanic

Am Rumpf der Titanic

Wer das „Wallstreet Journal Deutschland“ besuchen möchte, wird umgeleitet. Morgen wird die Seite ganz abgeschaltet. Kein Grund an den Untergang einer Branche zu glauben, meint Oliver Stock.

Meinung: Das Erfolgsrezept der Skandal-Rapper

Das Erfolgsrezept der Skandal-Rapper

Songs von Verbrechen und Gewalt: Im Hip-Hop gehört das nicht nur zum guten Ton. Einige Rapper leben ihre Musik aus und landen deshalb immer wieder vor Gericht. Über den Erfolg einer ganz speziellen Musikrichtung.

  • Kolumnen
Was vom Tage bleibt: Katar, bitte melden!

Katar, bitte melden!

Schon wieder hilft ein Emirat Europa: Diesmal Katar als Kunde von Airbus. Papst Franziskus liest der Kirche die Leviten. Und: Udo Jürgens wird immer lebendig bleiben. Lesen Sie, was vom Tage wichtig war.

Der Werber-Rat: Wünsch dir was!

Wünsch dir was!

Die Weihnachtszeit ist die Zeit der Wünsche. Deshalb erlaube ich mir heute, einige Wünsche an die Bundeskanzlerin zu richten – und zwar in Sachen Wirtschaft.

Der Medien-Kommissar: Nie war Hollywood mutloser

Nie war Hollywood mutloser

Sony lässt die Satire „Das Interview“ mit der fiktiven Ermordung des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un im Giftschrank des Filmstudios verschwinden. Eine Entscheidung mit Folgen für die Traumfabrik und den Konzern.

  • Gastbeiträge
Eon: Neue Energie für's Image?

Neue Energie für's Image?

Verbraucher halten Eon für den besten der großen Energiekonzerne. Verkauft Eon nur noch Ökostrom, könnte das Image weiter steigen. Die Konkurrenz in diesem Umfeld ist jedoch stark. Ein Gastbeitrag.

Gastbeitrag zur Netzneutralität: „Frau Merkel, Sie spielen falsch!“

„Frau Merkel, Sie spielen falsch!“

Dass Merkel Spezialdienste bevorzugt durchs Netz leiten will, ist abwegig. Es gibt nur einen Grund, manche Datenpakete im Internet anders zu behandeln als andere: Wenn davon alle profitieren. Ein Gastbeitrag der Piraten.

Junckers Investitionsinitiative: „Mehr Mut zu Europa, Herr Gabriel!“

„Mehr Mut zu Europa, Herr Gabriel!“

EU-Kommissionschef Juncker liegt mit seiner „Investitionsoffensive für Europa“ goldrichtig. Dass Wirtschaftsminister Gabriel daran herummäkelt, ist nicht nachvollziehbar. Er sollte das Herumlavieren sein lassen.

  • Presseschau
Presseschau: Quo vadis, Deutsche Bank?

Quo vadis, Deutsche Bank?

Die Deutsche-Bank-Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen lassen sich bei ihren Plänen mit der Postbank nicht in die Karten schauen. Die Wirtschaftspresse sieht in den Marktgerüchten Ausdruck einer internen Sinnkrise.