Weimers Woche
Amerika im Glashaus

Wie ein Lehrer, der freche Schüler ermahnt, erteilt Amerika Lektionen. New Yorker Broker lästern über Europa und Obama rügt den alten Kontinent. Dabei sollten sich die USA besser um ihre eigenen Hausaufgaben kümmern.
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US-Medien malen neuerdings ein grelles Europa-Bild von der schlampigen Villa Kunterbunt. New Yorker Broker lästern über den alten Kontinent wie über einen Bettler aus Brooklyn - und nun rügt uns selbst Barack Obama dünnlippig, wir würden die Schuldenkrise nicht richtig in den Griff bekommen. Das böse Wort von der Argentinisierung macht bereits die Runde.

Wie ein Lehrer, der flegelhafte Schüler ermahnt sich endlich zusammen zu reißen, erteilt Amerika Lektionen. Dabei sollte es sich besser um seine eigenen Hausaufgaben kümmern. Denn Amerika ist selbst kein Primus mehr, sondern Sitzenbleiber. Das neue Europa-Bashing hat jedenfalls viel mit Ablenkung vom eigenen Zeugnis zu tun:

1. Seit diesem Quartal haben die Staatsschulden der USA die Marke von 15 Billionen Dollar überschritten. Noch Anfang August lag der Schuldenstand bei 14,3 Billionen. Damit haben die Amerikaner in wenigen Wochen mal eben den Gesamtschuldenstand Griechenlands, Portugals und Irlands auf ihren Schuldenberg drauf gepackt.

2. Die USA leiden seit nunmehr 20 Jahren an einem horrenden Leistungsbilanzdefizit. Das Minus liegt inzwischen bei deutlich mehr als einer Milliarde Dollar am Tag! Beim Handel mit Waren und Dienstleistungen importieren die USA bereits seit 1976 mehr, als sie exportieren. Die Amerikaner werden also im Wettbewerb der Weltwirtschaft Jahrzehnt für Jahrzehnt schlechter.

3. Die finanzielle Grundstruktur der USA ist mittlerweile vollständig von ausländischen, vor allem asiatischen Kapitalzuflüssen abhängig. Das macht die ohnedies spannungsreichen Beziehungen zu China zu einer brisanten Konstellation. Schon spricht Peking von der Schuldenbombe aus Washington, gegen die man sich zu wehren wisse. Wirtschaftlich bräuchte man dringend einen Pakt mit Peking - politisch aber tut man das Gegenteil.

4. Trotz der Überschuldung leisten sich die USA einen exorbitanten Militärhaushalt. Ausgerechnet in diesem Schuldenkrisenjahr wurde der größte Verteidigungsetat aller Zeiten beschlossen: 649 Milliarden Dollar umfassen die Ausgaben für das Pentagon. Das macht gut 40 Prozent der weltweiten Militärausgaben aus. Die USA geben damit mindestens fünfmal mehr aus als die zweitplatzierte Rüstungsnation China.

5. Es mehren sich die Anzeichen für tiefgreifende Strukturprobleme der US-Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit ist - trotz eines liberalen Arbeitsrechts - auf ein chronisch hohes Niveau gestiegen, wie man es lange Jahre nur aus dem vermeintlich verkrusteten Europa kannte. Das Bildungssystem hat haarsträubende Defizite vor allem in der Breite, die Infrastruktur des Landes nähert eher Guatemala als Singapur, und die Schieflagen im Immobilien- und Finanzsektor sind in ihrer Dimension größer als die Europas.

Es sind diese fünf Krankheitsdiagnosen, die die USA als schwer angeschlagenen Patienten erscheinen lassen, der ständig empfiehlt sein Bettnachbar aus Europa gehöre eigentlich auf die Intensivstation. Von Europa fordert Washington einen Gesundungsakt der Reformpolitik - selber ist man davon aber meilenweit entfernt. Tatsächlich zelebriert das politische Washington ein Blockade-Spektakel schon bei kleinen Haushaltsfragen. Eine seriöse Soliditätspolitik kommt nicht in Sicht.

Stattdessen wird auf eine Strategie der Abwertung, der Inflationierung, der Rüstung und des Durchwurschtelns gesetzt. Damit sind die Schieflagen der USA das größte Risiko für Stabilität der Weltwirtschaft, denn die Amerikaner leben schon beängstigend lange vom ersparten Geld erfolgreicherer Nationen, einst Deutschland und Japan, nun vor allem China. Sie baden noch - wie Ben Bernanke das selbstkritisch beschrieben hat - in der Schwemme von fremden Ersparnissen („saving glut“). Nur irgendwann wird die Schwemme abebben, weil man Amerika nicht mehr zutraut, seine gigantische Bottleparty ewig weiter zu feiern.

Europa geht es dieser Tage nicht gut - aber Amerika macht es nicht besser. Hartes Sparen ist angesagt: Washington könnte zumindest schon mal bei den Besserwissereien damit anfangen.

Wolfram Weimer
Wolfram Weimer
Handelsblatt / Gastautor

Kommentare zu " Weimers Woche: Amerika im Glashaus"

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  • Sie haben ja völlig recht, nur wird durch die fortgeschrittene globale Integration der Finanz- und Warenmärkte auch Europa in den Strudel einer US-Krise gerissen werden (selbst falls die gegenwärtige Eurozonen-Krise bis dahin etwas entschärft sein sollte) - für Anleger spannend ist die Frage: Wann ist es soweit? Nach den nächsten Wahlen, also 2013-2014?


  • mehr darüber unter
    http://www.youtube.com/watch?v=hD2SRDql_jg
    http://www.youtube.com/watch?v=UQfm5Tgtszs
    http://www.krisennews.com http://www.krisenvorsorge.com/62/Die_Ursachen_der_Finanzkrise_.html

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