Weimers Woche
Das Globalisierungswunder

Globalisierung und Kapitalismus sind immer noch die Lieblingsfeinde für Europas Linke. Dabei sorgen just die beiden Bösewichter für einen historischen Wohlstandsschub – gerade bei der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung.
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Sie warnen vor der “Globalisierungsfalle”, sie hassen das “globale Kapitalismusmonster”, sie scharren sich in “Attac-” und “Occupy”-Protesten zusammen, denn sie halten die weltumspannende Marktwirtschaft für Teufelszeug. Hunger, Armut, Cholera, Smog, Menschenhandel – was immer an Plagen denkbar ist, der Globalisierungskapitalismus sei schuld. Sie erfinden Begriffe wie Raubtier- und Turbokapitalismus, sie wittern überall Gier und haben ihren Sündenbock. Von Kindergärten bis zu Doktorandenseminaren wird die Globalisierung dämonisiert als ginge es um eine moderne Variante der Pest. Manchmal wirkt das wie die historische Aftershowparty einer linken Ideologie, die ansonsten all ihren ideologischen Furor an der Realität schon hat stranden sehen.

Nun aber wird sie auch hier ernüchtert. Denn es zeigt sich - genau das Gegenteil der Schwarzmalerei tritt ein. Neue Daten offenbaren geradezu ein Globalisierungswunder – Milliarden von Menschen schaffen dank des Globalkapitalismus den Aufstieg in den Wohlstand. Vor allem die linke Leitbotschaft “Arme werden ärmer und Reiche werden reicher” hat sich ins Gegenteil verkehrt. Tatsächlich werden nämlich just Arme endlich reicher. Und die Reichen müssen sich neuer Konkurrenz erwehren.

Brasilien zum Beispiel meldet einen rasanten Aufstieg der Armutsmassen in den Mittelstand. Mehr als 35 Millionen Brasilianer gelang seit 2002 der Aufstieg aus der Armut in den Mittelstand, die Zahl der Armen geht rapide zurück. Zugleich ist die extreme Lücke zwischen Reichen und Armen deutlich kleiner geworden, der Gini-Koeffizient (der Einkommensungleichheiten misst) fällt Jahr für Jahr, so dass sich Sozialforscher verblüfft die Augen reiben. Die unteren Einkommen wachsen seit Jahren deutlich schneller als die oberen.

Das brasilianische Wirtschaftswunder ist typisch für viele der Globalisierungsgesellschaften. In Indien umfasst die neue Mittelschicht inzwischen mehrere hundert Millionen Menschen. Das Durchschnittseinkommen der Inder hat sich binnen zehn Jahren verdreifacht. Und auch hier sind viele Millionen endlich der Armut und dem Hunger entronnen. Sie alle fühlen sich als Globalisierungsgewinner.

Von Indonesien bis Chile, von Vietnam bis Angola – überall das gleiche Bild. Es vollzieht sich der größte Wohlstandsschub der Menschheitsgeschichte. Die Uno meldet inzwischen, dass die Alphabetisierungsquoten weltweit stark steigen (insbesondere bei Mädchen), dass die Kindersterblichkeit hingegen drastisch abnimmt ebenso wie die Zahl der Hungernden – und das bei steigenden Bevölkerungszahlen. Der Wohlfahrtszuwachs des Globalisierungskapitalismus lässt also nicht nur gewaltige Mittelschichten überall in der Welt entstehen, er sickert auch bis nach unten zu den Ärmsten durch.

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Marktwirtschaft besiegt Armut

Kommentare zu " Weimers Woche: Das Globalisierungswunder"

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  • und was ist mit Bolivien? Dort sank die Kinderarmut erst unter den sozialistischen Reformen. Sogar die UNICEF hat das gelobt. Erst durch staatliche Umverteilung kam es dort zur medizinischen Versorgung und Bildungsversorgung des ländlichen Raumes im großen Umfang. Das ist durch UNICEF belegt, davor war die Kindersterblichkeit dort viel höher.

    so einfach ist es denn doch nicht.

  • Brasilien holt deshalb so viele Leute aus der Armut, weil es dort Mindestlöhne gibt, die allein die letzten 2 Jahre um bis zu 30% angestiegen sind. Die haben die Globalisierung mit Sozialstandards und einem Ausbau eines sozialstaates belegt. Zugegeben: die Einnahmen dafür kommen durch eine breitere Steuerbasis durch das Wirtschaftiche Wachstum. Aber genuin errichten die da einen rudimentären Sozialstaat.

    genau das, was in Europa unter Beschuss steht, gerade in der jetzigen Krise und auch in DE -- oder hat DE Mindestlöhne wie Brasilien?

    Die meisten Armen wurden durch steigende Mindestlöhne und kostenlose staatliche medizinische Versorgung in den Favelas aus der Armut geholt. Also durch Sozialstaat beginnend unter Lula.

  • Sorry, die Antwort sollte an @www_wissensmanufaktur_net
    gehen,da die Aussagen zum DAX nicht vom HB kommen.

    Ich finde den Artikel von Herrn Weimar interessant, und seine Aussagen werden von Kommentatoren die dort leben auch bestätigt.

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