Weimers Woche
Der Wahlkampf wirkte wie ein Blutdrucksenker

Der langweiligste Wahlkampf aller Zeiten geht zu Ende. Er wirkte wie entkoffeinierter Kaffee, ein Blutdrucksenker oder eine Yoga-Entspannung. Es gab weder Spektakel noch Drama, keine Helden, keine Überraschungen, nicht einmal große Debatten.
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Der langweiligste Wahlkampf aller Zeiten geht zu Ende. Er wirkte wie entkoffeinierter Kaffee, ein Blutdrucksenker oder eine Yoga-Entspannung. Es gab weder Spektakel noch Drama, keine Helden, keine Überraschungen, nicht einmal große Debatten. Nur Ulla Schmidts Dienstwagenreise wird als lächerlicher Höhepunkt in Erinnerung bleiben. Und der beste Slogan kam auch nicht aus der Politik - sondern von den Medien: "Yes, we gähn".

Der Kontrast zum "Yes, we can"-Furore-Wahlkampf Barack Obamas könnte größer nicht sein. Bei uns war alles so nüchtern und emotionslos als wäre der Urnengang eine Wiedervorlagemappe im Ordnungsamt. Darum hat der Wahlkampf auch kaum etwas verändert. Die Umfragen sehen heute genauso aus wie vor einem Jahr. Die Union dürfte sich knapp behaupten. Die SPD sackt auf Mittzwanzigerwerte ab, Linke und Grüne legen dafür zu. Einen echten Schub kann einzig die FDP erwarten. Sie dürfte nicht nur drittstärkste Kraft werden, sondern könnte auch den Schlüssel zu einer politischen Veränderung in die Hände bekommen.

Die Liberalen legen auch in der Schlusswoche zu, weil sie das gezeigt haben, was andere vermissen lassen: Mut. Mit ihrer eindeutigen Koalitionsaussage setzen sie alles auf eine Karte und riskieren tapfer, damit abermals in der Opposition zu landen. Gerade das aber gefällt einem Publikum, das von den taktischen und rhetorischen Nebelschwaden der Vorsicht-Volksparteien zusehends enttäuscht ist.

Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel schwimmen am liebsten im ruhigen Meer der Opportunitäten. Sie machen keine Wellen und wagen keinen Landgang. Ihr Motto lautet: Für den Fisch ist das Wasser die Insel. Ihr Problem könnte freilich werden, dass sie so eine Ebbe für ihre Parteien provozieren, die das muntere Schwimmen irgendwann unmöglich macht.

Die kantige FDP zieht darum den wässrigen Volksparteien auch in den letzten Stunden vor dem Wahlgang noch Zweitstimmen ab - die Debatte um Überhangmandate verstärkt diesen Trend. Einerseits nimmt sie die von der moderierenden Merkel-Weichspülpolitik enttäuschten Bürger auf. Andererseits wird sie für frustrierte Sozial-liberale aus dem bürgerlichen Milieu der SPD attraktiv. Die FDP profitiert also von der doppelten Schwäche der Volksparteien und sammelt in der Mitte beiderseitig die Enttäuschten auf. Gerade ihre Eindeutigkeit wird zu ihrer Stärke.

Selbst Linksintellektuelle, die die FDP lange als "neoliberale Kaltschale" niedergemacht haben, preisen sie plötzlich gönnerhaft als "Klardenker-Truppe". Altkonservative, die den "Leichtmatrosen Westerwelle" abkanzelten, rühmen ihn nun als "gereifte Verkörperung der neuen Bürgerlichkeit". Nonkonformisten, die die Liberalen als "Nadelstreifenarmee" kritisierten, entdecken jetzt das "unabhängige Bürgertum", ja so etwas wie die seriöse Variante der Piratenpartei. Kurzum: Die Besserwisser-FDP ist weg, die Mittelstandsversteher sind da. Es handelt sich um einen Imagewechsel wie man ihn bislang nur bei Jägermeister oder Audi erlebt hat.

Ob das am Ende aber für einen schwarz-gelben Sieg wirklich reicht? Falls nicht, wird die gelbe Welle möglicherweise andersartige Regierungswellen schlagen, Denn eines haben FDP und Grüne ja nicht wirklich ausgeschlossen: die Jamaika-Koalition aus Union, Liberalen und Grünen. Zwar reden alle davon, es ginge am Sonntag nur noch um die Frage Schwarz-gelb oder Große Koalition. Tatsächlich gibt es diese Alternative, die in den letzten Tagen des Wahlkampfes das politische Berlin mehr beschäftigt als man es zeigt - die Jamaika-Mehrheit ist jedenfalls sicher. Das wäre am Ende der großen Langeweile doch noch eine faustdicke Überraschung.



Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur von Cicero. Seine aktuellen Kommentare lesen Sie unter www.cicero.de.

Wolfram Weimer
Wolfram Weimer
Handelsblatt / Gastautor

Kommentare zu " Weimers Woche: Der Wahlkampf wirkte wie ein Blutdrucksenker"

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  • Wenn Politik idealtypisch funktionieren würde, wäre eine große Koalition für die großen Herausforderungen unserer Zeit sehr sinnvoll. Setzt aber voraus, dass beide an einem Strang ziehen. Und genau in diesem Punkt scheitert es leider zu oft. Übrig bleiben meist nur schwache Kompromisse. Oder geht es nur mir so bei dieser Einschätzung?

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