Weimers Woche

_

Weimers Woche: Die EZB wird zur Bad Bank

Die Schuldenkrise zwingt die EZB Stück für Stück in die Rolle der finanzpolitischen Müllabfuhr und damit zu einem weiteren Tabubruch. Das nutzen vor allem die Länder aus, deren Banken unter bilanziellem Druck stehen.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.
Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Es ist der nächste Sündenfall: Die Europäische Zentralbank (EZB) akzeptiert von Europas Banken künftig auch Sicherheiten niedrigerer Qualität als Pfand für Notenbank-Kredite. Nach heftigen Diskussionen werden sich sieben der insgesamt 17 Notenbanken im europäischen Zentralbankensystem an der Ramsch-Politik beteiligen. Die Schuldenkrise zwingt die EZB Stück für Stück in die Rolle der finanzpolitischen Müllabfuhr.

Anzeige

Vor allem jene Länder, deren Banken unter bilanziellem Druck stehen, nehmen fortan die EZB als ihre Abfalltonne in den Dienst. Bei Irland, Spanien, Portugal, Griechenland und Zypern überrascht das nicht. Dass aber auch Frankreich und Österreich sich in dieser Frage gegen die Deutsche Bundesbank gestellt haben, ist ein Alarmsignal.

Zum einen deutet die Entscheidung darauf hin, dass die Banken dieser Länder schwere Refinanzierungsprobleme haben. Zum anderen verfügen die Kreditinstitute offensichtlich über zu wenige erstklassige Sicherheiten für klassische EZB-Kredite. In Frankfurt wird mit deutlich mehr als 100 Milliarden Euro gerechnet, die die Aktion Müllabfuhr zusätzlich mobilisieren soll.

EZB

Wie ein Gebrauchtwagenhändler verkauft EZB-Präsident Mario Draghi den Deal: „Es wird etwas riskanter“, flötet Draghi. „Aber wir kommen schon damit klar.“ Er gibt zu, dass es gekracht hat im Rat. Vor allem die Deutschen haben sich über Wochen hinweg nach Kräften gewehrt gegen die Entscheidung – doch wieder einmal vergeblich.

Ungewöhnlich ist nun, dass innerhalb des EZB-System zwei verschiedene Soliditätswelten eröffnet werden. Die Notenbanken haben es nicht geschafft, einen einvernehmlichen Weg zu beschreiten. Dies macht auch jenen Sorgen, die zwischen der deutschen und der Südstaaten-Positon vermitteln wollten. „Es ist ein Zerfallssignal. Der einheitliche Sicherheitsrahmen ist seit dieser Woche gebrochen”, warnen die Notenbankexperten in Frankfurt.

Die EZB hat schon mit ihrer Entscheidung, Staatsanleihen aufzukaufen und damit direkt in die Staatsfinanzierung einzusteigen, eine Grundregel der Stabilitätspolitik verletzt. Nun begeht sie einen zweiten Regelverstoß gegen die Verteidigung der Geldwertstabilität. Dabei sind die gewaltigen Geldspritzen im Refinanzierungsgeschäft schon ein riskantes Manöver. Vor fünf Wochen flutete die Notenbank mit fast 500 Milliarden das europäische Bankensystem zu Billigzinsen. Nun kündigt Draghi an, dass man schon wieder einen dreistelligen Millliardenbetrag im Refinanzierungsgeschäft bereit stellt.

Damit ist dreierlei klar. Erstens es knirrscht im Gebälk der europäischen Banken so gewaltig, dass die Erholung an den Börsen verfrüht sein könnte. Zweitens wird der politische Druck auf die EZB immer größer, zur Schulden-Entsorgungsstätte des Kontinents zu mutieren. Und drittens gibt die Zentralbank diesem Druck Schritt für Schritt nach. Von dem über Jahre gezeichneten Bild, dass die EZB eine stolze Erbin der Bundesbank sei und ihre Unabhängigkeit und Stabilitätsorientierung in deren Tradition streng verteidigt, bleibt wenig übrig. Die EZB ist auf dem Weg zur Bad Bank.

  • 17.02.2012, 08:28 UhrRainer_J

    Zitat:"Die EZB wird zur Bad Bank"

    Richtig: Die EZB ist (schon lange) eine Bad Bank!

    Sie wird doch immer aktiv, wenn andere den Giftmüll nicht haben wollen.

  • 17.02.2012, 07:27 UhrJayJay

    Es wird ja nun Geld aus dem nichts erschaffen, durch die Badbank EZB. Denn nichts anderes ist es, diese 3 Jahrestender an die Banken (mit Feb.2012 i.M. 1,5 Billionen) damit das Großkapital die Staatshaushalte der P.I.I.G.S. sowie bald Frankreich finanzieren. Selbst nach den 3 Jahren wird es weitere Billionen Tender geben, da ein zurück unmöglich ist.
    Also faktisch eine Finanzierung auf ewig (bis zur Hyperinflation) mit der Druckerpresse durch die Badbank EZB mit Umweg über die Großbanken.
    Armer kleiner EU-Bürger, er wird die Zeche am Ende zahlen.

  • 10.02.2012, 12:36 UhrSiggi40

    „Dass aber auch Frankreich und Österreich sich in dieser Frage gegen die Deutsche Bundesbank gestellt haben, ist ein Alarmsignal“.
    Das sehe ich anders. Schon seit 2 Jahren kann der aufmerksame Leser nachvollziehen, dass gerade Frankreich eine spendable Schuldenübernahme durch die EZB favorisiert. Ohne die ganzen „Bankenrettungspakete“ für französische Banken, verpackt als Griechenlandhilfe, wären die Franzosen schon lange insolvent.
    Ich bewundere Länder wie Spanien und Portugal, wo das Volk hinter den schon längst überfälligen Sparprogrammen der Regierung steht. Doch in Frankreich geschieht genau das Gegenteil. So lange unsere Eintschi sich von Sarkozy um den Finger wickeln lässt, beneidenswert, er wäre ein Top-Verkäufer, und auf Rücksicht auf die anstehenden Wahlen noch kein einziges Sparpaket umgesetzt hat, geschweige denn in Erwägung gezogen, könnte ja Stimmen kosten, gell, wurde doch erst die Finanzierung der Staatsschulden durch die EZB über Hintertüren ermöglicht.

    All diese Finanzhilfen sind demokratisch in keiner Weise legitimiert. Sie verletzen die Grundrechte der Deutschen ebenso wie europ. Verträge. Art.38 des deutschen GG schützt uns vor Rechtsakten, die von den Verträgen der Europ. Union nicht gedeckt sind.Das gilt insbesondere auch für die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank. Das ist nicht zulässig. Das ist Hochverrat!!

    Anleihekäufe durch die EZB, auch über kriminelle Umwege, bedeutet nichts anderes, als die Sparanlagen der Deutschen zu verschenken. Das ist kein umgekehrter Bankraub – das ist Hochverrat durch Eintschie und Schäuble!! Aber so schlimm kann es ja noch nicht sein, wenn Eintschie immer noch solch tolle Umfragewerte hat. Bin mal gespannt, wann die stupid Germans aus ihrem Dornröschenschlaf aufwachen, spätestens dann, wenn das Gelächter der anderen zu groß wird.

    „Es ist wieder an der Zeit, dass die Bürger die Guillotine flott machen“, kommentierte ein Forist in der SZ. Er hat verstanden. Und auf was warten wir eigentlich noch?

  • Kommentare
Kommentar : Tim Cook hat einen Fehler gemacht

Tim Cook hat einen Fehler gemacht

„One more thing“: Apple-Chef Tim Cook hat sich bei der Produktvorstellung stark an den guten alten Zeiten orientiert. Damit hat er sich keinen Gefallen getan. Jetzt muss er sich wieder an Steve Jobs messen lassen.

Kommentar: Keine Gnade für Frankreich

Keine Gnade für Frankreich

Drei Gründe nennt Frankreich, warum es die EU-Obergrenze beim Defizit bis mindestens 2017 nicht einhalten wird. Zwei davon ziehen nicht. Daher kann die Regierung kaum mit der Großzügigkeit seiner Partner rechnen.

  • Kolumnen
Der moderne Mann: Senior-Consultant-Key-Account-Irgendwas

Senior-Consultant-Key-Account-Irgendwas

Wieso sind Bärte wieder in? Braucht man als Manager einen Twitter-Account? Und welche Meinung zur Ukraine passt in die Kantine? Herr K. widmet sich den letzten großen Fragen, mit denen der moderne Mann konfrontiert ist.

Der Werber-Rat: Der Algorithmus, bei dem jeder mit muss

Der Algorithmus, bei dem jeder mit muss

Die entscheidende Frage, die Vereine ihren Social-Media-Managern stellen sollten, lautet nicht mehr: „Wie viele Fans haben wir?“, sondern: „Mit wie vielen Fans waren wir tatsächlich in Kontakt?“

Was vom Tage bleibt: Ohne die Alten wäre Schottland unabhängig

Ohne die Alten wäre Schottland unabhängig

Junge Schotten stimmten mit großer Mehrheit für eine Abspaltung. Alibaba räubert an der New Yorker Börse. SAP geht in den USA shoppen. Und Siemens-Chef Kaeser legt sich mit seinem Vorgänger an. Der Tagesrückblick.

  • Gastbeiträge
Gastbeitrag: So wichtig wie Lesen

So wichtig wie Lesen

Die Vermittlung digitaler Grundkenntnisse kann gar nicht früh genug beginnen, fordert der Hauptgeschäftsführer der IHK Köln, Ulf Reichardt.

Gastbeitrag zum Schottland-Votum: Was Anleger wissen sollten

Was Anleger wissen sollten

Bei den Investoren steigt die Spannung. Sollte Schottland im Vereinigten Königreich verbleiben, dürfte es eine Erleichterungsrally bei britischen Aktien und dem Pfund geben. Bei einem Austritt drohen heftige Marktreaktionen.

Gastbeitrag zur neuen EU-Kommission: „Man kann einen Bock nicht zum Gärtner machen“

„Man kann einen Bock nicht zum Gärtner machen“

In Berlin regt sich deutliche Kritik an der Besetzung der neuen EU-Kommission. Dass ausgerechnet Paris den künftigen Währungskommissar stellt, hält der CDU-Wirtschaftspolitiker Willsch für inakzeptabel.

  • Presseschau
Presseschau: Alibaba stürmt die Wall Street

Alibaba stürmt die Wall Street

Der Börsengang von Alibaba brach alle Rekorde. Wirtschaftsmedien feiern das gigantische Debüt, aber andere warnen: Ist Alibaba zu groß, um enteignet zu werden? Keiner könne sagen, wie sich das Regime in Peking verhalte.