Weimers Woche

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Weimers Woche: Die kalte Enteignung

Die Politik hat einen systematischen Weg aus dem Schuldturm gefunden – mit Hilfe extrem niedriger Zwangszinsen. Experten sprechen feinsinnig von “finanzieller Repression”. Tatsächlich ist es kalte Enteignung.

Wolfram Weimer: Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.
Wolfram Weimer: Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

BerlinDie Aktienbörsen feiern den läppischen Haushaltskompromiss in Amerika als habe Obama finanzielles Freibier für alle bestellt und die exorbitanten Schulden der USA mit einem Zaubertrank weggeschluckt. In Wahrheit geht das Schuldenmonopoly munter weiter. Und zwar in der gesamten westlichen Welt. Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg sind die Staatsschuldenquoten so rasant gestiegen wie derzeit – im Durchschnitt der OECD-Länder ist die Marke von 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts jetzt überschritten.

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Seriöse Staatsmänner würden jetzt eine umfassende Sparpolitik einleiten. Mutige Staatenlenker würden ihre Volkswirtschaften so konsequent liberalisieren, dass sie sich aus den Schulden herauswachsen könnten. Verwegene Politiker würden die Schulden weginflationieren. Ehrliche Machthaber würden Insolvenzverfahren mitsamt Umschuldungen organisieren.

Unsere Staatenlenker jedoch gehen weder den seriösen noch den mutigen Weg. Sie haben sich für den organisierten Diebstahl entschieden: mit erzwungenen Radikal-Niedrigzinsen werden die Sparer um ihre Reserven gebracht. Seit Monaten wird feinsinnig eine „finanzielle Repression“ diagnostiziert, als handele es sich um eine geldliche Befindlichkeitsstörung wie Wechseljahrbeschwerden. In Wahrheit geht es sich um systematische Enteignung.

Wenn nämlich die Sparer dauerhaft eine Verzinsung unterhalb der Inflationsrate erdulden müssen, finanzieren sie über ihren Substanzverlust die Entschuldung des Staates zwangsweise. Die Zinsenteignung funktioniert wie eine direkte Steuer auf Ersparnisse. Seit anderthalb Jahren liegt sogar die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen unterhalb der Inflationsrate. Drastischer erfolgt der Zinsraub bei Anleihen mit kürzerer Laufzeit, deren Renditen nurmehr eine Null vor dem Komma haben.

Bei einer Inflationsrate von rund 2 Prozent bekommen Anleger auf Bundesanleihen im Durchschnitt aller Laufzeiten nur noch etwa 1 Prozent. Wie in der Schweiz zahlen wir also dem deutschen Staat dafür, dass wir ihm Geld leihen. Da das ausstehende Volumen bei Bundesanleihen rund 1,9 Billionen Euro beträgt, zahlen die Anleger nach derzeitigen Konditionen alleine dem Bund jährlich 19 Milliarden Euro drauf. Dieses Geld wird stillschweigend von Sparern zum Staat umverteilt. Wolfgang Schäuble kann sich freuen, denn bei diesen negativen Realrenditen entschuldet sich der Bund durch die Ausgabe von Schuldtiteln - ohne dass er Sparen oder Steuern erhöhen muss.

  • 06.01.2013, 11:35 Uhreno

    Einen Krieg mit zerbombten Häusern Straßen hatten wir zwar nicht - dafür zerbombte Seelen an denen wir heute noch nicht
    gesundet sind. Im Gegenteil: Es wird alles immer kleiner und
    schizophrener und damit willkürlicher und verrückter.
    Das bringt: Hass!

  • 05.01.2013, 14:37 Uhrmondahu

    @Hajo_Zeller
    "Null" ist theoretisch richtig, nur nicht die ganze Wahrheit.
    Wenn Sie einen Sack Kartoffel im Keller haben und nicht gerade gestohlen haben, dann ist der ein Teil Ihres Vermögens. Es gibt ja niemand, dem die Kartoffel fehlen.
    Wenn Sie dagegen 100 € im Geldbeutel oder auf dem Konto haben, dann ist das zwar auch Teil Ihres Vermögens, aber es gibt eine Gegenpartei, die das Geld in Umlauf gesetzt hat. Solange die Gegenpartei ihr Verspechen hält, ist Ihr Geld was wert und Sie können es durch Kauf weiterer Kartoffel ohne Gegenparteirisiko bedingungslos in Ihr Vermögen eingliedern.
    Bei Geld fungiert der Staat über seine Zentralbank als Gegenpartei, bei Rentenversprechen ist es ebenfalls der Staat, bei Bankguthaben oder Lebensversicherungen sind es Bank, bzw. Versicherer. Die Fungibilität hängt also vom Stehvermögen der Gegenpartei ab. Solange daran kein Zweifel besteht, läuft der Laden, aber wehe, es melden sich Zweifel, dann bricht das Geldsystem zusammen.
    Wir sind heute ganz allgemein in den Industriestaaten wegen der nicht mehr beherrschbaren Verschuldung kurz vor diesem kritischen Punkt. Inflation ist ganz einfach die Taktik, sich klammheimlich über einen längeren Zeitraum gestreckt aus dem Gegenparteirisiko wegzustehlen.

  • 05.01.2013, 13:28 UhrHajo_Zeller

    Der Verfasser des Artikels hat leider keine Ahnung. Bei dem Volkswirtschaftler Wolfgang Stützel flog man hochkant durch die mündliche Prüfung, wenn man auf die Frage: “Wie groß ist das Geldvermögen in der Welt” nicht wie aus der Pistole geschossen antwortete:

    Null

    Wer da zuckte, hat bewiesen, dass er unser Geldsystem nicht verstanden hat. Leider scheinen die “Durchgefallenen” vorzugsweise in der deutschen Wirtschaft und Politik untergekommen zu sein. Anders kann ich mir manche idiotischen Kommentare zur “Schuldenkrise”, die eigentlich auch eine “Geldvermögenskrise” ist, nicht erklären. Wer Staatsschulden abbauen will, der muss auch erklären, bei wem er das Geldvermögen abbauen will. Alles andere ist unredlich.

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