Weimers Woche: Die kalte Enteignung

Weimers Woche
Die kalte Enteignung

Die Politik hat einen systematischen Weg aus dem Schuldturm gefunden – mit Hilfe extrem niedriger Zwangszinsen. Experten sprechen feinsinnig von “finanzieller Repression”. Tatsächlich ist es kalte Enteignung.

BerlinDie Aktienbörsen feiern den läppischen Haushaltskompromiss in Amerika als habe Obama finanzielles Freibier für alle bestellt und die exorbitanten Schulden der USA mit einem Zaubertrank weggeschluckt. In Wahrheit geht das Schuldenmonopoly munter weiter. Und zwar in der gesamten westlichen Welt. Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg sind die Staatsschuldenquoten so rasant gestiegen wie derzeit – im Durchschnitt der OECD-Länder ist die Marke von 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts jetzt überschritten.

Seriöse Staatsmänner würden jetzt eine umfassende Sparpolitik einleiten. Mutige Staatenlenker würden ihre Volkswirtschaften so konsequent liberalisieren, dass sie sich aus den Schulden herauswachsen könnten. Verwegene Politiker würden die Schulden weginflationieren. Ehrliche Machthaber würden Insolvenzverfahren mitsamt Umschuldungen organisieren.

Unsere Staatenlenker jedoch gehen weder den seriösen noch den mutigen Weg. Sie haben sich für den organisierten Diebstahl entschieden: mit erzwungenen Radikal-Niedrigzinsen werden die Sparer um ihre Reserven gebracht. Seit Monaten wird feinsinnig eine „finanzielle Repression“ diagnostiziert, als handele es sich um eine geldliche Befindlichkeitsstörung wie Wechseljahrbeschwerden. In Wahrheit geht es sich um systematische Enteignung.

Wenn nämlich die Sparer dauerhaft eine Verzinsung unterhalb der Inflationsrate erdulden müssen, finanzieren sie über ihren Substanzverlust die Entschuldung des Staates zwangsweise. Die Zinsenteignung funktioniert wie eine direkte Steuer auf Ersparnisse. Seit anderthalb Jahren liegt sogar die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen unterhalb der Inflationsrate. Drastischer erfolgt der Zinsraub bei Anleihen mit kürzerer Laufzeit, deren Renditen nurmehr eine Null vor dem Komma haben.

Bei einer Inflationsrate von rund 2 Prozent bekommen Anleger auf Bundesanleihen im Durchschnitt aller Laufzeiten nur noch etwa 1 Prozent. Wie in der Schweiz zahlen wir also dem deutschen Staat dafür, dass wir ihm Geld leihen. Da das ausstehende Volumen bei Bundesanleihen rund 1,9 Billionen Euro beträgt, zahlen die Anleger nach derzeitigen Konditionen alleine dem Bund jährlich 19 Milliarden Euro drauf. Dieses Geld wird stillschweigend von Sparern zum Staat umverteilt. Wolfgang Schäuble kann sich freuen, denn bei diesen negativen Realrenditen entschuldet sich der Bund durch die Ausgabe von Schuldtiteln - ohne dass er Sparen oder Steuern erhöhen muss.

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Systemische Zinsräuberei

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