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Weimers Woche: Die Republik im Tugend-Terror

Ob im Alltag oder in der Weltpolitik – die Tugendwächter sind auf dem Vormarsch. Das rheinische Großzügigkeitsmotto „Man muss auch gönnen können“ wird durch das preußischen Prinzip ersetzt. Spießig oder anständig?

Wolfram Weimer, Journalist, Buchautor und Gründer des Politik-Magazins Cicero.
Wolfram Weimer, Journalist, Buchautor und Gründer des Politik-Magazins Cicero.

Eine Kassiererin wird entlassen, weil sie einen Pfandbonus von 1,30 Euro unterschlagen hat. Ein Unternehmen wird verklagt, weil es Geschäftsfreunde zu einem Fußballspiel einlädt. Ein Bundespräsident wird verteufelt, weil sein Sohn im Autohaus ein Bobbycar geschenkt bekommen hat. Die öffentliche Moral hat einen neuen Fetisch: die Kleinlichkeit. Ob im Alltag oder in der Weltpolitik – die Tugendwächter sind auf dem Vormarsch.

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Die am schnellsten wachsenden Aktivitäten in unseren Konzernen kommen daher aus den Compliance-Abteilungen – dort arbeiten die neuen Moralapostel der Moderne. Unter dem Siegel der Regeltreue und Korruptionsbekämpfung entfesseln sie Kontrollsucht und Regelbürokratie.

Verspotteter Präsident „Liebling, ich habe die Amtszeit geschrumpft“

  • Verspotteter Präsident: „Liebling, ich habe die Amtszeit geschrumpft“
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  • Verspotteter Präsident: „Liebling, ich habe die Amtszeit geschrumpft“
  • Verspotteter Präsident: „Liebling, ich habe die Amtszeit geschrumpft“

Geschenke gibt es fast keine mehr, denn immer lauert irgendwo der geldwerte Vorteil oder der mutmaßliche Bestechungsversuch. Geschäftsessen und Dienstreisen unterliegen zusehends dem Ruch halbkrimineller Veranstaltungen. Und selbst auf den Geburtstagsblumenstrauß blickt der Compliance-Officer inzwischen wie ein Terrorismusjäger.

Im Staatsdienst hat der Compliance-Wahn bereits triumphiert: Polizisten geben die von dankbaren Bürgern gebackenen Kuchen zurück. Postboten trauen sich nicht mehr, das Weihnachtstrinkgeld an der Haustür anzunehmen. Müllwerker in Hamburg dürfen keine Dankesgeschenke der Anwohner von mehr als 10 Euro akzeptieren. Ein Kunstlehrer gibt das Abschiedsgeschenk seiner Abiturienten zurück, weil die Karikatur 100 Euro wert ist. Kurzum: Beamte dürfen eigentlich keine Freunde mehr haben.

  • 31.01.2012, 14:27 UhrAnonymer Benutzer: FRIDA

    "Verkommenheit der politischen Klasse" - nun, ja, wenn man dabei an einen ehemaligen russischen Präsidenten denkt, der aktuell als mutmasslicher Wahlbetrüger dasteht, oder an einen ehemaligen amerikanischen Präsidenten, der völkerrechtswidrige Angriffskriege führen und Gefangenenlager im rechtsfreien Raum errichten ließ. Gleichwohl genießen beide nach wie vor moralischen Rückhalt unter der eigenen Bevölkerung wegen ihres gottgefälligen Lebenswandels vermutlich. Wissen Sie was, Herr Amtsrichter, ich würde mein eigenes Streben nach persönlicher Rechtschaffenheit nicht davon abhängig machen, ob auch die Staatsführung integer ist. Das ist in der Geschichte der deutschen Justitz schon mal gründlich in die Hose gegangen. Übrigens, auf Dauer gesünder ist es, sich nicht zu ärgern. Allenfalls sollte man sich wundern.

  • 30.01.2012, 17:42 UhrAnonymer Benutzer: HansMeiser

    O-Ton Wulff über sich und Gleaseker: „Wir sind siamesische Zwillinge".

  • 29.01.2012, 19:48 UhrAnonymer Benutzer: Ryder190

    Vielleicht hängt es damit zusammen, dass mancher Bürger den Eindruck hat, der Staat würde ihm nicht mal das Schwarze unterm Nagel gönnen. Jeder kennt Kleingeistigkeit, Unflexibilität und gefühlte Vorteilsnahme von Seiten des States aus eigener Anschauung: Ein Steuerrecht das sich nicht scheut, erstmal alle Steuerzahler unter Generalverdacht zu stellen, Eine Justiz bei der - zumindest statistisch gesehen - im Konfliktfall der Staat weit häufiger als der Bürger gewinnt oder auch nur die gier-gesteuerte Renaturierung der Strassenränder durch den Blitzerwald.

    Wundert es da einen wirklich, wenn die nach eigenem Empfinden von Staat über Gebühr gepeinigten Menschen jede sich bietende Chance nutzen, es den Entscheidungsträgern mal gleichwertig heimzuzahlen?

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