Weimers Woche: Die Welt als Geisterbahn

Weimers Woche
Die Welt als Geisterbahn

Zunächst ging unser Land am Waldsterben zugrunde. Dann an Tschernobyl und Aids. Schließlich fielen BSE-Rinder und Kampfhunde über uns her. Vorgestern kamen der Feinstaub und die Vogelgrippe dazu. Die Zyklen der Pamikmache werden kürzer.
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Zunächst ging unser Land am Waldsterben zugrunde. Dann an Tschernobyl und Aids. Schließlich fielen BSE-Rinder und Kampfhunde über uns her. Vorgestern kamen der Feinstaub und die Vogelgrippe dazu. Gestern schockierten der Klimawandel und die "demographische Katastrophe". Heute stehen die Schweinegrippe-Angst und der Finanzkrisen-Schock auf dem Programm. Als sei unsere Welt eine riesige Geisterbahn, leben wir in immer kürzeren Zyklen kollektiver Panikmache.

Auch bei der Wirtschaftskrise haben sich alle an Dramatik überboten: "Schlimmste Rezession aller Zeiten". "Größter Einbruch seit dem Weltkrieg". "Schwerste Krise seit 1929". Im Winter grassierte eine fiebrige Lust an der ökonomischen Apokalypse. Tatsächlich aber geht diese Krise schon im Frühjahr wieder zu Ende. Die Frühindikatoren zeigen eine Kehrtwende an, die Börsenkurse schießen geradezu empor, halb Asien meldet wieder Wachstum, die Auftragseingänge legen plötzlich zu, der nächste Aufschwung hat bereits begonnen. Kurzum: Die Krise war kaum mehr als eine ganz normale Rezession - wie sie alle sieben Jahre eben einmal kommt. Sie mag schärfer gewesen sein als andere, sie mag die Finanzbranche umwälzen und die Autoindustrie neu strukturieren, sie mag Amerika die Führungsrolle kosten. Alles möglich, aber eine historische Katastrophe ist das beileibe nicht.

Selbst wenn unsere Wirtschaft um fünf Prozent schrumpfen sollte, sind das doch fünf Prozent vom höchsten Wohlstandsniveau, das uns die Weltgeschichte je beschert hat. Wenn also ein sehr reicher Mann fünf Prozent seines Vermögens verliert, dann bleibt er doch ein reicher Mann. Wenn aber ein armer Mann, direkt nach einem Weltkrieg Hunger hat, ein zerbombtes Haus und keine Heizung und ein verkrüppeltes Bein dazu, dann sind fünf Prozent Wachstum noch zu wenig.

Das Geldvermögen der Privathaushalte beträgt etwa 4,5 Billionen Euro. Allein in diesem Jahr genießen 65 Millionen Deutsche längere Urlaubsreisen, etwa 70 Prozent davon ins Ausland. Die Deutschen haben 46 Millionen Autos - so viele wie noch nie, 99 Prozent der deutschen Haushalte haben einen Fernseher, 99 Prozent haben ein Telefon. Was immer man betrachtet - die Lebenserwartung, die Qualität des Essens, das Bildungsniveau, die Wohnsituationen, der industrielle Kapitalstock - wir leben so dramatisch viel reicher als die Generation von 1929, so dass wir schon eine Rezession von 80 Prozent Niveaurückgang erleiden müssten, um in eine Welt aus Suppenküchen und Tuberkulose-Epidemien zurück zufallen. Darum wirken die Vergleiche nicht nur wie eine grobe Verzerrung, sie sind geradezu manipulativ.

Die erste Kritik am Alarmismus trifft die Medien. Aus der alten Verleger-Erkenntnis "Only bad news are good news" ist inzwischen ein Jahrmarkt der boulevardesken Panikmache geworden. Wir unterliegen einer RTLisierung der politischen Kultur, die jede Minustemperatur als "Blitzeis", jeden schwülen Sommertag als "Klimaschock", jedes fiebrige Huhn als "Pestboten" stilisiert.

Es sind aber nicht nur Medien, die aus wirtschaftlichen Gründen am Teppich der Ängste weben. Ganze Berufsgruppen verdienen heute als "Lobbyisten des Negativen" (Matthias Horx) ihr Geld - von Klimaforschern bis hin zu Standortkritikern. Panik scheint in Deutschland ein Dauer-Wachstumsmarkt, also entsteht eine Industrie der Angst. Obwohl ihre Prognosen bis ins Groteske falsch sind, behalten sie doch immer Recht. Im Zweifel habe gerade der Alarmschrei ihrer Warnung das Schlimmste verhindert - frei nach Marcel Proust, wonach Apokalyptiker die wahren Lebenskünstler sind, da sie laufend angenehme Überraschungen erleben.

Die ökonomische Bedeutung der Angst haben auch Versicherungs- und Pharmakonzerne erkannt. "Disease Mongering" - die Pathologisierung gesundheitlicher Zustände - lautet der Megatrend der Medizin- und Nahrungsmittelindustrie. Kopfschmerzen? Sodbrennen? Zwicken? Das sind keine Lappalien mehr, das sind "Vorboten"! Vorboten für ganz Schlimmes. Neue Medikamente oder Nahrungszusatzstoffe, Vitaminpräparate und Fitnessjogurts brauchen neue Ängste. Also werden sie geschürt.

Selbst der Wetterbericht verkommt zum Hochamt des Katastrophismus. Jeder Wirbelsturm auf Jamaika, jedes Buschfeuer in Australien und selbst Hochwasser in Guatemala werden in Kriegsberichterstattermanier präsentiert: Neues von der Front der ökologischen Apokalypse. Wir haben kein Wetter mehr, wir haben nur noch Varianten der Klima-Katastrophe.

Dieser Alarmismus - so sagen uns die darüber amüsierten und so viel entspannteren Briten - sei so deutsch wie das Oktoberfest und die Kuckucksuhr. Haben wir wirklich eine kulturelle Strategie der Selbstbestrafung durch Angst? Projizieren wir unser schlechtes Gewissen für unseren Wohlstand, für unseren Frieden, für das Autofahren oder Steakessen auf Bestrafungsfantasien der Natur? Der Philosoph Jürgen Habermas erklärt die Neigung zur Panik mit der "neuen Unübersichtlichkeit" einer komplexen Welt, die uns zur Flucht in mythische Ängste verführt.

Oder ist es nur das Faustische, das uns zuweilen in den Selbstmordversuch treibt? Ist es der protestantische Grundzweifel? Wirkt gar Nietzsche nach, und der neue Alarmismus ist nur eine Variante der alten Übermenschelei? Zumindest wecken die Reiter der Apokalypse Größenfantasien. Sie erzählen - mit immer neuer Melodie - aber doch das uralte Lied von der auserwählten Generation, von der Einmaligkeit und Finalität der eigenen Zeit und Existenz. Da wächst jeder Gernegroß zum Propheten der Endzeit. Von Carlo Schmid stammt die Beobachtung, dass manche Menschen nur deshalb Untergangspropheten sind, weil sie sich selbst so genau kennen.

Man wird den Verdacht nicht los, dass der Alarmismus auch der letzte Ideologieersatz einer geistig erschöpften Zeit sein könnte, gewissermaßen die postmoderne Rache für die Ironisierung aller Dinge. Auf die Deeskalation des Heiligen folgt die Eskalation der Apokalypse. Kann das sein? Es wäre wenigstens undramatisch.



Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur von Cicero. Seine aktuellen Kommentare lesen Sie unter www.cicero.de.

Wolfram Weimer
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Handelsblatt / Gastautor

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