Weimers Woche
Es droht der Pay-Day

Die Politik bemüht sich, das Zypern als „Sonderfall” klein zu reden. Es stimmt, der dortige Crash haut Europa nicht um. Allerdings ist die Schuldenkrise damit noch längst nicht überwunden – es wird noch richtig teuer.

Wenn Euro-Politiker über Zypern reden, dann klingt das so, als ginge es um skurile Widrigkeiten einer Kongo-Expedition im 19. Jahrhundert. Alles wird erstens in weite Ferne vernebelt (“ein Sonderfall der Peripherie”), zweitens mit wilden, exotischen Mutmaßungen folklorisiert (“eine russische Geldwäscherinsel”) und drittens in die Miniatur verniedlicht (“die Größe Saarlands”). Die Krisenbewältiger wollen die Probleme klein reden und fern halten, doch genau daran spürt man ihre Sorge: die Ansteckungsgefahr.

Das Infektionsrisiko liegt diesmal nicht darin, dass Europas Finanzmärkte sich in einen neuen Crash hinein paniken. Dazu ist Zypern nun wirklich zu klein. Die Ansteckungsgefahr ist aber mentaler Art. Seit dieser Woche wissen alle Europäer, wie die Schuldenkrise auch für sie enden könnte – in einer handstreichartigen Enteignung ihrer Geldvermögen. Dieses Fanal wird das Anlageverhalten in Europa tiefgreifend verändern. Das Mißtrauen in Banken, ins Geld und in Regierungen und ihre Garantien ist enorm gestiegen. Denn nun ahnt jeder: Der Schuldensozialismus ist die Vorstufe zur Enteignung.

Die Beschwichtigungsreden der Politik können also nicht verhindern, dass die Sorgen über die Schuldenkrise wieder wachsen, dass die hochriskante Politik des leichten Geldes und der massiven Politisierung unserer Notenbank irgendwann im “Pay-Day” zu enden droht.

In Wahrheit macht die Schuldenkrise nur eine Atempause. Denn die eigentlichen Ursachen dieser Krise sind kein bißchen beseitigt. Diese liegen nämlich nicht – wie Europas Linke in einem ideologischen Sündenbockreflex Glauben machen will - in einem entfesselten Bankenkapitalismus oder in der Gier einzelner Manager. Die Krise hat zwei größere Ursachen: die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und die hohe Verschuldung vieler Staaten Europas. An dieser fundamentalen, bitteren Wahrheit hat sich in den vergangenen zwei Jahren nichts geändert.

Die Hoffnung, das Schlimmste sei vorbei, nur weil sich die Lage an den Finanzmärkten entspannt hat, ist trügerisch und sogar problematisch. Denn das senkt den Handlungsdruck auf die Politik, die beiden Grundsatzprobleme endlich entschieden aufzuarbeiten. Stattdessen neigt die politische Stimmung eher der Illusion zu, man müsse weder sparen noch sich Wettbewerbsposition zurück erobern. Solange die Notenbank das Schuldenkarussel am Laufen halte, sei Merkels Reformkurs der falsche Weg.

Vor allem Frankreich und Italien geben hier Anlaß zur Sorge. Frankreich verliert rapide Weltmarktanteile, versinkt in neuen Schulden und betreibt eine Politik der Sozialillusionen. Italien hat sich politisch blockiert, der Reformer Mario Monti wurde abgewählt, der Schuldenberg ist erdrückend und die Wirtschaft lahmt. Da Italien und Frankreich absolute Herzstücke der Euro-Union sind, können ihre Probleme – anders als im Falle Zyperns – das ganze europäische Haus in Flammen setzen. Die Zentralbanker haben – ein Sündenfall erster Güte - Italien bereits Staatsanleihen im Wert von mehr als 100 Milliarden Euro abgenommen. Da sind die 10 Milliarden für Zypern wirklich nur so etwas wie ein Expeditionsobolus auf der Abenteuerreise in den Schuldendschungel.

Kommentare zu " Weimers Woche: Es droht der Pay-Day"

Alle Kommentare
  • Sehr geehrter Her Weimer, Ihre Formulierung "Der Schuldensozialismus ist die Vorstufe zur Enteignung" bedient gängige Klisches (Sozilisten können nicht mit Geld umgehen), hält aber den historischen Fakten nicht stand:
    - Die Schulden in allen Ländern wurden wesentlich von
    konservativen Regierungen angehäuft
    - Die Bundesregierung stürzt Deutschland mit seiner
    Europolitik in ein Schuldenloch, aus dem wir - nach
    dem unvermeidlichen Zerfall der Eurozone - nur durch
    durch Inflation wieder raus kommen können, durch
    Hyperinflation = Enteignung der Geldvermögen oder eine
    schleichende Entwertung der Geldvermögen.

    Es müßte also richtiger heißen: Konservative konnten und können nicht mit Geld umgehen, mit dem Geld der Steuerzahler wohlgemerkt.

  • @Schneider_M:

    Bravo, super Analyse !
    Das Fazit ist leider sehr deprimierend :-(

  • @Rechner: Bereinigung haben wir weder in Italien noch in Spanien (Irland dürfte am weitesten fortgeschritten sein), so dass das noch eine ganz schöne Achterbahnfahrt wird und da werden sicher noch weitere x-hunderte Milliarden auftauchen, die über die Bankbilanzen abgeschrieben werden. Happy Reading:
    http://www.reuters.com/article/2013/03/28/us-italy-spain-banks-idUSBRE92R03K20130328

  • 'Nachrechner' sagt
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    @Rechner: Das Geld ist nicht nur gehortet worden. Die Ihrer Meinung nach unbedeutende Blasenbildung insb. in Spanien und Irland hat in der Summe mittlere dreistellige Milliardenbeträge an notleidenden Krediten (insb. Immobilienkredit) hervorgebracht. Die ursprünglich finanzierten „Werte“ wurden von den offiziellen Preisindizes nur unzureichend erfasst und fallen uns jetzt über die Rettung der Banken wieder auf die Füße.
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    Sicher - nicht nur.

    Aber die von Ihnen hier richtig dargestellten X-Hundert-Milliarden-Blasen sind nicht die 2,175 Milliarden an "überschüssiger" Geldmenge die sich aus dem Vergleich von M3-Wachstum und nominalem Wirtschaftswachtum ergeben.

    Das meiste davon muß woanders sein.

    ...

    Die spanische Bankenrettung soll ja nach derzeitigem Stand nur 42 Mrd kosten.

    Demzufolge muß der Rest der erforderlichen Abschreibungen (200 Mrd ?) ja inzwischen auf andere Art (Schuldner / Verwertungen / EK der Banken) bereinigt worden sein - die entsprechende Deflation hat bereits stattgefunden.

    Ähnlich in Irland - geldpolitisch ist die dortige Blase bereits weitgehend bereinigt. Und zwar dadurch, daß der irische Staat für die Abschreibungen gerade steht.

    Each and every Paddy owes us a few grand...

  • @Rechner: Das Geld ist nicht nur gehortet worden. Die Ihrer Meinung nach unbedeutende Blasenbildung insb. in Spanien und Irland hat in der Summe mittlere dreistellige Milliardenbeträge an notleidenden Krediten (insb. Immobilienkredit) hervorgebracht. Die ursprünglich finanzierten „Werte“ wurden von den offiziellen Preisindizes nur unzureichend erfasst und fallen uns jetzt über die Rettung der Banken wieder auf die Füße. Siehe hier (insb der Graph zur Preisentwicklung): http://online.wsj.com/article/SB10001424127887323783704578249673291622116.html

  • @Rechner: In den USA wird mit weit höheren Fremkapitalanteilen finanziert, aber weniger über Banken sondern über den Kapitalmarkt. Der US-Finanzmarkt verfügt über einen extrem großen und tiefen Markt für Anleihen im Investment Grade aber auch Sub-Investment Grade. Verluste treten dann bei Investoren und nicht bei Banken auf. Tendenziell bewegt sich der europäische Kapitalmarkt auch in die Richtung eines von Anleihen dominierten Markt. Eigenkapital spielt in Europa leider eine untergeordnete Rolle im Vergleich zu den USA.

  • @Rechner: Hedonische Preisbereinigung wird seit 2005 vom Statitistischen Bundesamt verwendet. Siehe folgenden Artikel der FAZ:
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/konjunktur/statistik-die-volkswirtschaftliche-gesamtrechnung-wird-auf-neue-beine-gestellt-1232065.html
    Rechnerisch lässt sich dies alles gut darstellen ob über lineare oder logarithmische Modelle. Problem ist die Frage, wie man die vom Verbraucher „gefühlte“ Qualitätssteigerung bewertet. Da dies eine absolut subjektive Größe ist, hat dieses System eine gewisse willkürliche Komponente. „Hedonische Preisindizes berücksichtigen solche Veränderungen der Qualität eines Produkts; sie zeigen, daß der Preis je Einheit "Rechenleistung" noch stärker gefallen ist als der auf herkömmlichem Weg abgefragte Preis für einen Standard-PC. Werden private Käufe von oder Investitionen in Computer mit dem hedonischen Preisindex preisbereinigt, wachsen der Konsum und die Investitionen real insoweit stärker als zuvor ausgewiesen. Das hebt der Tendenz nach die Wachstumsraten des BIP an.“

  • 'Nachrechner' sagt
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    Gerade in Europa, wo der Bankensektor 350% des BIPs ausmacht (USA nur ca. 120%, daher dort auch deutlich weniger Schwierigkeiten und kleinere Banken wurden massenhaft abgewickelt).
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    Der Unterschied in der Größe des Banksektors (Bilanzsummen/GDP) zwischen USA und Europa bildet die unterschiedlichen Finanzierungsgewohnheiten in den Wirtschaftsräumen ab.

    In den USA werden Unternehmen mehr mit Eigenkapital und weniger mit Fremdkapital finanziert.

    Das führt zwar ceteris paribus zu höherer Widerstandsfähigkeit gegen Verwerfungen an Kreditmärkten, aber auch zu höheren Finanzierungskosten.

    Denn die Übertragung des Geschäftsrisiko auf den Finanzier läßt sich dieser natürlich mit einer höheren Rendite für das Kapital bezahlen.

    Jahrzehntelang gaben amerikanische Firmen über die "unfairen" Finanzierungsvorteile ihrer europäischen (deutschen) Konkurenz gejammert.

    Ihne zu bedenken, daß selbst bei Fremdfinanzierung sich in Europa beidrigererFonanzoerungskosten schin aus dem geringeren Volatilitätsaufschlag für die stabilere Währung ergeben.

    ...

    Ob in Europa mehr Finanzierung durch Eigenkapital als bisher erfolgen sollte kann man gerne diskutieren - denn dafür gibt es auch gute Gründe.

    Das heißt aber sicher nicht, daß man die Vorteile die die überwiegende Fremdkapitalfinanzierung bietet vollkommen über Bord werfen sollte.

    Eine Stärkung der Riskopuffer im Bankensystem scheint mir immer noch der beste Weg zu sein.

    Denn Zentralisierung des Eigenkapitaleinsatzes bei Banken bietet Effizienzvorteile.

    ALlerdings brauchen wir dafür auch bessere Banker - die Bonus- und Dummzockmentalität MUSS weg.

    Nachhaltigkeit ist angesagt - Eigenkapitalrenditen von 25% KÖNNEN das nicht sein.

    Nicht wahr, Herr Ackermann?

  • 'Nachrechner' sagt
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    Zur allgemeinen Preissteigerung empfehle ich den folgenden Artikel von Bill Gross (aus 2005), insbesondere der vierte Absatz.
    http://www.pimco.com/EN/Insights/Pages/IO_Oct_2004.aspx

    Auch interessant die öffentlichen Verlautbarungen dazu:
    http://www.bls.gov/cpi/cpihqaitem.htm

    Sie sollten sich mal mit den Thema „hedonic adjustments“ befassen.
    Das Verfahren wird in der EU auch angewandt. Damit ist Manipulation der Inflationsdaten Tür und Tor geöffnet.
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    Die von Ihnen angezogenen Artikel beziehen sich auf die US-Situation.

    "Hedonic Adjustments" werden von eurostat nicht in der beliebigen Weise eingestzt, die die von Ihnen angeführten US-Quellen nahelegen.

    Sondern als Anwendung mathematischer Modelle, die Preise unterschiedlicher Güter vergleichbar macht indem sie Güter zu Eigenschaften derselben dekonstruiert, die Preise der Eigenschaften ableitet und Preise von Gütern mit anderen Kombinationen der gleichen Eigenschaften daraus konstruiert auch für Perioden in denen diese Güter nicht am Markt waren.

    Daran ist nichts willkürliches, da aus einem linearen Gleichungssysystem mit n unbekannten diese Unbekannten exakt bestimmt werden können, sowie n Gleichungen vorliegen.

    Wenn mehr als n Gleichungen vorliegen, dann sind die Unbekannten überbestimmt, was man sich zur Prüfung der Modellvalidität zunutze macht.

    Um ein Maß für die Messfehler und Modellfehler zu haben, verwendet man nicht das von mir oben beschriebene vereinfachte Modell mit linearen Gleichungen (welches ich dargestellt habe weil für sein Verständnis Oberstufenmathematik ausreichend ist), sondern ein um Fehlervariable erweitertes lineares oder logarithmisches Modell.

    http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/hicp/documents_meth/OOH_HPI/HPI_Handbook/05_RPPI_Handbook_2011_11.pdf

  • 'Nachrechner' sagt
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    @Rechner: Ihre unerschütterlicher Glaube an die Inflationsstatistik ist schon erstaunlich.
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    Die Inflationsstatistik von eurostat mißt das Verbraucherpreisniveau.

    Und sie tut das mit den besten heutzutage verfügbaren Mitteln.

    Glaube ist da eigentlich nicht erforderlich.

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    'Nachrechner' sagt
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    Wie Sie wissen, spricht die Entwicklung des Gelmengenwachstums M3 eine andere Sprache (>8% p.a. zwischen 2002 und 2008). Daraus resultierende Blasenbildung sehen wir in den Immobilienmärkten Spaniens und Irlands und schreiben die aufgeblähten Werte über das Bankensystem ab.
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    Preisentwicklungen in anderen Märkten mögen sich durchaus von der im Markt für Konsumgüter zu unterscheiden.

    Von kleinen und im Gesamtkontext Eurozone unbedeutenden Blasenbildungen in Irland und Spanien aber auf eine preistreibende Wirkung der Geldpolitik zu schießen ist unlogisch.

    Wieso sind in Deutschland die Immobilienpreise zwischen 2001 und 2011 denn weniger stark gestiegen als das Verbraucherpreisniveau bei gleicher Notenbankpolitik?

    Zwischen 2001 und 2011 ist die Geldmenge M3 von 5534 Mrd auf 9536 Mrd gestiegen.

    In gleichen Zeitraum hat das nominale BSP in der Eurozone von 7084 Mrd auf 9421 Mrd zugenommen.

    Einem Geldmengenanstieg von 72,3% steht als ein Anstieg des BSP von lediglich 33,0% gegenüber.

    Was zeigt, daß der GDP-Inflator deutlich geringer sein kann als das Geldmengenwachstum (obwohl beide gemäß ihrer Inflationstheorie ja hätten gleich laufen müssen).

    Im nominalen Bruttosozialprodukt sind nämlich sowohl das Realwachstum wie auch die Teuerungsrate des gesamten Bruttosozialprodukts, nicht nur der Konsumgüter, enthalten.

    Das kann natürlich nur durch eine Verringerung der Geldumlaufgeschwindigkeit erklärt werden - mehr M3 ist "gehortet" worden.

    Geldumlaufgeschwindigkeit wird auch hier erklärt:

    http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/geldumlaufgeschwindigkeit.html

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