Weimers Woche: Gabriel wird Kanzlerkandidat

Weimers Woche
Gabriel wird Kanzlerkandidat

Die Steinbrück-Festspiele sind vorbei. Die Sozialdemokraten beschließen in Potsdam Gabriels Regieplan für den Wahlkampf 2013. Er bestimmt Wording, Abläufe, Personal und Themen wie seit langen kein SPD-Vorsitzender mehr.
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Während in den USA immer klarer wird, dass Mitt Romney bei den nächsten Wahlen gegen Präsident Obama antritt, scheint sich bei den deutschen Sozialdemokraten immer noch kein eindeutiger Kandidat gegen Angela Merkel gefunden zu haben. Doch der Schein trügt. In Wahrheit läuft jetzt alles auf einen zu, den anfangs keiner auf der Rechnung hatte: Sigmar Gabriel.

Seit Monaten schleicht er sich in Position, und in dieser Woche hat er die Deutungsmacht in der SPD raumgreifend an sich gezogen. Die Klausur der Sozialdemokraten in Potsdam beschließt seinen Regieplan für den Wahlkampf 2013. Gabriel bestimmt das Wording, die Abläufe, das Personal, die Themen wie seit langen kein SPD-Vorsitzender mehr. Vor allem aber hat er seine innerparteilichen Konkurrenten mit schach-strategischer Schläue ausgespielt.

Die Steinbrück-Festspiele, die im vergangenen Sommer noch die Kanzlerkandidaten-Fantasie beflügelt hatten, sie sind gründlich vorbei. Steinbrück hat sich zu früh und zu laut selbst ins Spiel gebracht. Gabriel stand kühl am Rand, ließ das Spektakel gewähren und spielte auf Zeit. Er wußte: Steinbrück bot Angriffsfläche, setzte zu stark auf das Agenda-Schröder-Netzwerk, machte Eitelkeitsfehler und lag mit seiner Forderung nach Eurobonds in seinem zentralen Kompetenzfeld völlig daneben. Heute wirkt er wie ein doppelt Gewesener: Ein gewesener Lieblingsminister der Großen Koalition und ein gewesener Kanzlerkandidat für einen Sommer. Wie ein isolierter Turm hat er sich auf dem Schachbrett der Macht in die Ecke manövriert.

Auch Frank-Walter Steinmeier ist inzwischen aus dem Kandidaten-Rennen. Ihm haftet das Stigma an, gegen Merkel schon einmal verloren und vor allem ein wirklich katastrophales Ergebnis erzielt zu haben. Was besonders an ihm kleben bleibt, weil die SPD unter Gabriel plötzlich auf Genesungskurs scheint. Die Umfragezahlen und Wahlergebnisse bessern sich, die Partei wirkt wieder formiert.

Dabei hat Gabriel seinen Konkurrenten Steinmeier wie einen Läufer im Schachspiel der Macht eingesetzt. Steinmeier rennt als Fraktionschef mit lauten Zügen gegen die Königin an, aber gerade in dieser Rolle verstetigt sich der Eindruck, dass er sie nie Schachmatt wird setzen können. Die hetzende Läuferrolle macht ihn, den liebenswürdigen Onkelpolitiker, klein und als Wiedergängerkanzlerkandidat unmöglich.

Wowereit wiederum ist in der SPD der klassische Springer. Lebhaft und kantig, zu Überraschungszügen fähig, springt er ein ums andere Mal ums Eck seiner Überzeugungen. Ihm fehlt das Seriöse, seine Chance wäre es gewesen, die verletzte linke Seele der Partei zu trösten, heilen, verkörpern. Genau das aber ist Sigmar Gabriel gelungen. Und zwar so gut, dass er sich inzwischen wie Parteichef und Generalsekretär in einem geriert. Hinter vorgehaltener Hand wetten inzwischen die meisten SPD-Größen, dass sich Gabriel die Kandidatur nicht mehr nehmen lassen wird. Er spielt sich gerade in die Königsrolle seiner Partei.

Gewonnen ist damit für die SPD freilich noch gar nichts. Denn Angela Merkel macht nicht nur in der Schuldenkrise eine gute Figur, sie bleibt bei den Deutschen auch nach Jahren hoch beliebt. Ihr wird schlichtweg vertraut. Gabriel – selbst nicht gerade ein natürlicher Sympathieträger - hat darum klugerweise die Losung ausgegeben, die Kanzlerin der Herzen nicht anzugreifen. Was er aber bislang nicht plausibel machen kann, was dann stattdessen angegriffen wird? Er spricht von den „Zuständen“, die besser und gerechter werden müssten und kopiert damit die Strategie seines französischen Kollegen Hollande, der als Wahlkampfgegner nicht Sarkozy sondern die Banken angreift.

In Deutschland freilich sind weder die Banken noch die Zustände sonderlich schlimm. Das Land boomt, während andernorts die Fundamente wanken. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Gesellschaft werkelt fleißig, vergnügt sich wohlig, die Banken sind gezähmt. Deutschland wird tatsächlich international bewundert. Gegen diese Zustände wird man so wenig Wahlkämpfe gewinnen können wie gegen Angela Merkel.

Wolfram Weimer
Wolfram Weimer
Handelsblatt / Gastautor

Kommentare zu " Weimers Woche: Gabriel wird Kanzlerkandidat"

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  • Ach ja, wenn die Welt am 21.3. so einfach wäre

    Den deutschen Michel auch in den Kommunen ist bekannt, daß S. Gabriel den Sozialisten Hollande in Schutz nimmt. Der Franzose will Euroboms und den Fiskalpakt aufschnüren. Die Mehrheit der deutschen Michel will das aber nicht. Bekanntlich suchen sich nur die Dümmsten ihren Schlechter selber.
    Weimars Woche weiß wohl nicht, dass der deutsche Michel in Berlin die neue deutsche Einheitspartei (NDE) hat,mindestens bis 12/12. Die Logik gebirt dass der deutsche Michel nicht nach Farben wählen wird. Er wählt einen Kanzler oder eine Kanzlerin, er wählt einen Bundesfinanzminister oder eine Bundesfinazministerin und er wird zwei Koordinationsfragen beantworten, in denen sich die Parteien unterscheiden. Aufwachen, HerrCicero!

  • Wenn die SPD Gabriel als Kanzlerkandidaten antreten lässt, brauchen Sie erst gar nicht an der Wahl teilzunehmen. Gabriel ist einer von vielen in der SPD, die weder Ausstrahlung noch Verstand haben. Im Nachhinein hängt ihnen auch noch einiges an wie z.B. die Agenda 2010 unter Schröder - seit diesem Zeitpunkt ist die SPD doch überhaupt nicht mehr akzeptabel (was nicht bedeuten soll das es nun die CDU als solche wäre).
    Wenn die SPD also vorhat sich politisch ganz ins Abseits zu bringen, wird man es gewiss schaffen, wenn Gabriel antritt.

  • @Neptun

    Wenn ich gerade schon dabei bin

    "Viel labern um NICHTS!"

    Das ist sozusagen Paragraph 1 jeder Teilnahme an irgendeiner Art von Forum oder Leserbriefecke, die Geschäftsgrundlage: Bits und Bytes, die im Orkus verschwinden, abgefeuert von Leuten, die sich so ewigen Rum erarbeiten. Andere sammeln eben Goldtaler in World Of Warcraft - es ist aber im Grunde der selbe Prozess.

    "der Allmächtige, der die Figuren hin und her schieben kann"

    Also, der "Allmächtige" ist ein Witzbold und nicht, wie Sie vielleicht vermuten könnten, irgendjemand, der "Figuren hin- und her schieben kann". Das geht aber immer schief.

    Der "Allmächtige" ist eher - wie gesagt - ein Witzbold, der schon mal einen Kanzlerkandidaten, der zu schnell die Bühne stürmen will, im wörtlichen Sinne "stolpern" läßt.

    "Außerdem es ist doch völlig Würst wer der Kanzlerkandidat der SPD wird"

    Damit haben Sie allerdings Recht. Die SPD hat keinen "Kanzler"-Kandidaten, sie hat bislang nur einen "Zähl"-Kandidaten.

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