Weimers Woche
Guttenbergs Feuerprobe

Der Tanklaster-Skandal erschüttert das politische Berlin, der oberste Bundeswehr-General wird gefeuert, Minister Franz Josef Jung tritt in den politischen Ruin und der ganze Afghanistan-Krieg gerät immer tiefer in den Schatten eines moralischen Desasters.
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Der Tanklaster-Skandal erschüttert das politische Berlin, der oberste Bundeswehr-General wird gefeuert, Minister Franz Josef Jung tritt in den politischen Ruin und der ganze Afghanistan-Krieg gerät immer tiefer in den Schatten eines moralischen Desasters.

Inmitten der Turbulenzen wächst Karl-Theodor zu Guttenberg in eine völlig neue Rolle. War er bislang ein geschmeidiger Darling der Medien so zeigt er sich nun als knallharter Krisenmanager und Kriegsführer. Binnen weniger Stunden feuert er den Generalinspekteur und seinen Staatssekretär gleich mit. Das Ganze verkündet er nicht über eine Pressekonferenz, sondern staatstragend im Deutschen Bundestag. Zugleich offenbart er mit seinem neuen Stil der Offenheit, die Vertuschungen seines Amtsvorgängers und stößt den damit in den politischen Abgrund. Guttenberg ist plötzlich gar nicht mehr der nette Baron mit der diplomatischen Höflichkeit. Jetzt ist er der beinharte Kehrausminister. Er spricht offen von einem Krieg, wo Jung die heikle Vokabel über Jahre unterdrückt hatte.

Guttenbergs rasche Konsequenz in der Affäre hat Jungs Rücktritt nicht nur beschleunigt, sondern geradezu erzwungen. Die Härte mit der die Ritter-Inkarnation der deutschen Politik plötzlich zupackt, verblüfft das Publikum. Der Parzival des politischen Betriebs bekommt schlagartig eine stählerne Rüstung.

Guttenberg gelingt in der Affäre, was Militärs gerne „Vorne-Verteidigung“ nennen. Er greift selber an, übernimmt die Rolle des Anklägers (eigentlich macht das die Opposition) und des Aufklärers (also die Medien- und Parlamentsarbeit) und des Richters in Personalunion. Das ist außerordentlich geschickt, denn es unterstreicht nicht nur die Tatkraft des bislang vor allem Wortmächtigen, es schützt vor allem ihn selbst in dieser Affäre.

Das unglaubliche Jahres-Epos namens Guttenberg geht also ins nächste Kapitel. Er brachte noch vor Jahresfrist so ziemlich alles mit, was für die medialen Schandmäuler der Republik ein Festmahl gewesen wäre: Ein bayerischer Jungspunt aus dem Adelsgeschlecht, mit gegelten Haaren, liiert mit einem hübschen Blondine und einer Schwäche für AC/DC-Hardrock-Musik versuchte über die CSU aus der Tiefe des provinziellen Raums kommend in Berlin Karriere zu machen. Alle Experten hätten selbst Homer Simpson mehr Chancen gegeben.

Doch nun ist alles spektakulär anders gekommen. Guttenberg ist nicht nur zum politischen Beliebtheitskönig aufgestiegen ist, er punktete nicht bloß als Überraschungs-Generalsekretär sondern stieg gleich zum Gralshüter der Sozialen Marktwirtschaft auf, ja zum gefühlten Enkel Ludwig Erhards, schließlich zum Erststimmenmeister der Republik und dann zum jüngsten Verteidigungsminister aller Zeiten. Manche halten ihn bereits für den besseren Außenminister. Dass alles klingt nach einem Politmärchen, denn das alles ist in nur einem Jahr passiert.

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