Weimers Woche
Keine Angst vor Piraten

Die Bewegung könnte rasch wieder an Schwung verlieren, wenn sich noch mehr Spinner oder Radikale darin tummeln. Die Zukunft der Piraten bleibt auch ungewiss, solange sich der Jung-Männerclub weiterhin frauenfremd zeigt.
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BerlinDie Piratenpartei entert das deutsche Parteiensystem wie Captain Sparrow einen morschen Fünfmaster: Feixend, verblüffend und gewaltig. Nach neuen Umfragen erreichen die Piraten schon 10 Prozent - bundesweit. Wir erleben damit die größte politische Veränderung unserer Parteiendemokratie seit der Wiedervereinigung, und zwar im Zeitraffer. Das politische Berlin bebt, und wenn es die Schuldenkrise nicht gäbe, dann wären wir alle mediale Matrosen der großen Schatzsuche nach dem Geheimnis dieses Spektakels.

Es gibt drei gute Gründe für den Aufstieg der Piratenpartei, und genauso gibt es drei Folgen dieser Entwicklung.

Der erste und wichtigste Grund für den Piratenerfolg liegt in der Krise der herkömmlichen Politik. Der Ansturm der Piraten ist ein schrilles Entlarvungssignal für die politische Korrektheit unserer Parteien-Oligarchie. Die Menschen misstrauen dem nebulösen, uniformen Politsprech und seiner opportunistischen Stimmungspolitik, die nicht tut, was sie für richtig hält, sondern was man für richtig halten könnte. Das Gehabe aus formelhafter Absicherung, unechten Motiven und opportunistischer Belanglosigkeit macht die Bevölkerung zusehends skeptisch, vor allem, wenn es wirklich ernst wird wie jetzt in der Staatschuldenkrise. Die etablierte Politik kommt dabei vielen so vor demoskopiegesteuerter Roboter neben dem seltene Menschen wie Peter Gauweiler, Joachim Gauck oder eben glucksende Piraten so wohltuend wahrgenommen werden, weil sie eben Menschen sind.

Der zweite Grund für die Piraterie liegt in der Vernachlässigung der Freiheitsidee. Die Politik überreglementiert das Leben seiner Bürger bis zur Unerträglichkeit. Alles wird verrechtlicht, bürokratisiert und bemuttert. Im Gestus einer Supernanny baut der postmoderne Fürsorgestaat eine Welt, die den Prinzipien Ordnung, Sicherheit und Gerechtigkeit alles unterjocht - das Prinzip Freiheit aber nur noch wie ein Essensrest des FDP-Stammtischs Bietigheim-Bissingheim angesehen wird. Gerade die Internet-Generation will aber die im Netz erahnte Freiheitsdimension auch im wirklichen Lebens neu definiert sehen. Sie nennen es Bürgerrechte und meinen Freiheit vor dem Überstaat.

Das dritte Piratenpulver brauen Grüne und FDP zusammen. Die beiden Nicht-Volksparteien hätten eigentlich die Aufgabe, quer zu denken, Kante zu zeigen, als avantgardistische Gefäße der Innovation zu fungieren. Kurzum: Sie müssten die mutigen Originellen sein. Tatsächlich aber wirken sie so staatstragend, dass sie kaum mehr laufen können - verkrusteter als Union und SPD. Beide sind derart machtfixiert, dass in ihnen keine Debatte mehr lebt, kein Streit mehr tobt, keine Leidenschaft mehr funkelt. Wie Spießer des Politischen haben Grüne und Liberale derzeit das verloren, was ihre wichtigste Legitmationsquelle ist: als Salz der Demokratie für Würze zu sorgen.

Bei den Folgen des Piratenerfolgs liegen die Dinge noch nicht so klar. Die Bewegung konnte rasch auch wieder an Schwung verlieren, wenn sich noch mehr Spinner oder Radikale darin tummeln, wenn der Jung-Männerclub sich weiterhin so frauenfremd zeigt und wenn ihr Programm so diffus bleibt wie bisher. Und doch zeichnet sich dreierlei ab:

Erstens erschweren die Piraten einen glatten Regierungswechsel von Schwarz-gelb zu Rot-grün. Schlagartig sind nämlich die denkbaren Alternativmehrheiten weg. Immer unwahrscheinlicher wird überhaupt mit einer sechsten Partei, dass es außer der Großen Koalition noch eine Zweiparteien-Regierung geben kann. Da die Union aber nach wie vor die klar stärkste Kraft im Lande ist, stärkt die Piratenerfolg strategisch die CDU.

Zweitens beenden die Piraten den Fukushima-Höhenflug der Grünen. Woche für Woche sacken Künast & Co. in den Umfragen weiter ab. Im Frühjahr 2011 wähnten sich die Grünen schon als neue Volkspartei auf der Überholspur der SPD. Nun fliegen sie den gefühlten Kurs der FDP - ikarusartig abwärts. Gerade das Milieu junger, gebildeter Nonkonformisten findet die Piraten viel cooler als die tantenhaften Bevormunder und Ökoideologen.

Und drittens werden die Piraten die Sprache und Ausdrucksform des Politischen ändern. Die versteinerte Demokratie und ihr Verlust der Authentizität wird mit jedem frechen Piratenruf vorgeführt. Nicht nur das Internet, Facebook und Twitter werden zu politischen Masseninstrumenten - auch die darin gelebte Unmittelbarkeit und Offenheit könnte die Kultur verändern.

Darum mag den einen der Piratenansturm zu links, den anderen zu liberal, den dritten zu wild, den vierten zu wirr erscheinen - für die stickig gewordene Luft Demokratie sind seine aufgerissenen Fenster erst einmal ganz erfrischend.

Wolfram Weimer
Wolfram Weimer
Handelsblatt / Gastautor

Kommentare zu " Weimers Woche: Keine Angst vor Piraten"

Alle Kommentare

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  • Es ist schon köstlich, wenn der "Spießer vom Dienst" über Piraten spricht als wären es erst gestern seine Kaffeeklatsch-Gäste gewesen. Herr Weimer, es ist IHRE Klasse, die von den Piraten vorgeführt wird! Nur eine Frage der Zeit, wann auch am Chiemsee die ersten Piratenschiffe kreuzen werden.
    Sind es doch die Piraten, die uns vor Augen führen, wie weltfremd unsere konventionellen Politiker und Pseudo-Intellektuellen geworden sind. Das echte Leben hat in die Politik Einzug gehalten und die langweiligen, ach so verstaubten Sprüche eines Verlierers vom Chiemsee sind so unwichtig wie noch nie zuvor geworden.

  • Captain Sparrow, morscher Fünfmaster, größte politische Veränderung... Das hat Weimar wortwörtlich auch schon auf dem Content-Gipfel letzte Woche auf den Medientagen in München erzählt. Gesickte Zweitverwertung. Wird dadurch aber nicht sinnvoller.

  • "Die Bewegung könnte rasch wieder an Schwung verlieren, wenn sich noch mehr Spinner oder Radikale darin tummeln. Die Zukunft der Piraten bleibt auch ungewiss, solange sich der Jung-Männerclub weiterhin frauenfremd zeigt."

    Artikel, die mit derart hanebüchenen Thesen anfangen, kann man sich normalerweise sparen...

    Mir war gar nicht bekannt, daß es ein Privileg der Piratenpartei ist, (unentdeckte) Spinner und Radikale in ihren Reihen zu haben. Wie genau bezeichnet man Bayerns Innenminister Herrmann, Innenminister Friedrich, Uhl, Schäuble, von der Leyen, Westerwelle und all die anderen Heißluftproduzenten und Volksverhetzer? Nicht als "Spinner und Radikale"? Als Gesocks vielleicht? Und inwiefern schadet dieses Gesocks den Parteien? Der Großteil der deutschen Bevölkerung wählt sie doch ohne Unterlaß, schon seit Jahren.

    Beispiel Herrmann: Die FAZ druckt den Quellcode des Bayerntrojaners ab und dieser Fatzke lügt dem Münchner Merkur und seinen Lesern kackdreist ins Gesicht und behauptet, daß dieser nur das könne, was der Richter angeordnet habe.

    Zum Thema "frauenfremd"? Es liegt doch an den Frauen selbst, der Piratenpartei beizutreten. Vielleicht sollte man einfach mal zur Kenntnis nehmen, daß Frauen und Männer durchaus unterschiedliche Interessen haben dürfen und man niemanden zu seinem Glück zwingen sollte. Bei den Piraten ist jeder willkommen, egal ob Männlein oder Weiblein. Wenn sich das Themenspektrum erweitert, findet vermutlich auch ein größerer Anteil Frauen Gefallen an der Piratenpartei. Ich wüßte jedenfalls nichts, was dagegen spricht.

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