Weimers Woche
Linksruck: Die Schleusen sind auf

Die Linkspartei stürmt in den Umfragen zu neuen Rekorden, und Oskar Lafontaine schwadroniert auf allen Sendern die Sozialdemokratie nieder. Es wirkt wie der letzte Akt in der SPD-Demütigungstragödie.
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Die Linkspartei stürmt in den Umfragen zu neuen Rekorden, und Oskar Lafontaine schwadroniert auf allen Sendern die Sozialdemokratie nieder. Es wirkt wie der letzte Akt in der SPD-Demütigungstragödie. Denn mit jedem Prozentpunkt, den die Linke zulegt, verliert die ohnehin gebeutelte SPD noch weiter. Der rachetrunkene Oskar Lafontaine kommt seinem Ziel immer näher, die Sozialdemokratie vollends zu spalten und sich selbst als Schlüsselfigur eines linken Zukunftsbunds zu positionieren. Das ist kein Comeback mehr, das ist ein Killback.

Neben Lafontaines Energie und Steinmeiers Blässe gibt es zwei Gründe für den plötzlichen Linksrutsch im linken Lager. Zum einen sorgt die aktuelle Debatte um die Bombardements in Afghanistan für Zulauf bei den Linken, die anders als die SPD konsequent gegen diesen Krieg sind. Zum anderen ist der SPD auf der Zielgeraden ein fataler Fehler unterlaufen. Am Abend des 30. Augusts entschied sich die SPD-Führung in ihrer Stimmungsnot, die Landtagswahlergebnisse kurzerhand als großen Sieg feiern zu lassen und rot-rot-grüne Bündnisse als Zukunftsvision zu bejubeln. Was im ersten Moment - angesichts der miserablen SPD-Ergebnisse - nur verblüffte, erweist sich inzwischen als Riesenproblem.

Denn die Umarmung führt dazu, dass viele unentschiedene Wähler des linken Lagers seither die Hemmungen verlieren, diesmal doch Linkspartei zu wählen. Aus der Protestoption ist eine Machtoption geworden. "Die Schleusen sind geöffnet", so erklärt der Demoskop und Forsa-Chef Manfred Güllner die sprunghafte Wählerwanderung. Im Willy-Brandt-Haus sprechen sie sogar von einem Dammbruch. Tatsächlich hat die SPD damit das Schmuddelkind-Image der Linkspartei schlagartig selber beseitigt. Bislang lebten Gysi, Bisky& Co. unter dem Makel des totalitären DDR-Erbes. Der Honecker-Sozialismus mit seinen Hinrichtungskellern und Mauern hatte ihnen den Langfristkredit der Moralität und Utopie geraubt. Ihre Visionen klangen immer ein wenig nach der bleiernen Zeit des Ideologischen.

Mit dem neuen Beifall der Sozialdemokratie tönen sie plötzlich frisch und frech wie Bodo Ramelow, den auch viele SPD-Leute ganz großartig finden. Kurzum: Die Landtagswahlen und die neuen Linksbündnisse sollten für die SPD der Befreiungsschlag werden. Nun sieht es nach einem spektakulären Eigentor aus.

Außerhalb des linken Lagers wird das SPD-Reha-Programm für Post-Kommunisten als eine moralische Niederlage der politischen Kultur empfunden. Es komme einer Selbstoffenbarung gleich, so mahnen die ehemaligen DDR-Bürgerrechtler, dass man just zum Jahrestag der Revolution von 1989 vergessen wolle, was die Wir-sind-das-Volk-Ostdeutschen damals so bravourös abgeschafft hätten: eine Diktatur ebenjener Partei nämlich, die jetzt so umworben sei. Die SED-PDS-Linkspartei habe eine inhumane Brandspur in der deutschen Geschichte hinterlassen und sich nie richtig von ihrer Vergangenheit distanziert.

Tatsächlich hat Lafontaine bei seinem Brutusmord an der SPD eines erreicht – es redet in diesen Tagen der Gysi-Lafo-Ramelow-Faszination niemand mehr von den Mauertoten und den Gefolterten von Bautzen, von den Tränen einer Nation, vom großen Diebstahl an einer ganzen Generation. Sein kaltes Herz beim Blick zurück ins Dunkelrot der totalitären Geschichte wird in der SPD jetzt akzeptiert. Diese Schleusen sind zu.



Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur von Cicero. Seine aktuellen Kommentare lesen Sie unter www.cicero.de.

Wolfram Weimer
Wolfram Weimer
Handelsblatt / Gastautor

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