Weimers Woche
Merkels neue Partner

Grüne und SPD suchen mit zunehmender Nervosität Wahlprogramme und Spitzenpersonal. Doch alles wirkt irgendwie alt. Ein Jahr vor der Bundestagswahl scheint es, als bliebe Angela Merkel noch lange Kanzlerin. Nur – mit wem?
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Der Countdown beginnt. Genau ein Jahr ist es noch bis zur Bundestagswahl, und das politische Berlin sortiert sich. Und doch wirkt die Opposition angesichts schlechter Umfragen so kampfeswillig wie ein Schäfchen in der Stierkampfarena. Die hochbeliebte Kanzlerin scheint derzeit nicht nur unschlagbar. Vor allem fehlt Grünen und Sozialdemokraten dass, wie sie in früheren Jahrzehnten immer wieder attraktiv gemacht hat – die Avantgarde-Verheißung. Linke Politiker konnten einst für sich beanspruchen, zukunftsorientierter, moderner, manchmal auch cooler zu sein als die Bürgerlich-konservativen, die naturgemäß mehr am Gestern hingen.

Doch genau dieser strategische Vorteil ist ihnen abhanden gekommen. Noch nie wirkte das rot-grüne Lager so unmodern und ältlich wie heute. Personell wie inhaltlich. Das Führungspersonal der Grünen – einstmals eine explizit junge Partei mit wilden Gestalten und frechen Ideen – sieht im Reigen von Trittin über Künast bis Roth heute aus wie ergraute Kaffeefahrertruppe von gemütlichen Alt-Achtundsechzigern, die nur noch an der Heizdecke gegen ihr Bedeutungsverlustrheuma interessiert ist. Wo ist das neue Gesicht? Die neue Generation? Der Furor eines Veränderungswillen? Die Faszination neuer Ideen?

Merkwürdig bleiern wirkt aber auch die SPD-Szenerie. Das Programm “Deutschland 2020” mit der Ankündigung eines massiven Staatsausbaus könnte aus dem Jahr 1972 stammen. Es gibt darin keinen Funken ideelen Feuers, keine Leitidee jenseits bürokratischer Umverteilung, jenseits uraltmodischer Steuererhöhungen.

Auch die drei Kandidatenkandidaten sind alte, überbewährte Fahrensleute, verdient und respektiert, aber ohne die Fähigkeit eines Willy Brandts, Helmut Schmidts, Gerhard Schröders oder Joschka Fischers, zu begeistern oder ein Wahlvolk in Wallung zu bringen. Sie schlurfen wie betagte Ex-Fußballer umher, die vom Fußball nur noch reden. Der unseriöse Sigmar Gabriel hat dabei die Rolle des Lothar Matthäus der deutschen Politik. Der liebenswürdige Frank-Walter Steinmeier kommt als Uwe Seeler des Politischen daher. Und Peer Steinbrück wirkt wegen seiner skurrilen Züge wie ein Mischung aus Hans Meier und Werner Lorant. So wundert es nicht, dass die Demoskopen eine SPD-Kanzlerschaft im kommenden Jahr für in etwa so wahrscheinlich halten wie eine Fußballmeisterschaft des FC Augsburg.

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Die Verkörperung des Gestern

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  • Die Häme oder Vorfreude, mit der die Unschlagbarkeit von Angela Murksel prognostiziert wird, wird uns Deutschen noch im Halse stecken bleiben, wenn die große Pleite kommt (bzw. den Menschen bewusst wird, die Pleite ist eigentlich jetzt schon da). Ich glaube aber auch, dass sich in unserer doch sehr sklerotisch gewordenen Demokratie nicht mehr viel ändern wird. Die Massenmedien, insbesondere die sog. "öffentlich-rechtlichen" sind von Parteisoldaten durchzogen, und Gewerkschaftsbonzen und (besonders evangelische) Kirchenfunktionäre leisten ihr übriges, das möglichst alles beim alten bleibt. Neue politische Kräfte dürfen nicht hochkommen, sondern werden verschwiegen, klein geschrieben, diskreditiert. Ein Beispiel waren die PIRATEN - erst ein interessantes Medienthema, aber als sie wirklich gefährlich wurden, Wahlen gewannen und Rot/Grüne-Mehrheiten gefährdeten, schrieben und sendeten fast alle Massenmedien diese Partei wieder runter, mit den üblichen Methoden: Faschismuskeule, Intrigen, persönliche Angriffe. Diese Partei, die mal über 10% gehandelt wurde, würde jetzt wieder an der 5%-Hürde scheitern. Und so geht es allen frischen Kräften, den "Freien Wählern" dito. Deshalb gibt es auch keine neuen Gesichter, sondern ewig MerkelSchäubleTrittinBrüderleSeehoferLafontaine, ein Graus. Deutschland hat nur noch eine Chance: eine wahre Volksdemokratie zu werden wie die Schweiz, mit regelmäßigen Volksabstimmungen in wichtigen Fragen. Nur so geht's.

  • Ich las heute in unsrer Tageszeitung, dass sich die SPD-Spitzen wohl auf Steinmeier als Kanzlerkandidat einigen werden.
    Dann bleibt ohnehin alles beim alten. Der einstige Schröderianer und Schonmal-Vizekanzler unter Merkel, mit dem Charme und der Ausstrahlung einer Büroklammer, ist ja auch nicht gerade für einen Aufbruch gut.
    Er ist sicher ein netter Mensch und ein sher guter Beamter, aber sonst? Er steht wie Schröder für unten nehmen, oben geben und den Ausverkauf Deutschlands. Da dürfte er ja dann mit Merkel gut harmonisieren.
    Fehlt nur noch, dass sie dann auch noch STeinbrück wieder zum Finanzminister machen.
    Die SPD wird also wieder Juniorpartner von Merkel und dürfte danach für die nächsten 30 Jahre erledigt sein. Denn was Merkel in der vorigen GroKo noch nicht ganz geschafft hat, wird sie in den nächsten 4 Jahren schaffen. Nämlich die SPD völlig zu zerlegen
    Aber vielleicht läßt die SPD sich ja zum zweiten Mal in ihrer Geschichte zwangsvereinigen, denn die CDU ist ja schon eine SED light. Zusammen mit der SPD wäre es dann halt eine zweite deutsche Einheitspartei. Im Grunde genommen sind sie es ja jetzt schon. Denn von Opposition seitens der SPD ist ja nun nichts zu merken. Es ist doch Friede, Freude, Eierkuchen mit CDU und SPD
    Für Deutschland wird es jedenfalls keinen Aufbruch geben
    Wahlen bewirken nichts mehr. Sie sind nur Geldverschwendung und man könnte sie eigentlich lassen

  • Auch ich muss Ihnen Herr Weimer ein Lob aussprechen, sehr gut analysiert.
    Ich glaube aber dass sie Koalitionsüberlegung mit den Grünen überschätzen, den Trittin ist gesetzt.
    Die große Koalition sehe ich als eher mit schlechten Aussichten für Deutschland an, denn die Vorstellungen der drei Musketiere sind doch stark an Hollande angelegt. Wozu das führt, sieht man in Österreich.

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