Weimers Woche Schafft den Armutsbericht ab!

Die Bundesregierung präsentiert ihren Armutsbericht. Es wird um Interpretationen gefeilscht, weil er manchen nicht traurig genug ausfällt. In Wahrheit ist der ganze Armutsbericht eine Farce linken Denkens.
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Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.
Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Sie haben wieder Konjunktur, die Betroffenheitsexperten. Der Armutsbericht der Bundesregierung ist da, und sofort ist die Sozialstaatslobby und Fürsorgeindustrie ganz umtriebig mit ihrer Anklage. Es sei schlimm bestellt um die Millionen bitter Armen in Deutschland, der Armutsbericht beschönige, ja verfälsche die grausame Realität noch. Wer den Klagegesang der Profi-Kümmerer dieser Tage hört, der könnte meinen, das Land leide und schreie in den Kellern der Verelendung gequält ins Leere.

Nun haben wir Wahlkampfzeiten und die verzweifelte SPD braucht – wenn sie schon keinen überzeugenden Kanzlerkandidaten hat – doch wenigstens ein Thema. Doch die Armut wird dazu nicht taugen. Denn in Wahrheit geht es den Deutschen so gut wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Noch nie gab es in diesem Land so wenige wirklich Arme wie heute.

Und weil das auch die professionellen Armutsbeklager wissen, suchen sie nach Wegen, die Armut künstlich neu zu definieren – arm ist heute demnach nicht mehr, wer Hunger leidet oder friert oder sich keinen Arzt leisten kann, wer also objektiv nichts hat. Als offiziell arm gilt plötzlich, wer einfach weniger hat als andere. Der Armutsbegriff ist kurzerhand dynamisiert.

Mit weniger als 60 Prozent des Netto-Durchschnittseinkommen wird man so offiziell „arm”. Und weil auch das den sozialen Supernannys nicht reicht, stufen sie gleich Millionen für „armutsgefährdet” ein, wenn sie in der Nähe dieser Marke leben. Außerdem werden die kapitalisierten Rentenansprüche der Arbeitnehmer bewusst nicht berücksichtigt, die Vermögensrücklagen der Unternehmer dagegen aber schon – denn damit wirkt das Wohlstandgefälle dramatischer.

Die krude Systematik des Armutsberichts bedeutet, dass Armut nie überwunden werden kann! Egal wie reich die Armen wirklich werden. Wächst nämlich der Wohlstand in Deutschland an oder wandern Tüchtige und Reiche nach Deutschland ein, so wird damit – nach der verqueren Logik solcher „Berichte” –statistisch mehr Armut geschaffen. Umgekehrt gilt: Wenn alle ärmer werden, dann sinkt die Armutsquote. Schon alleine aus diesem Grund sollte man auf diese Sorte von Armutsberichten ganz verzichten. Denn sie sind reine ideologische Vexierspiele.

Der Armutsbericht war eine politische Erfindung der rot-grünen Regierung. Er dient dazu, ein linkes Thema dauerhaft auf die Agenda der Republik zu setzen, obwohl das die Menschen kaum mehr ernsthaft beschäftigt. Damit das funktioniert, braucht es einen bis ins Absurde gehenden, relativen Armutsbegriff.

Und so wird der Blick auf wirkliche Armut unserer Tage verstellt. Denn selbst die Ärmsten in unserem Land gehören im globalen Maßstab zu den zehn Prozent der Reichsten. Wer heute auf der Welt wirklich arm ist, der hat kein sauberes Wasser, dem sterben die Kinder, der sieht nie einen Arzt, dem droht der Hungertod. Armut in diesem existentiellen Sinne gibt es glücklicherweise in Deutschland nicht mehr. Die Klage über relative Wohlstandsarmut in Deutschland, bei dem über Bildungsgutscheine für die Oper und den Zweitfernseher vor Gericht gestritten wird, hat daher etwas Bigottes.

Der aktuelle Streit der Parteien um Formulierungen im Armutsbericht rührt in Wahrheit daher, dass diese Art von Bericht als Ganzes eine Farce geworden ist. Am besten man spart sich den Armutsbericht ein. Ärmer würden wir dadurch nicht. Weder relativ noch absolut.

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71 Kommentare zu "Weimers Woche: Schafft den Armutsbericht ab!"

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  • @Votan
    Ihr Kommentar erscheint mir doch etwas zu selbstherrlich. Wer viel hat, hat vor allem andere viel für sich tun lassen. Aber vor allem hat er vorher dafür gesorgt, dass die anderen es für ihn tun müssen, in dem er sie ihrer Freiheit beraubt hat. Freiheitsberaubung ist aber eine Straftat!

  • ++++++++++++++++++++++++++++++++++
    Jetzt muss der Krieg gegen die Politik beginnen!

    Welche PRESSE meldet diese SCHWEINEREI?

    http://info.kopp-verlag.de/nachrichten/wasser-ist-kein-menschenrecht-cdu-fdp-offenbar-geschlossen-fuer-wasser-privatisierung.html
    ++++++++++++++++++++++++++++++++++
    Wasser ist KEIN Menschenrecht: CDU/FDP offenbar geschlossen für Wasser-Privatisierung
    Der Bundestag hat am 28. Februar Anträge von Bündnis 90/Die Grünen (17/12394), der Linksfraktion (17/12482) und der SPD (17/12519) abgelehnt, die zum Ziel hatten, eine Privatisierung der Wasserversorgung als Folge von Vorgaben der EU zu verhindern. Die Grünen forderten die Bundesregierung auf, den EU-Richtlinienvorschlag zu den Dienstleistungskonzessionen, zur sogenannten Inhouse-Vergabe von Kommunen und zur interkommunalen Zusammenarbeit zu stoppen oder weitreichende Ausnahmen zu erwirken. Ihren Antrag lehnten in namentlicher Abstimmung 291 Abgeordnete ab, 249 stimmten ihm bei acht Enthaltungen zu.

    http://info.kopp-verlag.de/nachrichten/wasser-ist-kein-menschenrecht-cdu-fdp-offenbar-geschlossen-fuer-wasser-privatisierung.html
    ++++++++++++++++
    Die “dümmsten” Urwaldbewohner würden ihre Brunnen nicht verkaufen, um dann für die Entnahme zu bezahlen, + 19% Mehrwertsteuer, +, +, +!
    Wilde Tiere verteidigen ihre Wasserstellen. Aber die Politiker verkaufen eine unserer Lebensgrundlagen, damit andere daran Geld verdienen können, oder uns bei Bedarf verdursten lassen zu können. Oder das Wasser vergiften ...
    Der Mensch gewordene Wahnsinn.
    Für mich sind das alles nur schmutzige korrupte Drecksschweine.
    CDUFDPGRÜNESPDLINKECSU,
    der schlimmste FEIND der Deutschen!

  • @Gerechter
    Jein! Den Zynismus des Herrn Weimer haben leider viel zuviele. Daran geht auch nicht der Staat zu Grunde, sondern der Mensch und der Humanismus insgesamt. Ob wir nun über Armutsgrenze oder Mindestlohn debattieren, es geht im Grunde nur darum, auf welchem Niveau man heute in Deutschland Sklaverei betreiben muss, damit die Deutschen nicht zu Freiheitskämpfern mutieren. Denn die Selbstversklavung der Deutschen ist der Untergang der europäischen Idee. Kaum ein anderer Europäer ist so tief gesunken, dass er seine Freiheit dem Wohlstand opfert. Der größte Feind der Freiheit sind eben glückliche (deutsche) Sklaven.

  • @tsabo
    Sicherlich sind viele Afrikaner aus hiesiger Sicht ärmer dran. Nur müssen die für ihre Armut nicht auch noch die Arbeit anderer tun. Denen sind die natürlichen Lebensgrundlagen oft noch frei zugänglich, so dass sie für sich selbst sorgen können, anstatt anderer Notdurft verrichten zu müssen. Welcher Deutsche kann das schon von sich behaupten.

  • @binario
    Versuchen Sie sich hier auch als Gutmensch. Sie meinen also bestimmen zu können, wo und wann jemand als arm zu gelten hat, und wenn dann der Mindestlohn knapp darüber liegt, ist alle Armut bekämpft?! Er braucht ja nur den aller unwürdigsten Job anzunehmen.
    Ich hab mal folgendes gelesen: Reich ist der, der es nicht nötig hat. Es sollte jeder selbst wissen, was er nötig hat. Dort fängt nämlich seine Armut an. Und ein ganz armes Schwein ist der, der dafür auch noch die Arbeit anderer erledigen muss.

  • @Mondahu
    Die von Ihnen genannte Zahlen zeigen vor allem eines: Die Europäer sind nicht mehr in der Lage, füreinander da zu sein. Jede Sozialleistung Bedarf der Mitarbeit eines Staatsdieners, der seinen Obolus verlangt, womit dem Bedürftigen weniger zukommt. Der Rest der Welt ist demnach nicht so dumm, für Hilfsleistungen erstmal einen Beamten zu fragen. Dort sind sich die Menschen noch nah. Nur in Europa ist Nehmen seeliger als Geben.

  • Ein erster Schritt sollte wenigstens sein, den "Armutsbericht" in "Wohlstandsbericht" umzubenennen. Wenn er sich aus politischen Gründen schon nicht ganz abschaffen lässt. Oder hat beispielsweise bei Olympia schon mal jemand etwas vom Verliererspiegel gehört? Ich kenne hier nur den Medaillenspiegel.

  • @Igenius
    "Wie schon in einem anderen Kommentar erwähnt, in den 10 Jahren vor der Schroederschen Reform haben sich die Sozialkosten verdreifacht, das ging auf keine Kuhaut mehr, man denke auch mal an die Finanzierbarkeit der Renten."

    Und das wird auch durch Wiederholung nicht wahr. Sie reden we der Blinde von der Farbe. Die Sozialausgaben sind gemessen am BIP seit 1975 nicht mehr gestiegen, sogar zeitweise gefallen. Sie liegen immer noch bei ca. 30%.

    Und die Renten sind selbst bei einer Erhöhung von 20% der Beiträge finanzierbar, wenn man nur 1% jährlich den Arbeitnehmern an realer Lohnsteigerung zugesteht.

  • gut beobachtet!
    Dennoch: Wenn Sie die oben jetzt runterschneiden bis auf Gleichheit, geht´s denen "unten" immer noch nicht besser.

    Hier passt in etwa (es ging allerdings nicht um Einkommen, sondern Vermögen) ein Bild, das ein Unternehmer einmal erläuterte: Wenn ich mein 80 Mio-Vermögen auflöse, dann habe ich nichts mehr und
    jeder Bundesbürger hat dann einen €!

  • Abbauen trifft es eigentlich nicht:

    Aus meinem 60jährigen Leben kann ich Ihnen folgendes versichern: Meine Kindheit: Vater Richter, ziemlich oben,also finanziell ganz gut gestellt, wir waren 3 Geschwister,es gab ein eher kleines Haus,ein Auto, ein Telefon, Radio, keinen Fernseher.
    Bei mir:Nach Selbständigkeit und schwerstem Unfall in der Familie auf Hartz IV Niveau, 7 Kinder. Und:
    Wohnen im Haus (natürlich nicht Eigentum) Auto (alt),
    die üblichen Elektronicsachen in bescheidenem Umfang.
    Genaugenommen leben meine Kinder ungefähr auf demselben Niveau wie ich damals.
    Und: eine Tochter , alleinerziehende Mutter, eigene Wohnung, kann mit Hartz IV weiterstudieren; DAS wäre seinerzeit nicht möglich gewesen.

    Wo ist jetzt bitte der Abbau der Sozialstandards?

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