Weimers Woche
Schwarz-grüne Überraschung

In der Schlussphase wird der Wahlkampf zum schillernden Farbenspiel. Es geht nicht mehr um Programme und Positionen, nicht mehr um Deutschlandpläne und Dienstwagen, sondern nur noch um eines: Koalitionen.
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In der Schlussphase wird der Wahlkampf zum schillernden Farbenspiel. Es geht nicht mehr um Programme und Positionen, nicht mehr um Deutschlandpläne und Dienstwagen, sondern nur noch um eines: Koalitionen. Nie zuvor bei einer Bundestagswahl gab es so viele Kombinationsmöglichkeiten wie diesmal. Und nie zuvor lauerten auf die Wähler so viele Unwägbarkeiten, ja Paradoxien: Wer SPD wählt, könnte am Ende Merkel bestätigen. Wer grün wählt, verhilft möglicherweise Westerwelle in die Regierung. Wer Linkspartei wählt, könnte schwarz-gelb wahrscheinlicher machen. Und was wählt eigentlich derjenige, der unbedingt die Große Koalition verlängert sehen will?

Schwarz-rot, schwarz-gelb, rot-rot-grün, Ampel und Jamaika – seit den Landtagswahlen wird alles heiß diskutiert, nur eines nicht, obwohl das wahrscheinlicher wird: schwarz-grün. Noch simuliert das politische Berlin einen Lagerwahlkampf. In Wahrheit gibt es die Lager kaum mehr. Für Angela Merkel schon gar nicht. Sie aber wird aller Voraussicht nach Kanzlerin bleiben. Die spannende Frage ist nur, mit wem sie regieren kann. Neben FDP und SPD kommt dabei die grüne Option zusehends ins Gespräch, weil die Grünen in den Umfragen der FDP immer näher rücken.

Sollten am 27. September die Grünen gar vor den Liberalen liegen, dann sind zur Verblüffung der Nation Hamburger Verhältnisse denkbar. Am Ende könnten die Wähler Schwarze und Grüne zusammen zwingen wie ein Paar, das die späte Liebe für sich gefälligst entdecken soll.

Das Ergebnis der Europawahl wirkte wie ein psychologischer Dammbruch für diese politische Option. Denn seither merken die Grünen, dass eine rot-grüne Machtperspektive 2009 nicht existiert – eine schwarz-grüne aber sehr wohl. Und die Merkel-Union findet zusehends Gefallen daran, das Konservative an den Grünen zu loben und sie aus dem linken Lager herauszulösen. Das Wahlergebnis im Saarland und die dortigen Jamaika-Übungen verstärken diesen Trend.

Von Cem Özdemir über Peter Müller bis Freiherr zu Guttenberg flirten sie plötzlich eine schwarz-grüne Nähe herbei, dass man sich die Ohren reibt. Denn beide Parteien wollen sich Optionen offen halten. Selbst die altlinke Generation von Renate Künast bis Jürgen Trittin ist in dieser Frage beweglicher als sie zugibt. Denn für sie würden vier Jahre Opposition das Ende ihrer persönlichen Karrieren bedeuten. Gerade die beiden könnten und würden daher die schwarz-grüne Überraschung organisieren – wenn es der Wähler denn ermöglicht.

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