_

Weimers Woche: Steinbrück wird überschätzt

Es gibt sie, die Alternativen zum Kanzlerkandidaten Steinbrück. Es geht darum, wer mit seinen Ecken und Kanten am besten ankommt.

Wolfram Weimer, Journalist, Buchautor und Gründer des Politik-Magazins Cicero.
Wolfram Weimer, Journalist, Buchautor und Gründer des Politik-Magazins Cicero.

BerlinPeer Steinbrück ist so etwas wie der Hahn der deutschen Sozialdemokratie. Noch vor Tagesanbruch kräht er sein Kanzlerkandidaten-Kikeriki: Ich will, ich will, ich will. In dieser Woche ist er besonders häufig gehört worden: Der "Spiegel", die "Zeit" und Altkanzler Helmut Schmidt haben dem Krähen lautstark Echo verliehen, und plötzlich glaubt die halbe Republik, Steinbrück werde tatsächlich Kanzlerkandidat. In Hamburger Redaktionsstuben scheint die K-Frage schon entschieden. Wer die SPD freilich kennt, der weiß, dass ein Hahn noch lange keinen Morgen macht.

Anzeige

Hinter den Kulissen des Willy-Brandt-Hauses in Berlin beginnt in Wahrheit erst ein beinharter Machtkampf. Denn die SPD hat genau sechs Politiker, die sich allesamt K-Chancen ausrechnen. Darum lohnt sich ein kühler Blick auf die Wahrscheinlichkeitsrechnung der Macht.

Kanzlerkandidat 1 heißt Olaf Scholz. Er dementiert das zwar mit der Regelmäßigkeit einer hanseatischen Hafenfähre. Er gehört aber zu den wenigen, die innerhalb wie außerhalb der SPD gleichermaßen beliebt und respektiert sind. Scholz verkörpert exekutiven Pragmatismus und Seriosität, er ist ein strahlender Sieger der Nach-Schröder-Krisen-SPD, er hat ausreichend Regierungserfahrung, das perfekte Herausfordereralter und könnte in den kommenden zwei Jahren als eine Kompromissfigur der streitenden Parteiinteressen überraschend in den Kandidatenfokus geraten. Derzeitige K-Wahrscheinlichkeit allerdings: 5 Prozent.

Kanzlerkandidatin 2 ist Hannelore Kraft. Sie hat nicht nur den wichtigsten Landesverband hinter sich, sondern auch kaum Feinde in der eigenen Partei (was selten und wichtig ist in der SPD). Trotz ihrer heiklen Koalition in Düsseldorf macht sie eine gute Figur. Wenn die SPD - was für die aufstrebenden Parteifrauen einen besonderen Reiz hätte - die Kanzlerin mit einer Kandidatin stürzen wollte, dann käme nur sie als Gender-Trumpfkarte infrage. Momentane K-Wahrscheinlichkeit: 5 Prozent.

„Er kann es“ Schmidts Ritterschlag für Steinbrück

Zwei Weltversteher im Paarlauf: Altkanzler Helmut Schmidt empfiehlt Ex-Finanzminister Peer Steinbrück im gemeinsamen Buch für Höheres. Nämlich für die Kanzlerkandidatur. Warum? Weil er's kann.

„Er kann es“: Schmidts Ritterschlag für Steinbrück

Kanzlerkandidat 3 heißt Sigmar Gabriel. Er ist und bleibt zwar ein Hallodri der deutschen Politik und gilt in der deutschen Bevölkerung nicht als kanzlerfähig - doch ist er der Vorsitzende der SPD, hat also ein informelles Zugriffsrecht auf die Kandidatur. Für ihn sprechen sein unbändiger Machtwille und seine Lazarettarbeit an der verwundeten SPD der vergangenen Jahre. In Berlin verbreiten seine Konkurrenten, er plane seine Machtposition über den Partei- auf den Fraktionsvorsitz auszuweiten. Er könnte eine Rolle wie weiland Herbert Wehner übernehmen und einen anderen zum Kanzler seiner Gnaden werden lassen. Doch freiwillig aus dem Rennen nimmt Gabriel sich nicht. K-Wahrscheinlichkeit: 20 Prozent.

Kanzlerkandidat 4 ist Frank-Walter Steinmeier. Im Gegensatz zu Gabriel ist er weithin beliebt. Er gilt als anständig, regierungserfahren, findet in der politischen Mitte Anerkennung, und er führt mit der Fraktion das vitale Machtzentrum der Partei. Die Parteilinke allerdings beäugt ihn - den Zögling von Gerhard Schröder - skeptisch. Sein größtes Manko ist, dass er schon einmal gegen Angela Merkel verloren hat. Die SPD und die Medien trauen ihm das Sieger-Gen einfach nicht zu. K-Wahrscheinlichkeit: 20 Prozent.

Kanzlerkandidat 5 ist Peer Steinbrück, der Liebling des Gerhard-Schröder-Freundeskreises - jener Rotary-Club der rotweintrinkenden Sozialdemokraten, die glauben, sie hätten immer die dicksten Zigarren. Steinbrück, so kalkulieren sie, werde in bürgerliche Wählerschichten einbrechen und habe als Krisenweltenökonom das Momentum der Zeit auf seiner Seite. Sein Fanclub übersieht freilich: Erstens geht Steinbrück die Kandidatur viel zu früh und viel zu laut an. Das schafft Aversionen und bietet lange Monate Gelegenheit, sich zu verbrennen. Zweitens ist Steinbrück sieben Jahre älter als Angela Merkel, mithin wäre seine Kandidatur für die Partei kein Zukunftssignal. Drittens pflegt er eine merkwürdige Umgangsform. Steinbrück hat etwas Scharfkantiges, das man wohlwollend als Freigeistnatur loben kann. Aber man kann es auch als irrlichternd kritisieren. Zuweilen geht sein Mundwerk mit ihm durch (wie weiland als er den Schweizern die Kavallerie androhte), zuweilen sein arroganter Humor. Politprofis sagen der SPD mit ihm einen Hochrisiko-Wahlkampf voraus, weil man täglich damit rechnen müsse, dass sich Steinbrück vergaloppiere. Das vierte und größte Problem aber ist, dass ihn die Parteilinke nicht ausstehen kann. Sie sieht in ihm einen agenda-ideologischen Wiedergänger von Gerhard Schröder und formiert bereits weiträumigen Widerstand. Auch zu Gewerkschaften, Ostdeutschen, den Arbeitermilieus und den Grünen hat Steinbrück nur schwer Zugang. K-Wahrscheinlichkeit: 25 Prozent.

Damit gibt es einen Kanzlerkandidat 6, den viele bislang unterschätzen: Klaus Wowereit. Nach seinem abermaligen Wahlsieg in Berlin steigt er zum Favoriten der Parteilinken auf. Wowereit ist ein begnadeter Wahlkämpfer, Medienprofi und Stratege. Seine große Koalition mit der CDU dient nur dem einen Zweck, ihn als seriösen, mittefähigen Staatsmann zu profilieren. Denn sein größter Nachteil ist sein Image als Berliner Partybär. Sein größter Vorteil aber liegt darin, dass seine Konkurrenten noch größere Nachteile haben als er - und die Mehrheit der Parteibasis seinem Kurs lieber folgt als dem der Agendapolitik Steinbrücks. Vordergründig geht es beim K-Getöse der SPD um eine Personalie. Tatsächlich aber steht ein Richtungsstreit auf dem Programm. Wowereit wird das bald zu thematisieren wissen. Die K-Wahrscheinlichkeit Wowereits liegt auch bei 25 Prozent.

  • 02.11.2011, 14:59 UhrAloisius

    "Peer Steinbrück ist so etwas wie der Hahn der deutschen Sozialdemokratie. Noch vor Tagesanbruch kräht er sein Kanzlerkandidaten-Kikeriki…"

    Ja wo samma denn?

    Is des jetzt so am Chiemsee, dass die Politiker Sie vom Misthaufen aus zum Aufstehen mit Nachrichten versorgen? Zu meiner Zeit ham mir damals ein Parlament g'habt, wo die Herrschaften Ihre Reden vom Rednerpult aus g'haltn ham. Schaut so aus, als wäre das inzwischen vielleicht bei der CSU in Bayern üblich – oder wie kommen Sie auf an so an verachtenden Vergleich?
    Recht g'scheit dahergred hams olawei scho, die hohen Herrschaften, aber g'macht hams dann olawei scho was ganz anders. Deswegen dadn mir Bayern auch am liebsten unsern König Ludwig wiederham - zur Not reicht auch ein Giuttenberg oder vielleicht ein Weimer? Schade, geht net, der hat je ned amoi ein "zu" vorne dran!

  • 02.11.2011, 10:57 UhrWimWolfValentin

    Entschuldigung, welche Analyse?

  • 02.11.2011, 10:54 UhrWimWolfValentin

    In einer Demokratie muss man leider mit der Dummheit der Leute kalkulieren, denn das ist leider die Mehrheit. Sonst hätten wir zum Beispiel auch nicht 16 Jahre Helmut Kohl aushalten müssen, der meiner Meinung nach ein Haupt-Verursacher dieses ganzen Euro-Schulden-Szenarios ist.

  • Kommentare
Kommentar: Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran ist bei den Atomgesprächen erneut auf Konfrontationskurs gegangen. Jetzt ist schnelles Handeln gefordert. Kommt es zum Konflikt, stürzt die Welt in eine tiefe Wirtschaftskrise.

Kommentar: Was traurige Bilder nicht erzählen

Was traurige Bilder nicht erzählen

Die ARD nimmt in einer Dokumentationsreihe die Arbeitsbedingungen bei prominenten Konzernen aufs Korn. Damit steigt die Chance auf Besserung der Firmen. Gemachte Fortschritte bleiben oft verdeckt.

  • Kolumnen
Dutschke spricht: The War on Women

The War on Women

Frauen werden in den USA noch immer stark benachteiligt. Das reicht von überteuerten Konsumprodukten für Frauen bis hin zur restriktiven Abtreibungsrichtlinien. Beim Schutz der Frauen hinken die Amerikaner uns hinterher.

Was vom Tage bleibt: Die Tage des „Bankjogs“ nahen

Die Tage des „Bankjogs“ nahen

In Spanien mehren sich Krisensymptome, sodass Banker über den gefürchteten „Bankrun“ nachdenken. Ganz so schlimm wird es nicht. Allerdings ist auch die Vatikanbank mit sich selbst nicht im Reinen. Der Tagesbericht.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Gastbeiträge
Essay Jürgen Fitschen: Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Finanzbranche hat massiv an Ansehen verloren. Ohne sie würde unser Wirtschaftssystem aber zusammenbrechen, sagt Jürgen Fitschen. Ein Essay des designierten Co-Chefs der Deutschen Bank über die Zukunft der Branche.

Gastbeitrag: Gut gemacht, Chefin!

Gut gemacht, Chefin!

Angela Merkel führt ihre Regierung, wie es in der Wirtschaft gang und gäbe ist. Und doch hagelt es Kritik. Dabei handelt Merkel nur wie ein Manager. Endlich mal - sagt einer der bekanntesten Headhunter Deutschlands.

Otmar Issing: Keine Experimente mit der Inflation

Keine Experimente mit der Inflation

Um zu überleben muss die Währungsunion zum Gleichgewicht zurückfinden. Von Deutschland zu fordern, die eigene Wettbewerbsstärke zu verwässern, ist aberwitzig. Aber es gibt andere Lösungen.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.