Weimers Woche
Wahlkampf – so interessant wie Fußpilze

Nicht einmal in Berlin grassiert das Wahlkampffieber. Obwohl in wenigen Wochen Bundestagswahl ist, scheint die Politik in diesem Sommer so interessant wie Fußpilze oder Autobahnstaus. Deutschland wirkt entpolitisiert wie selten zuvor. Schon sprechen Politologen vom „langweiligsten Wahlkampf aller Zeiten“. Doch bei genauem Hinsehen merkt man, dass die schwüle Einschläferung durchaus Methode hat.
  • 0

Nicht einmal in Berlin grassiert das Wahlkampffieber. Obwohl in wenigen Wochen Bundestagswahl ist, scheint die Politik in diesem Sommer so interessant wie Fußpilze oder Autobahnstaus. Deutschland wirkt entpolitisiert wie selten zuvor. Schon sprechen Politologen vom "langweiligsten Wahlkampf aller Zeiten". Doch bei genauem Hinsehen merkt man, dass die schwüle Einschläferung durchaus Methode hat.

Vor allem bei der CDU verfolgt man die Strategie, mit Angela Merkel möglichst im Schlafwagen an der Macht zu bleiben. Die Bundeskanzlerin ist beliebt, ihre Umfragewerte stabil freundlich wie ein Sommerhoch, also gilt es alles zu vermeiden, was Gewitter aufziehen ließe. Die Union setzt in Anbetracht der Krisenangst auf Sicherheit, Mitte, Ruhe. Fast könnte sie den alten Adenauer-Slogan "Keine Experimente" wieder plakatieren, oder besser noch: gar nicht plakatieren.

Angela Merkel bestreitet ihren Leisetreter-Wahlkampf gezielt mit der Grundruhe eines Mecklenburger Waldsees. Je emotionsloser die Stimmung im Lande ist, desto weniger kann das linke Lager seine Wähler mobilisieren. Eine niedrige Wahlbeteiligung - wie bei der Europawahl - spielt Merkel in die Karten. Denn das bürgerliche Pflichtethos bringt ihre Anhänger eher an Urne als auf der anderen Seite. Obendrein sorgt eine sommerliche Ruhe im Land dafür, dass eine Wechsel-Wende-Stimmung erst gar nicht aufkommt. Wenn es je eine ruhige Hand in der Politik gegeben hat, dann gehört sie der Bundeskanzlerin in diesem Sommer.

Gegen die Strategie der Schläfrigkeit haben auch Liberale und Grüne nicht wirklich etwas einzuwenden. Sie werden nach Lage der langweiligen Dinge als große Sieger aus der Wahl hervorgehen. Warum also Krawall machen. Und selbst die notorisch nörgelige CSU beschränkt sich auf Seehofers Komödiantenstadel als auf ernste Mobilisierungen.

Die Linke wiederum würde gerne Wind im Sommerloch machen, doch fühlt sie sich selbst in der Flaute. Die einzige Energie, die SED-PDS-Erben derzeit aufbringen, ist die des innerparteilichen Zanks. Oskar Lafontaine wird mittlerweile in seiner eigenen Partei mehr gehasst als in der SPD - und das will etwas heißen.

Seite 1:

Wahlkampf – so interessant wie Fußpilze

Seite 2:

Kommentare zu " Weimers Woche: Wahlkampf – so interessant wie Fußpilze"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%