Weimers Woche
Warum die FDP so stark ist

Fragt man Demoskopen nach der politischen Überraschung im Wahljahr 2009, dann vermelden sie offiziell den Niedergang der SPD. Intern aber verblüfft die Experten etwas anderes noch mehr: der erstaunliche Höhenflug der FDP.
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Fragt man Demoskopen nach der politischen Überraschung im Wahljahr 2009, dann vermelden sie offiziell den Niedergang der SPD. Intern aber verblüfft die Experten etwas anderes noch mehr: der erstaunliche Höhenflug der FDP. Die Liberalen mobilisieren seit Monaten nicht nur die höchsten Wahlabsichten aller Zeiten, vor allem die Sympathiewerte für die Partei - lange Jahre war die FDP so beliebt wie Nacktschnecken oder Zahnärzte - steigen sprunghaft an. Im ARD-Deutschlandtrend geben nun sogar 58 Prozent der Deutschen an, sie fänden es gut, wenn die FDP an der nächsten Bundesregierung beteiligt wäre, nur 37 Prozent sehen es nicht so. Sogar jeder dritte Wähler von SPD, Grünen und Linken wünscht sich FDP-Minister im nächsten Kabinett.

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl wird damit klar: Nicht an der Linkspartei, wie alle noch vor einem Jahr dachten, sondern an den Liberalen entscheidet sich das Machtgefüge der Republik.

Selbst Linksintellektuelle, die die FDP jahrelang als "neoliberale Kaltschale" niedergemacht haben, preisen sie plötzlich als "erfrischendes Klardenker-Reservoir". Altkonservative, die den "Leichtmatrosen Westerwelle" abkanzelten, rühmen ihn nun als "standhafte Verkörperung der neuen Bürgerlichkeit". Nonkonformisten, die die Liberalen als "Nadelstreifenarmee" kritisierten, entdecken jetzt das "unabhängige Bürgertum". Die Besserwisser-FDP ist weg, die Mittelstandsversteher sind da. Es handelt sich um einen Imagewechsel wie man ihn bislang nur bei Jägermeister oder Audi erlebt hat.

Die FDP rückt mit diesem Stimmungswandel in eine politische Schlüsselstellung: Einerseits nimmt sie die von der moderierenden Merkel-Weichspülpolitik enttäuschten Bürger auf. Andererseits wird sie für frustrierte Sozial-liberale aus dem bürgerlichen Milieu der zerzausten SPD attraktiv. Die FDP profitiert also von der doppelten Schwäche der Volksparteien und sammelt zum Ende der Großen Koalition in der Mitte beiderseitig die Enttäuschten auf.

Machtpolitisch wächst die FDP damit in einer Scharnierfunktion, die die Liberalen schon vor dreißig Jahren einmal stark gemacht hat. Sie könnte nämlich einerseits mit der Union eine bürgerliche Mehrheit formieren. Andererseits tut sich über die Ampel auch ein links-liberales Modell auf. Sie wird also von beiden Seiten nicht mehr bekämpft, sondern umworben.

Der Partei kommt bei alledem zugute, dass ihr Führungspersonal relativ unverbraucht wirkt. Unter dem politischen Establishment der Berliner Republik sind Westerwelle & Co. derzeit die jüngsten, zumindest wirken sie wie eine Generation jünger als Angela Merkel und zwei Generationen jünger als Müntefering. Damit ziehen sie eine implizite Zukunftsverheißung auf sich, die zum Beispiel bei der Linkspartei fehlt. Dort steht mit Oskar Lafontaine und Gregor Gysi die alt-ideologische Generation an der Spitze, umringt von ehemaligen Kadern, die den Mief der alten DDR verströmen.

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