Weimers Woche
Warum Steinmeier beim Wähler nicht punktet

Er ist sympathisch, seriös und kompetent dazu. Doch als Bundeskanzler wollen ihn nur noch 22 Prozent der Deutschen haben. Frank-Walter Steinmeier stürzt in den Umfragen ab wie ein Hagelkorn im Aprilgewitter. Es gibt drei Gründe für die Steinmeier-Krise.
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Er ist sympathisch, seriös und kompetent dazu. Doch als Bundeskanzler wollen ihn nur noch 22 Prozent der Deutschen haben. Frank-Walter Steinmeier stürzt in den Umfragen ab wie ein Hagelkorn im Aprilgewitter. Die SPD steht schon schlecht da, doch seine persönlichen Werte sind im Vergleich zu Angela Merkel geradezu miserabel. Unter Sozialdemokraten macht sich eine Mischung aus Verblüffung und Verzweiflung breit. Denn sie hatten den Außenminister ja gerade zum Kanzlerkandidaten gemacht, weil er so beliebt war. Dass er nun ausgerechnet zum Wahlkampfauftakt wirkt wie das personifizierte Arminia Bielefeld der deutschen Politik, solide - aber abstiegsbedroht, schockiert besonders die Mandatsträger in Berlin. Denn wenn die SPD im September so wenige Stimmen erhält, wie sich das derzeit abzeichnet, dann verliert fast jeder dritte SPD-Abgeordnete seinen Job.

Es gibt drei Gründe für die Steinmeier-Krise. Der wichtigste heißt Angela Merkel. Die Kanzlerin ist so beliebt wie sonst nur Günther Jauch, die Sonne oder das Sandmännchen. Sie leistet sich kaum einen Fehler, macht auf Gipfelkonferenzen eine gute Figur und steht für eine ausgewogen-mittige Politik, die auch viele sozialdemokratische Wähler anspricht. Sie setzt auf Sachlichkeit und verkörpert das in der Krise besonders wichtige Prinzip Sicherheit. Da weiß man, was man hat.

Der zweite Grund heißt Franz Müntefering. Der SPD-Vorsitzende gibt den Haudegen der Großen Koalition und schadet mit allerlei Seitenhieben immer wieder seinem eigenen Kandidaten. Die Attacken auf Merkel und die großkoalitionäre Politik kommen inmitten der Krise so gut an wie Eigentore. Vor allem aber lassen sie die SPD und ihren Spitzenkandidaten wie Querulanten wirken, anstatt wie Gestalter. Dabei hätte die SPD mit Steinmeier, Steinbrück und Scholz überzeugende Gestalter der Krise. Müntefering aber spielt polternd Opposition und zerstört so den Macher- und Machtnimbus seines Kandidaten.

Der dritte Grund ist Frank-Walter Steinmeier selber. Er ist Angela Merkel in seiner Nüchternheit zu ähnlich, als dass man ihn als interessante Alternative wahrnehmen würde. Bei seinen Wahlkampfauftritten fremdelt er mit der Rolle des Volkstribunen und wirkt immer ein wenig wie Gerhard Schröder mit weißen Haaren und unter Valium. Wenn er vor Opelarbeitern dröhnend Stimmung machen will, spürt man das Unechte und Gespielte. Das Publikum merkt: Der emotionsfreie Mann gehört aufs Diplomatenparkett, nicht unters Volk.

Damit läuft die SPD sehenden Auges in ein Desaster. Eine echte Machtoption hat sie - da die Linkspartei stigmatisiert wird - bei dieser Wahl ohnehin nicht. Das Beste, was man erreichen kann, ist die Fortführung der Großen Koalition - mit schlechteren Mehrheitsverhältnissen. Steinmeier ist damit auf dem Weg zur tragischen Figur. Er muss das letzte Gefecht der Schröderianer kämpfen. Und die innerparteilichen Gegner Wowereit, Nahles und Gabriel bereiten sich schon auf die Zeit nach Müntefering, Struck und Steinmeier vor. Hinter den Kulissen des Willy-Brandt-Hauses geht es bereits um die innerparteiliche Macht nach dem 27. September - ohne den seriösen, kompetenten Sympathen.



Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur von Cicero. Seine aktuellen Kommentare lesen Sie unter www.cicero.de.

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