Welthandel
Jenseits der Anreize

Während der Großen Depression war der Welthandel um 65 Prozent geschrumpft. In der derzeitigen Krise hat der globale Handel bereits ein Drittel dieser steilen Talfahrt zurückgelegt. Ob das Problem nun in spärlich vorhandenen Finanzierungen, in einem Rückstau der Lagerbestände oder in der schwachen Nachfrage liegt - diese Abwärtsbewegung abzufangen, ist eine Komponente der wirtschaftlichen Erholung, die die Industrienationen vehement verfolgen müssen.
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Während der Großen Depression war der Welthandel um 65 Prozent geschrumpft. In der derzeitigen Krise hat der globale Handel bereits ein Drittel dieser steilen Talfahrt zurückgelegt. Auch wenn sich die kommenden Treffen der G20-Staaten vor allem auf Konjunkturanreize, Rettungsaktionen im Finanzsektor und die Koordinierung des Aufsichtswesens konzentrieren dürften, stellt das Abfangen dieser Abwärtsbewegung beim Handel eine Komponente der wirtschaftlichen Erholung dar, die die Industrienationen ebenfalls verfolgen müssen.

Der Handel der weltweit führenden Volkswirtschaften ist zwischen sechs und 40 Prozent zurückgegangen, wobei Länder mit besonders schwachen oder besonders starken Währungen extreme Werte verzeichnen. Global ist der Handel im Durchschnitt um etwa 20 Prozent geschrumpft. Die Verringerung greift in den aufstrebenden Märkten genau so um sich wie anderswo, wobei allerdings die ostasiatischen Exporteure besonders stark in Mitleidenschaft gezogen werden.

Der momentane Niedergang scheint sich zu beschleunigen. China, Deutschland und Japan berichten allesamt in diesem Monat über drastische Einbrüche im Handel. Dafür gibt es mehrere plausible Erklärungen. In Ostasien könnte aufgrund des Rückgangs des US-Konsums ein Rückstau bei den Lagerbeständen eingesetzt haben. Das dürfte dazu führen, dass die Exportvolumina stark fallen, sich dann aber vielleicht auf einem niedrigeren Niveau wieder erholen.

Ein anderer Faktor besteht darin, dass Finanzierungen knapp sind. Der Umfang der Handelsfinanzierungen ist im letzten Quartal des Jahres 2008 binnen Jahresfrist um etwa 40 Prozent gesunken, berichtet Dealogic. Zudem wirkt sich natürlich die globale Wirtschaftsschwäche negativ auf die Nachfrage aus. Um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, haben sich protektionistische Tendenzen leicht verschärft, wobei in mehreren Ländern Anti-Dumping-Zölle verhängt wurden, von den "Buy American"-Vorkehrungen im amerikanischen Konjunkturpaket ganz zu schweigen.

Eine solche Verschlechterung des Handels ist im Wesentlichen ein internationales Problem, dem sich am besten die G20 oder ein vergleichbares Forum widmen sollte. Zwar können Argumente gegen Schritte zur Ankurbelung der Wirtschaft vorgebracht werden, die den Privatsektor von den Kapitalmärkten ausschließen können, oder gegen die Regulierung des internationalen Finanzsektors, die zu mehr Bürokratie und zu einer Verzerrung der Finanzsysteme führen kann. Doch die meisten Volkswirte sehen in einem freieren Handel ein Konzept, bei dem alle Seiten nur gewinnen können.

Die G20 kann zweierlei tun. Zunächst einmal kann sie sicher stellen, dass, zusammen mit den nun weit verbreiteten Garantien für andere Arten der Finanzierung, die Regierungen auch die Handelsfinanzierungen schnell und unbürokratisch unterstützen. Zweitens kann sie den Protektionismus bekämpfen, indem sie nicht nur halbherzige Erklärungen abgibt wie im vergangenen November, sondern indem sie die Doha-Runde der Verhandlungen über den freien Handel wieder auf den Weg bringt.

Der größte Stolperstein der Doha-Runde manifestierte sich in den protektionistischen Agrarsubventionen der USA, der EU und Japans. Praktischerweise würde die Abschaffung dieser Beihilfen die Mittelaufnahme der öffentlichen Hand und die daraus resultierende Belastung der Kapitalmärkte verringern. Wenn dies die Ausrede ist, die die Vertreter der G20-Mitgliedsstaaten brauchen, um den Welthandel auf der Tagesordnung zu belassen, dann möge dies so sein.

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