Kolumnen
Wende, Wende, Wende!

Aller Voraussicht nach werden die USA dem europäischen Beispiel folgen und die Banken – nicht nur die Märkte – mit Liquidität überfluten. Auf dem Interbankenmarkt dürfte das Eis dadurch gebrochen werden. Das Schlimmste, was den Börsen jetzt noch passieren könnte, ist eine Rezession. Bedrohlicher ist im Moment aber etwas anderes: die Schuldenlast des Staates.

Ein Wendepunkt in der Kreditkrise ist in Sicht. Es sieht so aus, als ob die Regierungen inzwischen voll und ganz verstanden haben, dass sie den Zauberstab in der Hand halten, mit dem sie sowohl die Finanzmärkte als auch die Banken wieder ins Geschäft bringen können - Geld.

Genauer gesagt, die Verantwortlichen wissen jetzt - und in Europa versprechen sie auch, von diesem Wissen Gebrauch zu machen - dass sie so viel von dem Schmiermittel injizieren können, wie die Banken eben brauchen. Und sie können die Liquidität gezielt dort einsetzen, wo die Not in den Bankbilanzen gerade am größten ist. Und genau diese Freiheit ist es, die zählt. Alle Rettungsaktionen bisher zielten eher darauf ab, ein alarmierendes Symptom zu kurieren (den Engpass bei hochklassigen Vermögenswerten) als die Ursache zu beseitigen (Substanzverluste des Kapitals durch die geplatzte Finanzblase und Engpässe bei mittelfristigen Finanzierungen).

Noch reagieren die Märkte verhalten, was zum Teil wohl auf die Feiertage in Japan und den USA zurückzuführen ist. Aber der Spread im Interbankenhandel ist am Montag leicht gesunken, die Börsen haben ihre atemberaubenden Verluste aus der vergangenen Woche teilweise wieder wettgemacht und die Renditen der Staatspapiere konnten sich aufgrund der nachlassenden Flucht in sichere Werte leicht erholen.

Was also haben wir als nächstes zu erwarten? Wenn die USA, das Epizentrum der vergangenen Exzesse, den europäischen Vorgaben nicht folgt, ist alles möglich. Aber Schatzkanzler Hank Paulson scheint ähnliche Zusagen zu planen - er trifft sich am Montag mit führenden Bankmanagern zum Gespräch. Folgt er Europa, dürften die Kreditspannen weiter zusammenschrumpfen und die Aktienkurse und Rentenrenditen wieder zulegen.

Die von der Erleichterung getriebene Rally, die Kernschmelze noch einmal verhindert zu haben, wird irgendwann verebben. Den Investoren bleibt dann die Aussicht auf eine globale Wachstumsabschwächung. Die folgende Periode, die sich wohl kaum umgehen lässt, wird durch Einsparungen und eine Neuausrichtung der wirtschaftlichen Kräfte gekennzeichnet sein. Langfristig dürfte diese Strategie Früchte tragen. Aber das Wachstumstempo wird sinken und die Ära der billigen, leicht zugänglichen Kredite endgültig der Vergangenheit angehören. Dass heißt auch, dass die Unternehmensgewinne und die Kurszuwächse an den Börsen begrenzt bleiben dürften.

Und die Kombination aus Rezession und Rekapitalisierung des Finanzsystems wird zu sprunghaft ansteigenden Haushaltsdefiziten führen. Auch wenn das noch nicht unbedingt bedeuten muss, dass die Inflation angeheizt wird, so wird es sich nicht vermeiden lassen, den Umlauf an Staatsanleihen deutlich zu erhöhen. Kehrt das Vertrauen in die Banken zurück, wird diese Flut von Staatspapieren zu einer Zeit auf den Markt treffen, wenn Anleger ihr Geld aus den Regierungsanleihen abziehen und wieder bei Banken anlegen wollen - die treibende Kraft, die die Rentenrenditen solange auf niedrigem Niveau gehalten hat, wird also genau in die entgegengesetzte Richtung gedreht. Damit aber sind die langfristigen Anleihen gefährdet. Geldschöpfung funktioniert wie von Zauberhand, aber manchmal ist der Zauber von dunklen Wolken umgeben.

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