Wenn Piraten zu gierig werden
Ahoi, Ökonomen!

Auf der einen Seite steht ein gescheiterter Staat. Auf der anderen Seite stehen Länder, die es sich nicht leisten können, ihre gesamte Schifffahrt zu schützen. Das ist die Gelegenheit für skrupellose „Rent-Seeker“, um sich ihren Vorteil zu sichern. Doch wenn die Mautkassierer zu gierig werden, verändert sich die Gleichung. Clinton will dem Status Quo vor Somalia ein Ende setzen.
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Was hat ein somalischer Pirat mit einem Finanzmarkt-Arbitrageur gemeinsam? Beide betrachtet die Öffentlichkeit mit Faszination und manchmal auch mit Abscheu. Darüber hinaus sammeln beide Akteure angesichts des Risikos, das sie eingehen, nur eine relativ kleine Gebühr ein.

Natürlich gibt es auch große Unterschiede zwischen den beiden Berufen. Zu Gunsten der Arbitrage lässt sich sagen, dass sie die Märkte effizienter macht. Die Piraterie hingegen ist lediglich ein Kostenfaktor. Sie ist außerdem illegal und gefährlich. Arbitrageure halten sich meist an die Regeln und setzen nur ihr Vermögen aufs Spiel. Zudem haben sie tendenziell mehr Freunde außerhalb ihres eigenen Zirkels.

Und doch kann man in den Piraten auch geopolitische Arbitrageure sehen. Auf der einen Seite steht ein gescheiterter Staat. (Früher haben zwar auch recht erfolgreiche Staaten Piraten unterstützt, aber das tut jetzt nichts zur Sache). Auf der anderen Seite stehen die Handelsnationen, die zwar nicht willens oder nicht in der Lage sind, ihre gesamte Schifffahrt vor Angriffen zu schützen, andererseits aber oft bereit sind, Lösegeld zu zahlen.

Die Kluft schafft eine Gelegenheit für skrupellose "Rent-Seekers", wie Ökonomen diese Trittbrettfahrer zu bezeichnen belieben, die von dem für sie vorteilhaften Status Quo profitieren. Piraten arbeiten gleichsam wie selbstständige Mautkassierer.

Die Freibeuter-Unternehmer brauchen natürlich auch ein wenig Unterstützung: Waffen und einen Ort, an den sie die gekaperten Schiffe schleppen können. Somalia entspricht diesen Anforderungen vorerst noch.

Sie brauchen aber auch eine willfährige internationale Gemeinschaft. Auch die war ihnen bis vor kurzem sicher. Denn es ist weit weniger kostspielig, Geld für ein paar Schiffe herauszurücken, als jedes einzelne zu schützen - oder eine hinreichend starke Regierung in Somalia zu installieren. Die Seeräuber entern so wenige Schiffe, und die Lösegeldforderungen können auf so viele Schultern verteilt werden, dass die Endverbraucher nicht leiden müssen.

Die somalischen Piraten sind Geschäftsmänner. Sie haben ein Preisgestaltungssystem, Unterhändler und sogar Sprecher. Und sie haben sich in den meisten Fällen an eine Hauptregel gehalten: Lasst die Mannschaften in Ruhe. Wenn man die Crews zwingt, über die Planken zu gehen, spielt man mit dem Feuer.

Aber auch Piraten können, wie die Mautkassierer und Finanzmarktspekulanten, zu gierig und aggressiv werden. Dies scheint vor der Ostküste Afrikas eingetreten zu sein.

Im legalen Handel werden neue Gesetze eingeführt, um ein als unfair empfundenes Geschäftsgebaren abzuwürgen. Dem illegalen Gewerbe auf hoher See kommt man nur mit Gewalt bei. Die US-Außenministerin Hilary Clinton möchte jetzt koordiniert dagegen vorgehen. Die amerikanische und die französische Marine haben ihren Eifer bereits unter Beweis gestellt. Doch bis jetzt zeigen sich die Piraten unbeeindruckt. Sie sind noch nicht bereit, sich neuen Regeln zu unterwerfen, mit denen sich nicht mehr so bequem Gewinn machen lässt.

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