Der Werber-Rat

_

Der Werber-Rat: Einladung zur Ü70-Party

Seniorentelefone mit daumengroßen Tasten – die Alten des Jahres 2050 werden solche Hilfsmittel nicht nötig haben. Das Altern der „Digital Immigrants“ bringt enorme Chancen für alle Unternehmen beim Design der Zukunft.

76 Jahre alter Silvio Berlusconi: In den Industrieländern wird es immer mehr Menschen im Alter von 100 Jahren und mehr geben, sagt eine Studie. Quelle: dpa
76 Jahre alter Silvio Berlusconi: In den Industrieländern wird es immer mehr Menschen im Alter von 100 Jahren und mehr geben, sagt eine Studie. Quelle: dpa

Wenn man einer Studie der Universität Rostock Glauben schenken darf, dann werden wir im Jahr 2050 möglicherweise erleben, wie Phil Collins ein letztes Mal auf Welttournee geht. Der Sänger wäre dann knapp 100 Jahre alt. Laut der Studie wird es in den Industrieländern bis 2050 immer mehr „Centenarians“ geben, Menschen im Alter von 100 Jahren und mehr. Jedes zweite Kind, das heute geboren wird, erreicht das biblische Alter, prognostizieren die Wissenschaftler.

Anzeige

Collins wird wahrscheinlich mit einem Rollator auf die Bühne kommen. Doch vermutlich nicht mit dem Modell „Standard“ aus dem gut sortierten Sanitätshaus. Eher mit dem „Freeroll“ des finnischen Designers Heikki Juvonen: einer Mischung aus Porsche und Designerstuhl.

Juvonens Beispiel zeigt, dass es sich lohnt, über die neuen Alten von übermorgen nachzudenken, während sich Marketingleute noch mit den neuen Alten von heute beschäftigen. Denn da altert eine Generation heran, die in den 80er-Jahren groß geworden ist, heute gerne auf Ü40-Partys feiert und schon morgen auf der Ü70-Party Depeche Modes „I just can't get enough“ mitgrölen wird.

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.
Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

Diese Menschen sind mit Apple aufgewachsen, legen Wert auf gutes Design, sind als erste Generation der Digital Immigrants im Internet zu Hause und werden sich noch viel mehr als die heutigen Rentner weigern, alt zu sein. Statt des Seniorentelefons mit daumengroßen Tasten wollen sie ein Smartphone, das für alle leicht bedienbar ist. Sie werden erwarten, dass ihr Sportarmband Nike-Fuel-Band alle Daten direkt an ihren Hausarzt sendet. Sie werden vielleicht Stützstümpfe brauchen, aber die sollten am besten nicht von der tristen, fleischfarbenen Sorte sein.

Industriedesigner und Architekten befassen sich längst mit dem Thema „Universal Design“, das unabhängig vom Alter des Benutzers Funktionalität und Ästhetik zusammenbringt. Was dabei entstehen kann, zeigt das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt gerade in der Ausstellung „Netzwerk Wohnen – Architektur für Generationen“.

Der Werber-Rat

Es wird allerdings Zeit, auch über Dienstleistungen und Produkte nachzudenken, die es heute noch gar nicht gibt. So werden die Rentner von übermorgen nicht nur ihre körperliche, sondern auch ihre geistige Beweglichkeit trainieren wollen. Wohl dem Fitness-Center, das als erster Anbieter Fitness am Laufband und Anti-Demenz-Training zusammenbringt.

Die Einladungen zur Ü70-Party sind also verschickt. Wer sie annimmt, wird in Zukunft gut dastehen. Auch ohne Stützstrumpf.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

  • Kommentare
EEG-Ökostromumlage: Beobachten Sie jetzt genau Ihren Stromanbieter!

Beobachten Sie jetzt genau Ihren Stromanbieter!

Die Ökostromumlage sinkt im nächsten Jahr. Auch wenn es sich nur um einen Mini-Betrag handelt, sollte Ihr Stromanbieter den an Sie weitergeben. Wenn nicht, wechseln Sie. Er tut ihnen nichts Gutes.

Kommentar zur EU-Kommission: Junckers Bauernopfer

Junckers Bauernopfer

Hilfst Du mir, helf' ich Dir, so ist das in der Politik– auch in Brüssel. Dass das Parlament Vize-Chefin Bratusek als EU-Kommissarin ablehnte, hat viel mit taktischen Spielchen im Poker um politische Macht zu tun.

  • Kolumnen
Was vom Tage bleibt: Wann hört Amazon auf zu beißen?

Wann hört Amazon auf zu beißen?

Jeff Bezos muss sich vom Kämpfer zum Liebhaber wandeln. Ein Ebola-Patient fährt U-Bahn in New York. Und die EU schickt England eine saftige Rechnung wegen übermäßigen Erfolgs. Was heute so geschah, lesen Sie hier.

Der Werber-Rat: Ein Herz für Curler

Ein Herz für Curler

Die Randsportart Curling erhält in Deutschland keine Förderung mehr. Das ist kurzsichtig und ein Verrat am Sport und der Gesellschaft. Die Folgen sind fatal: Denn beim Sport geht es um mehr als um das Gewinnen.

What's right?: Gabriel im roten Marmeladenglas

Gabriel im roten Marmeladenglas

Der Thüringer SPD-Pakt mit der Linkspartei hat strategische Bedeutung für Deutschland. Sigmar Gabriel entstigmatisiert die SED-Nachfolger und eröffnet sich neue Optionen.

  • Gastbeiträge
Kommunikation im Beruf: So laufen Karrierefrauen nicht gegen die Wand

So laufen Karrierefrauen nicht gegen die Wand

Männer kommunizieren – wie eine fremde Spezies – im Business-Kosmos anders als Frauen, die von klein auf auf Harmonie und Höflichkeit gepolt sind. Wie Sie das „Männisch“ verstehen und zu eigenen Zwecken nutzen können.

Gastbeitrag zur Bankenunion: Die Bankenunion kommt zu früh

Die Bankenunion kommt zu früh

Im November tritt die Bankenunion in Kraft. Verfrüht, findet Ognian Hishow: Weil viele Banken nicht genug Kapital aufweisen, wird die EZB als Bankenaufseherin Maßnahmen ergreifen, die die Geldwertstabilität gefährden.

Gastbeitrag zur Türkei: Erdogans Verhalten ist ein Ausdruck des Scheiterns

Erdogans Verhalten ist ein Ausdruck des Scheiterns

Kritik an der türkischen Politik gegenüber dem IS ist berechtigt, wenn auch aus anderen Gründen als häufig angeführt. Günter Seufert über die gefährliche Politik der Türkei, mit der sie sich außenpolitisch isoliert.

  • Presseschau
Presseschau: Sparen ist out

Sparen ist out

Immer weniger Deutsche sparen – den einen fehlt schlicht das Geld, den anderen der Anreiz. Gerade junge Leute wollen ihr Geld offenkundig lieber ausgeben. Den Deutschen ist die Lust am Sparen vergangenen.