Der Werber-Rat

_

Der Werber-Rat: Nächste Station – „Best Ager“

In der deutschen Werbung gibt es ab einem Alter von 50 Jahren keine Männer und Frauen mehr. Es gibt nur noch „Best Ager“ und „Silver Liner“. Versuche, darüber hinwegzukommen, enden oft in Altersklischees.

Ein Teil der Dove-Kampagne von 2005: Model Irene war damals 96. Quelle: obs
Ein Teil der Dove-Kampagne von 2005: Model Irene war damals 96. Quelle: obs

Männer und Frauen existieren in der Werbeansprache nur bis 50. Danach sind sie "Best Ager" und "Silver Liner", die in einen Topf geworfen werden mit den hochbetagten 80-Jährigen. Würde man ebenso die Jahre zwischen 20 und 50 zusammenfassen, ginge ein Aufschrei durch die Werbenation.

Anzeige

Zwar gibt es Versuche, die immer größer werdende und vermögende Zielgruppe anzusprechen, aber diese bedienen zumeist "Altersklischees". Es wird vor allem auf die zunehmende Hilfsbedürftigkeit gesetzt. Marken positionieren sich beispielsweise mit Inkontinenz- und Impotenzprodukten als gute Samariter.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.
Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Verkannt wird vor allem: Die Zeit ab 50 ist nicht der Beginn des reinen körperlichen und seelischen Notstands, sondern normale Lebenszeit. Die Menschen sind nicht von heute auf morgen dement und müssen "betüddelt" werden.

Aber die Gesellschaft scheint den Bruch ab 50 zu wollen. Der heimliche und eigentliche Sinn der Neutralisierung ist dabei die Tabuisierung von Erotik im Alter. Frei nach dem Motto: Eltern oder gar Großeltern haben keinen Sex, möchten wir das Alter enterotisieren. In einer Zeit, wo es in Bezug auf Sexualität kaum noch Tabus gibt, hat sich heimlich ein neues eingeschlichen.

Während heute schon Achtjährige in der Schule aufgeklärt werden, möchten wir in Bezug auf Erotik ab 50 am liebsten bei Bienchen-und-Blümchen-Vorstellungen verharren. Von "Altensex" sind wir peinlich berührt. Denn Sexualität ist derzeit in einem nie gekannten Ausmaß mit Jugend und Ästhetik verbunden. Sinnlichkeit oder Hingabe fehlt. Und natürlich riecht sie auch nicht nach Schweiß.

Der Werber-Rat

Daher sollen die Älteren sich bitte so verhalten, wie wir uns das vorstellen: ohne Sexualleben, sparsam, moralisch, gefestigt in Haltung und Markenwahl. Genauer wollen wir es gar nicht wissen, was passiert zwischen Männern und Frauen im Alter.

Daraus resultieren gleich drei typische Werbefehler: Erstens, die falsche Rücksichtnahme. Ab 50 ist man nicht hilfsbedürftig oder gar zu schonen, sondern souverän und sicher im Vergleich zu Jüngeren. Der zweite Fehler ist die Entsexualisierung: Ältere sind keine neutralen Wesen, sondern Frauen und Männer mit geschlechtstypischen Bedürfnissen. Und drittens: die Enterotisierung. Ältere haben mit der Erotik nicht abgeschlossen, sondern wollen vielmehr ihre Sexualität leben und genießen. Auf ihre Erotik reduziert werden möchten sie nicht, aber davon ausgenommen sein schon gar nicht!

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

  • 22.08.2012, 10:16 UhrHietsch

    Danke für den Denkanstoß - es hätte ruhig noch ein wenig deutlicher werden können.
    Mir geht es mittlerweile wirklich auf den Geist, wenn man ab 50 als 'behindert', halbwegs senil und im besten Falle bemüht ist, Anschluß zu halten.
    Ich bin 58, bin - wie fast jeder Berufstätige - mit IT-Anwendungen seit Jahren vertraut, sportlich aktiv, gesund, kaum 'silver' und irgendwie einfach durchschnittlich, denn im meinem Alters- und Bekanntenkreis kenne ich niemanden, auf den die üblichen Unterstellungen in den Medien zutreffen.
    Ich finde sie einfach nur diskriminierend und helfen i.S. der Antidiskriminierungsgesetzte dabei, Leuten ab 50 jegliche berufliche Perspektive abzusprechen - denn man könnte ja von heute auf morgen ausfallen oder dement werden.

  • 21.08.2012, 19:07 UhrWolfsfreund

    "Zwar gibt es Versuche, die immer größer werdende und vermögende Zielgruppe anzusprechen, aber diese bedienen zumeist "Altersklischees". Es wird vor allem auf die zunehmende Hilfsbedürftigkeit gesetzt. Marken positionieren sich beispielsweise mit Inkontinenz- und Impotenzprodukten als gute Samariter."
    ---------------

    Wer läßt sich denn schon von Werbung beeinflussen? Nur Dummköpfe, die nicht gewohnt ist, kritisch zu denken. Ich bin 57 (gehöre also zur entsprechenden Zielgruppe) und kann über die altersgemäße Werbung nur schallend lachen. Tagein, tagaus, jahrein, jahraus bei JEDEM Dreckswetter unterwegs (Hundeführer und Photograph), lege ich im Jahr runde 5000 km zu Fuß zurück und das nicht in Softschuhchen und Traininganzug für alte Herren im Kurpark, sondern in alten Armeeklamotten und derbem Schuhwerk in schwerem Gelände. Arzt gesehen? Das letzte Mal vor zig Jahren... And btw., die meisten "sportlich gestählten", sonnenstudiogebräunten Jungfüchse laufe ich konditionsmäßig in Grund und Boden...
    Die Marketing-Agenturen mit ihren Vitamin-Pillchen, Haartuningmittelchen, Hautpflegemitteln für Herren (ich ziehe meinen wettergegerbten Taint vor...) und Club-Urlaubsangeboten mit Dauerbespaßung für Blöde hätten an mir ihre helle Freude: Alle Mühe umsonst!
    "Best Ager", "Silver Liner", so ein Schwachsinn...

  • Kommentare
Kommentar: Rote Karte mit Risiko

Rote Karte mit Risiko

Die EU wehrt sich gegen Chinas Exporteure und erhebt Schutzzölle auf Solarmodule. Diese Politik der klaren Kante ist überfällig – selbst wenn Vergeltung aus Peking wohl nicht lange auf sich warten lassen wird.

Hartz-IV-Aufstocker: Falsche Hiobsbotschaften

Falsche Hiobsbotschaften

Die Agenda 2010 ist nicht unsozial. Im Gegenteil: Den nun wieder als Ungerechtigkeit gescholtenen 323.000 „Aufstocker-Stellen“ steht ein beinahe Hundertfaches an neuen sozialversicherungspflichtigen Stellen gegenüber.

  • Kolumnen
Dutschke spricht: Was für eine Verschwendung

Was für eine Verschwendung

Berlin will zwei Standorte der Landesbibliothek zusammenführen. Klingt sinnvoll. Doch die Kosten-Prognose erinnert an andere Großprojekte, die viel zu teuer ausfallen. Die Standortwahl setzt noch eins drauf.

Was vom Tage bleibt: Franzosen würden Merkel wählen

Franzosen würden Merkel wählen

Eine Umfrage sieht Merkel in Frankreich ganz vorn. Die Zentralbank denkt weiter über eine Schuldengemeinschaft und die SPD über eine Vermögenssteuer nach. Und: Das Olivenöl ist in Gefahr. Der Tagesbericht.

Handelsblog Bringt die Bürokraten in Erklärungsnot!

Die Regierung feiert sich. Mal wieder. Das Bundeskabinett hat den Bericht des Normenkontrollrates verabschiedet. Klingt abstrakt? Hat aber ganz praktische Bedeutung, denn es geht dabei um den von allen geforderten Abbau von Bürokratie. Die... Von Florian Kolf. Mehr…

  • Gastbeiträge
Angelina Jolie und die Folgen: „Eine barbarische Operation“

„Eine barbarische Operation“

„Ich kann Angelinas Angst gut verstehen, auch mir haben sie eine Brust amputiert.“ Über ihren Umgang mit dem Thema Brustkrebs und ihr Leben nach der Operation berichtet die New Yorker Künstlerin Matuschka.

Gastkommentar: Die Reformen im Euro-Raum wirken

Die Reformen im Euro-Raum wirken

Statt zusammen gegen die Krise vorzugehen, findet zwischen Europas Staaten inzwischen ein reger Schlagabtausch statt. Dabei kommen die Krisenländer in Sachen Reformen sogar gut voran. Anerkannt wird das zu wenig.

Gastbeitrag: „Eine Klage gegen die EZB ist unausweichlich“

„Eine Klage gegen die EZB ist unausweichlich“

Unabhängig wie das Bundesverfassungsgericht zum rechtwidrigen EZB-Anleihekaufprogramm steht, sollte Deutschland die Initiative ergreifen und die Zentralbank vor dem Europäischen Gerichtshof verklagen. Ein Gastbeitrag.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.