Der Werber-Rat

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Der Werber-Rat: Sexismus in der Kirche

Die Zurückweisung von Vergewaltigungsopfern in Köln offenbart einen grausamen Sexismus in der katholischen Kirche. Die Ärzte der Krankenhäuser könnten diesen durch eine Kündigungswelle beenden. Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.
Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Die Geschichte der schwangeren Maria, die in Bethlehem an vielen Türen abgewiesen wurde, als sie ein (Kranken-)Haus zur Niederkunft suchte, ist zentraler Bestandteil der christlichen Religion. Christen 'werben' dafür, auch dann warmherzig und gastfreundlich zu sein, wenn der Hilfesuchende andere Werte vertritt als man selbst. Obdachsuchende Schwangere waren damals vielleicht wirklich mit so vielen Vorurteilen belastet, dass es schwerfiel, sie hereinzulassen. Und 'absichtlich' war Maria ja nicht schwanger geworden. In eine Geburtsurkunde hätte man sogar eintragen lassen müssen 'Vater unbekannt'. Das kommt heute auch noch vor. Unter anderem dann, wenn Frauen ein Kind trotz Vergewaltigung austragen.

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Nun weisen katholisch geführte Krankenhäuser in Köln rund um Weihnachten Vergewaltigungsopfer ab. Sie verweigern die Behandlung der physischen Verletzungen mit der Begründung, nicht beraten zu wollen über die Pille danach. Diese passe nicht zu ihren Moralvorstellungen. Seelische Hilfe verweigern sie damit ebenfalls und fügen weiteren Schaden hinzu. Denn Vergewaltigungsopfer fühlen sich immer auch entwertet und beschmutzt. Ihnen wird dann im katholischen Krankenhaus nochmals deutlich aufgezeigt, wie hilflos sie sind. Wie bei der Vergewaltigung selbst, sind sie wiederum reiner Willkür ausgeliefert.

Gerade dieses Ausgeliefertsein und hilflos etwas über sich ergehen lassen zu müssen, ist ein Zeichen von Sexismus. Nun sind Frauen in der katholischen Kirche Kummer gewohnt. Sie müssen sich mit der unterordnenden Rolle arrangieren und können keinen Anspruch auf Ämter erheben. Wenn Frauen aber aus Kirchensicht hilfloser und bedürftiger sind, dann gilt, sie entsprechend zu behandeln, nämlich beschützend.

Für sich genommen ist das antiquiert genug, führt aber immerhin zu offenen Türen für jede vergewaltigte Frau. Denn diese wären bei einer ungewollten Schwangerschaft genauso dazu gekommen wie Maria: durch eine 'höhere' Macht.

Die kirchlichen Moralapostel allerdings vermitteln: Man muss Verletzten die Tür nicht öffnen, wenn sie möglicherweise (!) über Abtreibung reden wollen. Sie schützen die Opfer nicht, sondern legitimieren sogar noch die Täter, indem sie Spuren mit verwischen. Ärzte und Ärztinnen dieser Häuser könnten diesem echten und grausamen Sexismus durch geschlossene Kündigungen ein Ende bereiten. Das Abweisen von Bedürftigen widerspricht ihrem Eid. Und ohne Ärzte kann die Kirche kein Krankenhaus betreiben und spürt vielleicht, wie es ist, auf Hilfe angewiesen zu sein.

Die Autorin ist eine von fünf Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons.

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Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

  • 06.02.2013, 12:23 Uhrgamoschka

    Richtig! Man sollte natürlich immer direkt handeln und nicht darauf warten, dass irgendetwas von oben passiert. Trotzdem möchte ich anmerken, dass es bei dieser Geschichte einen bisher wenig diskutierten Aspekt gibt: Warum lässt die Politik es überhaupt zu, dass Kündigungen trotz des AGG für diese gigantischen Arbeitgeber möglich ist. 1,3 Mill. Arbeitnehmer können doch unmöglich alle einem Tendenzbetrieb angehören. Wahrscheinlich auch Staatsräson. Die Geschichte passt auch gut zum Thema Depardieu und Pussy Riot. Ist die Geschlechterverteilung dabei zufällig oder rutschen wir Männer immer weiter in diese Richtung? Taugen wir nur als katholische Bischöfe oder Islamisten, als Verwalter alter, in scheinbar einfachen Zuständen erbeuteter Vorteile? Oder werden wir es schaffen, uns auch in die Gestaltung künftiger komplexer Zustände einzuschalten, auch auf die Gefahr einer persönlichen Passion?

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