Der Werber-Rat

_

Der Werber-Rat: Wenn Ron Hubbard zweimal klingelt

Scientology plant eine Werbekampagne und hat dafür rund 70 Agenturen angeschrieben. Die Reaktionen der Werber fallen unterschiedlich aus. Vielleicht sollte Scientology eine eigene Agentur "Ron" gründen.

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.
Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.

Wir werden in diesen Tagen Zeuge eines seltenen Schauspiels. Ein Neukunde mit ernsthaftem Werbebudget klingelt bei 70 Agenturen und niemand öffnet die Tür. Scientology allein im kalten Flur. Die Zeugen Jehovas können ein Lied davon singen. Es gibt Marken, die hat man nicht gern im Haus. Das gibt nur Gerede und böses Blut. Der Fall wirft eine interessante Frage auf: Für wen darf man werben?

Anzeige

Scientology gilt als weltanschauliche Organisation mit dem schlechtesten Leumund rund um den Globus. Während sie in den USA als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt und steuerbefreit ist, hält bei uns der Verfassungsschutz sein wachsames Auge auf die Truppe. Sie ist uns suspekt.

Allerdings ist die Organisation, die Ron Hubbard einst gründete, nicht verboten. Sie betreibt zehn Kirchen und 14 Missionen in unserem Lande und hat knapp 5 000 Mitglieder. Die Markenbekanntheit erreicht über 90 Prozent. Die Markenakzeptanz tendiert allerdings gegen null.

Doch um in der deutschen Agenturwelt Gehör und Abnehmer für das siebenstellige Budget zu finden, braucht Scientology ein Wunder. Schließlich ist die Gefahr, dass die gesamte Agentur vom Hubbard-Virus befallen wird, virulent. Hohes mediales Fieber schon am Tag der Ansteckung mit öffentlichen Gesprächstherapien bei Anne Will und Maybrit Illner. Seitenlange Krankenberichte in der "Bild". Freunde, Kunden und Mitarbeiter wenden sich ab. Innerhalb von Tagen mutiert die Agentur zum Aussätzigen. Selbst das handgeschriebene Entschuldigungsschreiben des globalen Networkchefs als ganzseitige Anzeige kann das Siechtum nicht stoppen. Die Agentur wird zum Pflegefall.

Sabine Weber, die Präsidentin der Scientology Kirche Berlin, wird sich etwas anderes einfallen lassen müssen, um das Image ihrer Organisation zum Positiven zu wenden. Was liegt näher, als die eigene Agentur "Ron" zu gründen? Schließlich ist Scientology die einzige "religiöse Organisation", die Profitstreben und Gewinnorientierung predigt.

Und wenn der Coup gelingt, stehen "Ron" Türen in aller Welt offen. Schließlich gibt es zahlreiche Staaten, Oligarchen und Industrien, die dringend einer Imagekorrektur bedürfen. Bis dahin gilt das Schild vom Supermarkt: Wir müssen draußen bleiben.

Der Werber-Rat

Der Autor:

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

  • 22.03.2013, 12:09 Uhrclementin

    Das Thema ist vielschichtig. Interessant wäre es aus meiner Sicht mal folgende Punkte zu diskutieren:
    a) Wenn Scientology wirklich eine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft wäre, dann müsste sie sich auch der Meinungsauseinanersetzung um die Inhalte und Methoden stellen. Warum reagiert SC dann so auf Kritiker, wie sie es seit Jahrzehnten tut?
    b) Die sog. Anerkennung in den USA ist eine ein steuerliche Frage (vergleichbar mit unsrer Gemeinnüzigkeits-Einstufung) und eine Bewertung von Religion oder nicht durch den amerikanische Staat (wobei her die Amerikaner sowieso eine völlig andere Einstellung haben, was alles zulässig ist, z.B. auch im Hinblick auf neonazistiche Organisationen)
    c)Ist SC ein Wirtschaftsunternehmen oder eine Organisation, die psychologische Methoden vertreibt (gegen Geld)auch dann muss sie sich der Beurteilung und Auseinandersetzung über Wirksamkeit und Auswirkungen stellen und kann sich nicht auf das Thema Religion zurückziehen.
    d) Ist die unterschiedliche Behandlung von SC in USA und Europa vielleicht auch darauf zurückzuführen, dass Scientology vermentlich amerikanisierte Methoden anwendet, die auf uns hier mehr als befremdlich wirken und unserem Menschenbild diametral entgegenstehen? Deutlich wird dies auch durch eine gewisse "Scientologiserung der Diskussion", dass bei befremdlichen Methoden oder Inhalten sofort der Verdacht auf Scientology auftaucht, obwohl in >90% der Fälle gar nichts dran ist.
    Mehr interessante Infos und Beurteilungsparameer darüber finden sich unter www.scientologyinfo.de

  • 12.02.2013, 13:55 UhrRBoeck

    [i]Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette[/i

  • 12.02.2013, 13:52 UhrRBoeck

    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Kommentare
Kommentar: Rote Karte mit Risiko

Rote Karte mit Risiko

Die EU wehrt sich gegen Chinas Exporteure und erhebt Schutzzölle auf Solarmodule. Diese Politik der klaren Kante ist überfällig – selbst wenn Vergeltung aus Peking wohl nicht lange auf sich warten lassen wird.

Hartz-IV-Aufstocker: Falsche Hiobsbotschaften

Falsche Hiobsbotschaften

Die Agenda 2010 ist nicht unsozial. Im Gegenteil: Den nun wieder als Ungerechtigkeit gescholtenen 323.000 „Aufstocker-Stellen“ steht ein beinahe Hundertfaches an neuen sozialversicherungspflichtigen Stellen gegenüber.

  • Kolumnen
Dutschke spricht: Was für eine Verschwendung

Was für eine Verschwendung

Berlin will zwei Standorte der Landesbibliothek zusammenführen. Klingt sinnvoll. Doch die Kosten-Prognose erinnert an andere Großprojekte, die viel zu teuer ausfallen. Die Standortwahl setzt noch eins drauf.

Was vom Tage bleibt: Franzosen würden Merkel wählen

Franzosen würden Merkel wählen

Eine Umfrage sieht Merkel in Frankreich ganz vorn. Die Zentralbank denkt weiter über eine Schuldengemeinschaft und die SPD über eine Vermögenssteuer nach. Und: Das Olivenöl ist in Gefahr. Der Tagesbericht.

Handelsblog Bringt die Bürokraten in Erklärungsnot!

Die Regierung feiert sich. Mal wieder. Das Bundeskabinett hat den Bericht des Normenkontrollrates verabschiedet. Klingt abstrakt? Hat aber ganz praktische Bedeutung, denn es geht dabei um den von allen geforderten Abbau von Bürokratie. Die... Von Florian Kolf. Mehr…

  • Gastbeiträge
Gastkommentar: Britische Europaskepsis hilft schottischen Separatisten

Britische Europaskepsis hilft schottischen Separatisten

Je stärker das europaskeptische Lager im Vereinigten Königreich wird, desto wahrscheinlicher wird eine Abspaltung Schottlands. Um separatistische Bestrebungen einzudämmen, sollte sich die EU um die Briten bemühen.

Angelina Jolie und die Folgen: „Eine barbarische Operation“

„Eine barbarische Operation“

„Ich kann Angelinas Angst gut verstehen, auch mir haben sie eine Brust amputiert.“ Über ihren Umgang mit dem Thema Brustkrebs und ihr Leben nach der Operation berichtet die New Yorker Künstlerin Matuschka.

Gastkommentar: Die Reformen im Euro-Raum wirken

Die Reformen im Euro-Raum wirken

Statt zusammen gegen die Krise vorzugehen, findet zwischen Europas Staaten inzwischen ein reger Schlagabtausch statt. Dabei kommen die Krisenländer in Sachen Reformen sogar gut voran. Anerkannt wird das zu wenig.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.