WIebes Weitwinkel
Das Geheimnis der Rakel und der deutsche Mittelstand

In der Provinz und gleichzeitig in der ganzen Welt zu Hause: Das ist typisch für deutsche Unternehmen. Ab und zu würden sie sich mehr Anerkennung wünschen.
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Wissen Sie, was eine Rakel ist? Keine Sorge, ich wusste es auch nicht. Und meine beiden Sitznachbarn, ein junger Schnapsfabrikant mit jahrhundertealtem Betrieb und ein Unternehmensgründer im IT-Bereich, hatten auch keine Ahnung.

Willkommen im deutschen Mittelstand. Bei einer unternehmerischen Spezies, die sich in so viele Unterarten unterteilt, dass niemand mehr den Überblick behalten kann. Das macht aber nichts. Denn alle diese Unterarten haben zwei Gene gemeinsam: eines für Anpassungsfähigkeit, ein anderes für einen starken Überlebenswillen.

Aber tragen wir zunächst nach, was eine Rakel ist (Fachleute bitte wegschauen ...): Der Mittelständler zeigte bei seinem Vortrag so eine Art Spachtel aus Kunststoff herum. Damit wird beim Siebdruck die Farbe aufgetragen – beziehungsweise durchs Sieb gedrückt. Und weil es dabei um Bruchteile von Millimetern geht und zum Beispiel auch Glasbehälter direkt bedruckt werden, muss dieser Spachtel ultra-exakt gearbeitet sein. So, wie man das von einem deutschen Mittelständler erwartet.

Der Rakel-Produzent entspricht auch sonst genau dem, was heute typisch für den Mittelstand ist. Dazu gehört, dass sein wichtigster Exportmarkt China ist und die größten Kunden zur Solarbranche gehören: Auf die Rückseite der Module werden die Schaltpläne gedruckt. Entwickelt hat sich die kleine Firma natürlich aus einer Druckerei, die irgendwann angefangen hat, ihre Geräte selbst zu bauen, andere damit zu beliefern, sich zu spezialisieren und so weiter.

Einen Tag später lernte ich einen anderen eindrucksvollen Mittelständler kennen – weitab in der deutschen Provinz. Einen Mann, dessen Vorfahren schon seit dem 16. Jahrhundert Schmiede waren. Heute gehört ihm ein Spezialbetrieb, der Anlagenbauer mit schweren geschmiedeten Teilen beliefert. Indirekt über seine Kunden landen diese Teile zu 80 bis 90 Prozent im Ausland.

So ist der deutsche Mittelständler: sitzt in der Provinz, hat häufig eine uralte Tradition und beliefert die ganze Welt. Außerdem beschäftigt er die ganze Welt: Aus 18 Ländern kommen die Mitarbeiter der Schmiede. Eigentlich ist dem Unternehmer das völlig egal, er hat es nur mal für eine Tagung über Integration ausgerechnet.

Was braucht der deutsche Mittelständler? Nicht viel – er kommt gut klar mit sich, seinen Mitarbeitern und seinen Kunden, übersteht auch Krisen erstaunlich gelassen. Nur etwas mehr Anerkennung und Interesse würden sich diese Herren – Damen sind es nur selten – hin und wieder wünschen. Nicht nur allgemein in Politikerreden, sondern ganz konkret vor Ort, in der Nachbarschaft.

Deutschland lebt zwar nicht von der Rakel allein. Aber sie ist typischer für das, was unseren Wohlstand ausmacht, als viele Produkte, die jeder kennt.

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