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Wiebes Weitwinkel: Den Homo oeconomicus wiederbeleben

Die Märkte werden gar nicht von „gierigen“ oder „panischen“ Anlegern aus dem Gleichgewicht gebracht. Solange die Ökonomie das nicht begreift, verfehlt sie ihr Ziel.

Der Homo neanderthalensis und der Homo oeconomicus haben viel gemeinsam. Beide wurden im 19. Jahrhundert entdeckt. Der eine in einem idyllischen Tal bei Düsseldorf, das nach dem Pastor Joachim Neander benannt ist, der das Lied "Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren" geschrieben hat. Der andere von Gelehrten wie John Stuart Mill, die ein Gedankenexperiment anstellten, das der Ökonomie anstelle von realen Experimenten, wie sie leider nur in den Naturwissenschaften möglich sind, als Grundlage dienen sollte. Beide Homines bevölkern bis heute die Literatur: der Neandertaler populärwissenschaftliche Werke, der Oeconomicus langweilige Lehrbücher. Und beide stehen in dem Ruf, etwas veraltet und beschränkt zu sein.

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Mit der Finanzkrise geriet der Oeconomicus völlig außer Mode. Das Chaos an den weltweiten Kapitalmärkten schien der Annahme, Menschen handelten rational nach klar definierten Zielen, hohnzusprechen. Dagegen erhielten psychologisierende Konzepte wie "Behavioral Finance" und Schlagworte wie "Herdentrieb" oder "Animal Spirits" zusätzlichen Schub.

Ich halte diesen Trend für überzogen. Er beruht auf der Annahme, letztlich seien die Märkte ein rationaler Mechanismus, der nur von den "irrationalen" - gierigen oder panischen - Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht werde. Das entspricht der theologischen Sicht von einer "guten Schöpfung", in die nur der Mensch das Böse bringt. Und der Sicht von naiven Dogmatikern, die sich unbedingt den Glauben an "den Markt" erhalten wollen.

Tatsächlich ist es umgekehrt: Die Menschen verhalten sich meist relativ (wenn auch nicht vollständig) rational, doch die Märkte erzeugen trotzdem irrationale Ergebnisse. Es wird daher Zeit, dem Homo oeconomicus neues Leben einzuhauchen.

Wer bei einem steigenden Markt kauft - zum Beispiel Aktien -, der handelt ganz rational. An steigenden Märkten kann man Geld verdienen: Um das zu erkennen, muss man weder übermäßig gierig noch einem Herdentrieb verfallen sein. Und wer bei fallenden Kursen schnell verkauft, der handelt nicht "panisch", sondern versucht ganz rational, sein Geld zu retten. Das Problem ist nur, dass sich aus dem Zusammenspiel vieler rationaler Entscheidungen insgesamt ein sehr irrational wirkendes Geschehen entwickeln kann. Daher erzählen Börsenhändler an manchen Tagen vor den Fernsehkameras, wie "verrückt der Markt" heute sei, obwohl sie selbst der Markt sind.

Wie genau diese Mechanismen funktionieren, wann die einzelnen Entscheidungen der Investoren zu einem scheinbar "ausflippenden" Markt führen, das zu klären wäre die Aufgabe der Ökonomie: durch genaue Beobachtung, die Analyse historischer Situationen und intelligente Simulationen. Wenn die Ökonomie dagegen, nachdem sie vergeblich dem Vorbild der Mathematik und dann der Physik nachgeeifert hat, jetzt ihr Heil bei den Psychologen und am Ende vielleicht noch bei den Gehirnforschern sucht, dann verfehlt sie wieder einmal ihr Ziel.

  • 21.11.2009, 00:37 UhrAnonymer Benutzer: Dr. Jürgen E. Gesang

    Jetzt bin ich aber sschwer enttäuscht :). ich schrieb gegen 18 Uhr einen doch immerhin durchdachten Kommentar zum bild des so genannten rational handelnden Wírtschaftssubjektes Mensch als solcher...:) und schwupp entschwand der angemessene Text im Nirwana des WWW und ward nicht mehr wieder aufzufinden. Wie das ???
    Schöne Grüße, J.E.Gesang

  • 06.11.2009, 09:21 UhrAnonymer Benutzer: O.H.

    Wer nur bis morgen denkt handelt also rational?

    Sorry, aber die Lehren, die Sie hier verbreiten, die hat die Ökonomie bereits lange genug propagiert. Wer nicht erkennt, das jeder Trend mal ein Ende hat, der handelt weder rational noch im interesse seiner Firma oder Person.

    Sie behaupten:
    "ich halte diesen Trend für überzogen. Er beruht auf der Annahme, letztlich seien die Märkte ein rationaler Mechanismus, der nur von den "irrationalen" - gierigen oder panischen - Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht werde. Das entspricht der theologischen Sicht von einer "guten Schöpfung", in die nur der Mensch das böse bringt. Und der Sicht von naiven Dogmatikern, die sich unbedingt den Glauben an "den Markt" erhalten wollen."

    Das ist, mit Verlaub, ausgemachter blödsinn. Man geht auch beim Klima nicht von einer "guten Schöpfung" aus, sondern von einem vollkommen neutralen System von Wechselwirkungen, dass sich in einem bestimmten Rahmen selbst im Gleichgewicht hält, bei genügend größer Störung aber auch in der Lage ist, radikal zu kippen, wenn die Regulationsmechanismen nicht mehr gegensteuern können. Genauso funktioniert im übrigen auch unser Körper: botenstoffe sorgen dafür, dass das neu produziert wird, was gebraucht wird und die Produktion von dem heruntergefahren wird, was im Überfluss da ist. bei einer radikalen Störung aber versagt das System.

    Von einer "guten Schöpfung" kann also keine Rede sein, wohl aber von einem hochkomplexen System von Wechselwirkungen, dass in bestimmten Rahmenbedingungen wunderbar funktioniert. Wenn aber genügend Leute meinen, im Schlaraffenland zu leben, dann funktioniert es eben nicht mehr.

    Wer einerseits propagiert, kurzfristiges Denken sei völlig ok und rational, dem wird aber ohnehin der Atem fehlen, eben jene Wechselwirkungen aufzuklären. insofern ist der Ruf nach Untersuchungen heuchlerisch - insbesondere, wenn man von vorneherein bestimmte Ergebnisse kategorisch ausschließt weil nicht sein kann was nicht sein darf.

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