Wiebes Weitwinkel
Der Retter geht leer aus

Vor knapp einem Jahr haben die Politiker die Welt gerettet. In Deutschland stand vor allem Finanzminister Peer Steinbrück im Rampenlicht, wenn auch dicht gefolgt von Bundeskanzlerin Angela Merkel – und, etwas unauffälliger, begleitet von Leuten wie Bundesbank-Präsident Axel Weber oder Jochen Sanio, dem Chef der Finanzaufsicht. Doch die Wahl vom Sonntag zeigt: Die Wähler beeindruckt das nicht.
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Die Wähler haben die Finanzkrise entweder gar nicht richtig registriert oder schon abgehakt. Sie belohnen vor allem die kleinen Parteien – allen voran die FDP – die in der großen Oper von der Rettung aus der Not als Statisten, oder bestenfalls im Chor, mitgewirkt haben.

Und wo bleiben die Diskussionen darüber, dass der Staat jetzt wieder stärker in die Wirtschaft eingreifen, die Marktwirtschaft wieder sozialer werden und bei den Unternehmen nicht alles nach den Interessen der Shareholder ausgerichtet werden sollte? Der starke Gewinn der FDP, die mit diesen Thesen wenig am Hut hat, spricht dafür, dass diese Debatten viele Wähler gar nicht interessieren.

Manch einer mag mit Häme beobachten, wie Steinbrück jetzt hinter der Kulisse verschwindet. Schließlich war er als oberster Chef der Finanzaufsicht, und früher als Landesvater der WestLB in Düsseldorf, auch am Entstehen der Krise beteiligt, was er mit seiner Rolle als Retter gerne überspielt hat. Außerdem ist bei der Rettungsaktion keineswegs alles glatt gelaufen.

Trotzdem: Das Drama der letzten zwölf Monate, in denen die Banken den Kapitalismus bis an den Abgrund getrieben und die Politiker – unterschiedlichster Couleur – ihn vor dem totalen Absturz bewahrt haben, wird in die Geschichtsbücher eingehen.

Aber die Demokratie ist schon im antiken Athen mit ihren Helden nicht zimperlich umgegangen: Sie schickte sie meist nicht nur hinter die Bühne, sondern gleich ins Exil. Der Wähler wählt die Zukunft, nicht die Vergangenheit, und da sehen viele Bürger eine Zeit vor sich, in der sie den Gürtel enger schnallen müssen – auch als Folge der Finanzkrise. In einer solchen Phase trauen sie den liberalen und konservativen Kräften mehr zu: Es ist einfacher für Parteien rechts von der Mitte, unrealistische Steuerversprechen einzukassieren, als für Parteien links von der Mitte, soziale Besitzstände zu beschädigen.

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