Wiebes Weitwinkel
Deutsche Tugend

Deutsche Tugenden werden oft mit Arbeit, Fleiß, Disziplin und Zusammenhalt verbunden. Solche Eigenschaften scheinen gerade in Zeiten der Finanzkrise wieder an Bedeutung zu gewinnen.

Wir erleben wieder einmal ein Stück angewandter deutscher Tugend. Und zwar schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre. Diesmal ist es der bemerkenswerte Zusammenhalt von Unternehmen, Gewerkschaften und Politik mit dem Ziel, Arbeitslosigkeit trotz Finanzkrise so weit wie möglich zu verhindern. Keiner weiß, wie lange das funktioniert. Ganz ungefährlich ist die Sache auch nicht, weil sie viel Geld kostet. Und sicherlich ist bei allen Beteiligten auch eine Menge Eigennutz im Spiel: Die Politik kann Arbeitslosigkeit vor der Wahl nicht gebrauchen, die Gewerkschaften können sie nie gebrauchen, und die Unternehmen wollen nicht noch einmal Personal rauswerfen, das sie dann kurze Zeit später wieder brauchen.

Trotzdem ist die Sache bemerkenswert: Wir sehen einen massiven Einbruch der Produktion, aber von Panik, nackter sozialer Härte, rücksichtslosem Stellenabbau und starrem Blick auf die Rendite ist - außer vielleicht in Einzelfällen - wenig zu spüren. Eher zeigt sich das Bemühen, sich irgendwie so durchzuwurschteln, dass es nicht allzu weh tut. Rheinischer kann Kapitalismus nicht mehr werden. Nach der Einführung des Euros gab es eine ganz ähnliche Aktion.

Damals hielten alle zusammen, um Deutschland, nachdem es mit einer ungünstigen Kursrelation in die Währungsunion gestartet war, möglichst schnell wieder wettbewerbsfähig zu machen. Und das hat so schnell und so gut funktioniert, dass wir damit andere - vor allem europäische - Exportnationen beinahe an die Wand gedrückt haben.

Typisch für diese Aktionen ist, dass es eigentlich niemanden gibt, der sie steuert, auch keinen Masterplan. Trotzdem ziehen alle an einem Strick, als sei es verabredet. Typisch ist auch, dass wir gleichzeitig unglaublichen Pessimismus verbreiten und uns ständig gegenseitig ermahnen, uns auf das Schlimmste gefasst zu machen. Bücher nach dem Motto "Deutschland geht den Bach runter" waren noch Bestseller, als wir unsere Konkurrenten schon völlig plattgemacht hatten.

Jetzt ist es ähnlich: Alle arbeiten daran, den großen Absturz zu verhindern, und gleichzeitig beschwören wir die Gefahr herauf, dass es noch ganz schlimm wird.

Natürlich bleiben die nächsten Jahre sehr schwierig. Aber die Bereitschaft, wie auf Verabredung gemeinsam zu handeln, wird auch weiterhin helfen, mit den Problemen klarzukommen.

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