Wiebes Weitwinkel
Die Welt der Währungen kennt mehr als nur eine Wahrheit

Staatliche Eingriffe in den Devisenmarkt sind böse, sagen die meisten Experten. Aber diese Sicht ist zu einseitig auf die westlichen Industrieländer ausgerichtet.
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Im Streit zwischen den USA und China gibt es zwei gegenseitige Standardvorwürfe. USA an China: Ihr drückt eure Währung, um den Export anzuheizen. China an die USA: Ihr macht auch nichts anderes mit eurer Politik des billigen Geldes und extrem niedriger Zinsen.

Wer hat recht? Wahrscheinlich beide Seiten. Und recht haben auch die Ökonomen, die vor einem weltweiten Abwertungswettlauf warnen, bei dem jeder versucht, seine Produkte über Interventionen am Devisenmarkt billiger zu machen als die der Konkurrenz.

Aber es ist zu einseitig, nur auf die ganz großen Länder zu schauen. Denn mitbetroffen sind auch mittelgroße Volkswirtschaften wie Brasilien und mittelkleine wie Thailand – und noch kleinere. Die niedrigen Zinsen in den großen Währungen lenken die Kapitalströme in die Schwellenländer. Dort treiben sie die Währungen hoch, und das empfinden diese Länder – ebenfalls zu Recht – als eine indirekte Form von Manipulation.

Viele Schwellenländer haben wiederholt schlechte Erfahrungen mit solchen Kapitalzuflüssen gemacht. Wenn die Investoren plötzlich aus irgendwelchen Gründen Angst bekommen, holen sie ihr Geld „nach Hause“ und ziehen es rasch aus den Schwellenländern ab, was dort zu wirtschaftlichen Einbrüchen führen kann. Und das passiert, wie die Finanzkrise gezeigt hat, auch dann, wenn die Probleme gar nicht von den Schwellenländern ausgehen, sondern von der Heimat der großen Investoren – also vor allem den USA. Gerade kleine Länder können durch solche plötzlichen Zu- und Abflüsse in einer Weise durchgeschüttelt werden, von denen man sich im reichen Westen keine wirkliche Vorstellung macht.

Es gibt aber noch ein anderes, vielleicht noch größeres Problem. Selbst wenn der Kapitalzustrom anhält, richtet er Schaden an, weil er auf Dauer zu einer Überbewertung der jeweiligen Landeswährung führt. Der US-Ökonom James Galbraith weist darauf hin, dass genau diese Erfahrung viele Schwellenländer zur Zeit des liberalen „Washington-Konsensus“ gemacht haben: Eine stabile Geld- und Finanzpolitik, verbunden mit recht offenen Kapitalmärkten, wird mit einem stetigen Zustrom an Geld belohnt; der führt aber letztlich zu einer Überbewertung der Währung und damit zur Erosion der industriellen Basis, weil das Land im Export geschädigt und von billigen Importwaren – zum Beispiel aus China – überschwemmt wird. Südafrika etwa ist immer in dieser Gefahr.

Fazit also: Niemand wird den Schwellenländern mit guten Argumenten ausreden können, sich notfalls mit administrativen Maßnahmen gegen allzu heftige Kapitalzuflüsse zu wehren. Davon unabhängig bleibt es aber richtig, dass die großen Länder einen Abwertungswettlauf vermeiden und speziell die Chinesen eine kontrollierte Aufwertung zulassen sollten. Die Welt der Währungen kennt nicht nur eine einzige Wahrheit.

Kommentare zu " Wiebes Weitwinkel: Die Welt der Währungen kennt mehr als nur eine Wahrheit"

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  • Wie wahr: "Die Welt der Währungen kennt nicht nur eine einzige Wahrheit." Es gibt viele blickwinkel, aus denen Wechselkursentwicklungen beleuchtet werden können. So sollte nie eine Seite verdammt werden, denn es liegen meist gute Gründe für bestimmte Handlungen vor. Danke, Frank Wiebe, dass Sie dies verständlich dargestellt haben in diesem Artikel.

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