Wiebes Weitwinkel
Eine Runde Selbstkritik

Wie ist die Rolle der Journalisten in der Finanzkrise zu beurteilen? Haben die Medien die Entwicklung richtig eingeschätzt? Und wie groß ist tatsächlich ihre Macht?

Ein Leser regte in einer Mail an, einmal die Rolle der Journalisten in der Finanzkrise zu beleuchten. Auf den Vorschlag gehe ich gerne ein. Denn es ist schon wahr: In den Medien ist dauernd vom Versagen der Banken, Aufseher, Politiker und Ökonomen die Rede, aber nur selten von dem der Journalisten. Das liegt daran, dass Medien von Journalisten gemacht werden.

Wenn ich zurückblicke und auf die Rolle der Finanzjournalisten schaue, würde ich sagen: Wir haben ganz ähnliche Fehler gemacht wie die anderen Berufsgruppen auch. Wie haben viele Entwicklungen falsch eingeschätzt oder ihnen nicht genug Beachtung geschenkt. Natürlich gab es Ausnahmen, aber es waren zu wenige.

Manchmal hört man in diesem Zusammenhang das Schlagwort von der "Macht der Medien". Ich glaube, dass das eher in die Irre leitet. In einzelnen Fällen können Medien tatsächlich großen und auch gefährlichen Einfluss ausüben. Ein Chef einer bedeutenden deutschen Bank verriet vor Jahren mal, negative Berichte einer weltweit bekannten Zeitung hätten ihn fast so weit gebracht, dass er den Geschäftsbetrieb einstellen musste. Aber das sind Ausnahmen.

Die Regel sieht eher so aus: Medien wirken als Verstärker. Sie berichten über Trends und heizen sie dadurch an. Wenn sich eine Blase an den Kapitalmärkten bildet, tragen die Medien so häufig dazu bei.

Vor einigen Monaten meinte ein Kollege im Rundfunk, die Finanzjournalisten hätten vor der Finanzkrise nicht "investigativ" genug gearbeitet und "die Schweinereien" deswegen nicht entdeckt. Ich glaube aber, es war viel banaler. Häufig waren bestimmte Dinge bekannt, aber haben niemanden beunruhigt. Mir hat zum Beispiel ein Pressesprecher der IKB mal erzählt, dass seine Bank ganz tolle Geschäfte mit amerikanischen Wertpapieren macht und damit ihre Rendite aufbessert. Es hat mich damals nicht sonderlich interessiert. Ich habe den Fehler gemacht, den man als Journalist nie machen darf: Ich habe nicht nachgefragt.

Was folgt daraus? Journalisten müssen misstrauischer werden, vor allem, wenn ihnen fast jeder dasselbe erzählt - dann droht eine Blase. Und Leser sollten misstrauisch werden, wenn alle Zeitungen dasselbe schreiben, aber der gesunde Menschverstand etwas anderes sagt.

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