Wiebes Weitwinkel
Manche Bank verhält sich wie ein schwer erziehbarer Jugendlicher

Ein Unternehmen ist mehr als die Summe seiner Mitarbeiter: Das erklärt, warum Appelle an die individuelle Moral einzelner Banker häufig kaum etwas bewegen. Um Unternehmen als solche zu ändern, muss sich aber auch das Umfeld ändern - sonst werden sie ganz schnell rückfällig.
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Haben Banken ein Gewissen? Also nicht die einzelnen Banker oder die Topmanager, sondern die Unternehmen selbst? Diese Frage mag absurd klingen, denn schließlich bestehen Unternehmen ja aus den einzelnen Menschen, die in ihnen arbeiten. Und doch gibt es Ethiker wie Alex Oliver von der Universität Cambridge, die ganz klar sagen: Ja, Unternehmen haben eine moralische Persönlichkeit, die sich nicht aus den Persönlichkeiten ihrer Mitarbeiter oder Entscheider ableiten lässt. Und sie meinen das nicht etwa nur als Metapher. Wenn man den Gedanken weiterspinnt, ergeben sich daraus auch Hinweise zu dem Phänomen, dass sich manche Banken wie schwer erziehbare Jugendliche verhalten und von ihren schlechten Gewohnheiten nicht lassen können.

Um die "moralische Persönlichkeit" eines Bankkonzerns zu analysieren, muss man zunächst feststellen, nach welchen Mechanismen dort Entscheidungen getroffen werden. Jeder Fußballfan weiß: Bei einer Liga, in der nach Punkten gewertet wird, kommen häufig andere Mannschaften zum Zug als beim Pokal, wo es nach dem K.o.-System zugeht. Ähnliche Unterschiede gibt es auch in den Entscheidungshierarchien von Unternehmen.

Dann stellt sich die Frage, wie die Mechanismen bei Beförderungen funktionieren. Zum Beispiel dürfte es einen großen Unterschied machen, ob in einem Bankkonzern der Risikovorstand bei der Besetzung von Top-Positionen im Eigenhandel ein Wort mitzureden hat. Auch hier gilt: Dasselbe Set von einzelnen Persönlichkeiten kommt, abhängig von der Struktur des Unternehmens, zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Die Sache geht noch weiter. Eine Bank, die am Markt als "aggressiv" gilt, wird ganz andere Bewerber anziehen als ein finanziell erzkonservatives Haus. Spätestens hier wird klar, dass nicht nur die Banker die Bank beeinflussen, sondern auch umgekehrt. In diesem Zusammenhang spielt die sogenannte Unternehmenskultur eine Rolle. Oft genug handelt es sich dabei nur um eine beschönigende Selbstbeschreibung ohne größeren Einfluss. Wenn sie aber durch Strukturen und ein lange gepflegtes Image abgesichert ist, kann sie sogar zu viel Einfluss bekommen: Dann scheitern selbst gutwillige Vorstände an der Aufgabe, ihren Konzern "umzuerziehen".

Eine Gemeinsamkeit zwischen Banken und schwer erziehbaren Jugendlichen spielt eine besonders große Rolle: Beide sind von ihrer Umwelt geprägt. Wer Jugendliche aus einem kriminellen Milieu herauszieht, sie "umerzieht" und anschließend in dasselbe Milieu wie vorher entlässt, kann damit nur zwei schlechte Ergebnisse erzielen: Entweder sie vergessen ganz schnell, was sie gelernt haben, oder sie gehen unter. Deswegen wird man versuchen, den Jugendlichen neue Chancen zu geben. Banken arbeiten aber immer noch in denselben Märkten wie vorher. Ein Unternehmen ist mehr als die Summe seiner Mitarbeiter: Das erklärt, warum Appelle an die individuelle Moral einzelner Banker häufig kaum etwas bewegen. Man muss die Strukturen verändern.

Kommentare zu " Wiebes Weitwinkel: Manche Bank verhält sich wie ein schwer erziehbarer Jugendlicher"

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  • ... "Man muss die Strukturen verändern"... durch höheren Eigenkapitaleinsatz bei höherer Risikobereitschaft und keine kurzfristigen Gewinne mehr anstreben. Diese Strukturänderung wurde von vielen Krisenanalysten befürwortet, nur leider ohne administrative befugnisse. Eigenverantwortliches Handeln der Kreditinstitute ist hier die Ausnahme, zum beispiel aktuell, die UbS Schweiz:

    http://tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2010/01/12/Wirtschaft/UbS-erlaesst-neuen-Verhaltens-und-Ethikkodex


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