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Wiebes Weitwinkel: Warum exzessive Boni schlecht für den Kapitalismus sind

Manche Gehälter sind mit normalen Maßstäben nicht nachvollziehbar. Sie zerstören den Glauben daran, dass es ansatzweise gerecht zugeht, und damit das Fundament der Gesellschaft.

Wieso ist es eigentlich so schlimm, wenn ein Bankmanager einen zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr verdient? Oder einzelne Hedge-Fonds-Manager sogar eine Milliarde einstreichen? Schließlich haben sie das Geld niemandem gestohlen. Und für die Sicherheit des Finanzsystems ist es wichtiger, wann und wofür Boni gezahlt werden als in welcher absoluten Höhe. Dazu kommt: Themen wie Eigenkapitalausstattung, Risikokontrolle, Liquiditätssteuerung und Konzerngröße und-struktur spielen für die Stabilität einer Bank eine viel größere Rolle als die Gehälter der Topleute.

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Ist es also purer Populismus, sich über exzessive Vergütungen aufzuregen? Steckt allein der Neid dahinter? Natürlich spielt beides eine Rolle, aber ich glaube, das Thema geht doch viel tiefer: Wenn einzelne Leute mehr Geld einstreichen, als mit normalen Maßstäben nachvollziehbar ist, dann machen sie das System unglaubwürdig, dem sie dieses Geld verdanken.

Jede Gesellschaft braucht ein doppeltes Fundament. Einmal muss sie funktionieren. Und zum anderen muss sie zumindest den Eindruck erwecken, dass es einigermaßen gerecht zugeht. Die Feudalgesellschaft hat nach heutigen Maßstäben schlecht funktioniert. Aber da es den modernen Staat mit seinen Institutionen nicht gab, war sie unter diesen Vorzeichen wohl eine relativ brauchbare Form, das Zusammenleben zu organisieren. Sie benötigte aber eine Theorie des blauen Bluts, um Gerechtigkeit vorzutäuschen.

Die beste Rechtfertigung für den Kapitalismus war immer, dass er funktioniert und Wohlstand für alle schafft. Das ist ein starkes Argument, aber auch fast schon das einzige. Immanuel Kant hat versucht, das Privateigentum aus der Idee der Freiheit heraus zu begründen, sich dabei aber letztlich in Widersprüche verstrickt. John Rawls hat Ungleichheit für gerechtfertigt erklärt, wenn sie auch den Schwachen nützt. Letztlich läuft alles immer wieder darauf hinaus: Das System funktioniert eben, und deswegen akzeptieren wir es.

Aber was verbürgt in diesem System die - reale oder scheinbare - Gerechtigkeit? Diesen Part übernimmt das Leistungsprinzip: Wer viel leistet, verdient viel, und wer viel verdient, hat irgendwann ein Vermögen (die Erben haben einfach Glück gehabt, sei es ihnen gegönnt). Jeder weiß, dass es viele Beispiele gibt, wo Leistung und Verdienst zusammenfallen, aber auch fast genauso viele, wo das nicht der Fall ist. Doch so lange wir gut leben und die Gegenbeispiele nicht zu sehr ins Auge stechen, löst das nur gelegentliches Gegrummel aus: Man beklagt zwar Gerechtigkeitslücken, stellt aber die Grundlagen der Gesellschaft nicht infrage.

Exzessive Bezüge einzelner Manager und eine immer weiter auseinanderklaffende Gehaltsschere sprechen aber dem Leistungsprinzip hohn - und unterhöhlen damit eines der beiden Fundamente des Kapitalismus. Diejenigen, die am meisten von dem System profitieren, sollten hin und wieder darüber nachdenken, statt nur auf die Kurse zu starren.

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